Der Offizier der Kaiserin

  • Grafit
  • Erschienen: April 2020
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Nicole Goersch
50

Histo-Couch Rezension vonNov 2022

Distanzierte Erzählweise sorgt für eine eher dünne Geschichte

Österreich 1898: Auf Schloss Hof in der Provinz geht es beschaulich zu. Verwalter Brahm führt ein ruhiges Leben und genießt das Ansehen bei den Dorfbewohnern. Dann kündigen sich aber nicht nur Offiziere an, die in das verlassene Schloss einziehen wollen, sondern auch Kaiserin Sisi. Brahm bestellt Irmi als Dienstmädchen ein, die ihm nicht nur bei der Rattenplage zur Hand gehen soll, sondern auch die Räumlichkeiten putzt. Dabei verliebt sie sich in Tomas, einen der Offiziere.

Als dieser ermordet wird, werden die Ermittler Pospischil und Frisch aus Wien zur Aufklärung einbestellt.

Distanzierte Beschreibungen

Sowohl die Beschreibungen der Umgebung als auch die der Personen bleiben distanziert, so dass man kaum mit der Protagonistin Irmi warm wird. Sie bleibt so blass und allgemein, dass sie einfach nicht richtig greifbar wird. Selbst in so einschneidenden Szenen wie die Entjungferung durch den Offizier werden beim Lesen kaum Gefühle geweckt, zumal die Szene erst im Nachhinein kurz beschrieben wird.

Genau das ist auch das Problem: es wird nur knapp erzählt. Viel bleibt der Vorstellungskraft überlassen. Dadurch gewinnt der Roman nicht die Opulenz, die man von anderen historischen Romanen kennt und gewöhnt ist.

Auch durch die Dialoge zwischen Irmi und Tomas gewinnen kaum Dynamik, wirken eher steif als mitreißend.

Wechsel der Protagonisten

Ziemlich abrupt wendet sich der Roman von seinen bisherigen Hauptpersonen, Irmi und Tomas, ab, hin zu dem polizeilichen Ermittler Pospischil, der den Mord an Tomas untersuchen soll, der im Wald erschossen wurde. Irmi wird nun links liegen gelassen und das Hauptaugenmerk auf die Polizeiermittlung gelegt, die sehr modern anmutet.

Pospischil weist nach einer kurzen Untersuchung des Tatorts auf zwei „unterschiedliche Fremdfingerspuren auf der Jacke des Opfers“ hin, aber erst ab dem Jahr 1902 wurde die Untersuchung der Fingerabdrücke systematisch in Wien eingeführt. Deshalb darf bezweifelt werden, ob solch eine explizite Untersuchung bereits möglich gewesen wäre. Erst 1910 wurde ein Tatortleidfaden erstellt, in dem auch die Sicherung von Fingerspuren aufgeführt ist.

Fragen bleiben offen

Ohne das Ende zu verraten, sei doch so viel gesagt, dass auch dann noch ein paar Fragen offenbleiben werden. Auch der eher verwirrende als aufklärende Epilog trägt nicht dazu bei, diese zu beantworten.

Vielleicht ist es auch der Tatsache geschuldet, dass der recht kurz gehaltene Roman an manchen Stellen gerne hätte ausführlicher sein können. Im Gegensatz dazu gibt es aber  andere Szenen, die ausgiebig beschrieben werden, aber keinen Wert für die Geschichte als solches haben, z. B. Pospischils Zuwendung zu einer Ratte.

Fazit

„Der Offizier der Kaiserin“ von Christine Neumeyer ist ein dünner Historienroman. Damit ist nicht nur der Umfang des Romans gemeint, sondern auch die Geschichte an sich. Vieles bleibt ausgespart und wird indirekt erzählt, was die Charaktere unnahbar macht.

Der Offizier der Kaiserin

, Grafit

Der Offizier der Kaiserin

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