Transatlantik

  • Piper
  • Erschienen: Oktober 2022
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Carsten Jaehner
97

Histo-Couch Rezension vonDez 2022

Ein bedrückendes Porträt der Zeit

Berlin, 1937. In einer Garage wird in einem Auto ein toter Mann gefunden, wohl an Abgasen erstickt. Wie sich herausstellt, war dieser Mann Nazi und mit Greta liiert, der besten Freundin von Charlotte Rath. Doch Greta ist seit einigen Tagen spurlos verschwunden, was ein Problem ist, da sie zum Mord an dem Toten befragt werden soll. Die Suche nach Greta ist jedoch nicht das Einzige, was Charlie umtreibt, momentan scheint ihr ganzes Leben in Trümmern zu liegen.

Neben der Sorge um Greta versucht sie, ihren einstigen Adoptivsohn Fritze aus den Fängen der Nervenheilanstalt zu holen, hierzu ist es ihr gelungen, Fritzes tatsächlichen leiblichen Vater ausfindig zu machen. Nichts würde sie lieber tun, als Fritze nach Hause zu holen, doch so einfach ist das nicht. Dazu kommt, dass ihr Mann Gereon verschwunden ist und als tot gilt. Doch Gereon ist nicht tot, was aber niemand wissen soll, denn es sind immer noch alte Feinde hinter ihm her. Als es ihm gelingt, sich nach Amerika zu seinem Bruder Severin abzusetzen, merkt er schnell, wie klein die Welt ist und dass er auch dort Zielscheibe seiner Vergangenheit ist.

Alles wird anders

Volker Kutscher knüpft mit Gereon Raths neuntem Fall nahtlos an „Olympia“ an, der im Jahr 1936 spielt und an dessen Ende Gereon angeschossen wurde und spurlos verschwand. Schon der Titel „Transatlantik“ lässt einiges vermuten, was denn wohl mit Gereon geschehen sein könnte, aber das bleibt lange im Unklaren.

So ist es denn hauptsächlich ein Roman über Charly, die sich nicht sicher ist, ob sie nun Witwe ist oder nicht. Zwar gab es nach Gereons Verschwinden ein kurzes Lebenszeichen, aber das war es auch. Volker Kutscher baut seinen Roman behutsam auf und verrät nie zu viel. Der Leser weiß immer genau so viel wie Charly, auch wenn gelegentlich neben Fritze zu anderen Personen geschwenkt wird. Kutscher schafft es gewohnt realistisch, die politische Situation in Berlin einzufangen und beschreibt den Spagat zwischen den Nationalsozialisten und denen, die keine Braun- oder Schwarzhemden sind. Dies gelingt ihm so eindrücklich, dass man selbst ins grübeln kommt, wie lange das noch gutgehen wird und ob man nicht besser dran wäre, wenn man auch die Seite wechseln würde.

Alte und neue Feinde und Freunde

Was Fritzes Schicksal angeht, ist es tatsächlich von Vorteil, wenn man den kleinen Sonderband „Mitte“ gelesen hat, der 2021 erschienen ist und der eine Episode beschreibt, die zwischen „Olympia“ und „Transatlantik“ angesiedelt ist. Es geht auch ohne, aber mit „Mitte“ ist einiges leichter zu verstehen. Kutscher erzählt seine Geschichte eindrücklich und spart nicht an realistischen Einzelheiten, auch wenn man ihm ein anderes Schicksal gewünscht hätte. So war es wohl, und es war wohl kein Einzelfall, und gerade deshalb ist es so nahegehend.

Während ihren eigenen Ermittlungen sieht sich Charly immer mehr in der Rolle Gereons und versteht nun auch besser seine Vorgehensweise, wie er sich nach und nach in illegale Sümpfe verstrickt hat und wie er ermittelt hat. Charly muss vorsichtig vorgehen auf der Suche nach Greta und dem Mörder des Toten aus der Garage. Sie hat noch ihre Verbindungen zur „Burg“, wo sie damals selbst mit ermittelt hat, aber sie ist ja nun als Privatermittlerin tätig und kann daher ihre Quellen nicht preisgeben, vor allem, wenn sie einige Sache gar nicht wissen dürfte.

Zur Seite steht ihr ein neuer Freund, der in Berlin ein Fotogeschäft hat und dem sie vertraut. Es gibt einige weitere neue Figuren wie den Musiker Freddy, den Charly bei ihren Recherchen kennenlernt, aber auch alte Bekannte, wie die Familie Goldstein und vor allem Johann Marlow, der Gereons Erzfeind ist und die sich zufällig auch in Amerika wieder begegnen. Doch nichts ist wie zuvor, man weiß nicht, wer hier mit wem gegen wen streitet und wer es am Ende überleben wird. Kutscher hält die Spannung hoch, und er hat in den vorherigen Büchern bewiesen, dass er immer wieder für eine Überraschung gut ist, und so ist es auch hier, egal ob in Amerika oder in Berlin.

Spannender und realistischer geht es nicht

Volker Kutscher gelingt es, das hohe Niveau der Vorgängerbände zu halten, wobei dieser neunte Band ohne Kenntnis des Vorgängers nicht zu verstehen ist. Aber da ja niemand die Rath-Romane durcheinander lesen wird (oder sollte), dürfte dieses Problem beim Leser eigentlich nicht auftauchen. Alle Romane bauen aufeinander auf, zeitlich wie inhaltlich, und nun schreibt man bereits das Jahr 1937, von Kutscher spannend und realistisch eingefangen, als ginge man selber durch die Straßen Berlins, würde die Fliegeralarmübung selbst mitmachen, sich in Cafés und Kellerspelunken herumtreiben und sich vor der SS wegducken, wann es möglich ist.

Es ist schon schade, dass diesem Band nach Aussagen des Autors nur noch ein weiterer folgen wird, aber die Reihe war von Anfang an nur auf zehn Teile ausgelegt. Auf diesen letzten Teil darf mit Hochspannung gewartet werden, denn am Ende von „Transatlantik“ sind nicht alle Geschichten dieses Buches aufgelöst, und man kann es kaum erwarten, wie welches Ende für alle Beteiligten aussehen wird. Das wird sich erst in zwei Jahren zeigen, und der Autor hat sich die Latte selbst sehr hoch gelegt, aber es dürften kaum Zweifel bestehen, dass er die selbst auferlegte Aufgabe bravourös erfüllen wird.

Fazit

„Transatlantik“ ist ein spannender Roman mit zahlreichen Wendungen, der die Atmosphäre der 1930er Jahre in Berlin erschreckend realistisch auffängt und somit zum Besten gehört, was das Genre zu bieten hat. Der Band ist nur mit Kenntnis seiner Vorgänger richtig zu verstehen und hält die Spannung bis zu seinem Nachfolger aufrecht. Hervorragend und äußerst empfehlenswert.

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