Das ewige Licht von Notre-Dame

  • Ullstein
  • Erschienen: September 2022
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Christina Wohlgemuth
87

Histo-Couch Rezension vonOkt 2022

Immer höher, immer heller

Frankreich, im ausgehenden Hochmittelalter. Im ganzen Land entstehen Kathedralen, besondere Gotteshäuser, die dem Ruhm und der Ehre Gottes ein Denkmal setzen sollen. Auch Pierre, der jüngst seine Mutter verloren hat, soll in die Fußstapfen seines Vaters treten und die Gewerke rund um den Kathedralenbau erlernen. Er landet in Paris bei dem wortkargen, eigensinnigen Meister Jean, seiner gottesfürchtigen Frau Nathalie und deren noch eigensinnigerer Tochter Agnes. Das Schicksal führt den Jungen und seinen Lehrmeister zu Notre-Dame, an der schon seit vielen Jahren gebaut wird. Doch Meister Jean hat andere Vorstellungen als dicke, klobige Mauern. Er will Gott eine Ruhmeshalle aus Licht errichten – ein geradezu waghalsiges Unternehmen, von dem nicht Wenige sagen, es stünde unter keinem guten Stern, weil es mehr dem Hochmut des Baumeistes diene als der Ehre Gottes. Und auch die Neider sind nicht weit.

Aus der Hochzeit des Kathedralenbaus

Jede*r Leser*in hat schon einmal von Notre-Dame de Paris, der großen Kathedrale an der Seine, gehört, viele werden sie auch schon gesehen haben. Ihr Bau war, wie der aller großen Kathedralen jener Zeit, ein Mammutprojekt über mehrere Generationen. An der titelgebenden Kathedrale sticht mit Sicherheit die große Rose hervor, deren Licht das innere der Kathedrale durchflutet. Vom Bau von Notre-Dame und insbesondere von dieser Rose erzählt Claudius Crönert in diesem Roman anhand von Pierre und Jean, deren Beteiligung am Bau von Notre-Dame historisch belegt ist.

Rund um die wenigen gesicherten und vermuteten Fakten über diese Protagonisten baut der Autor einen Roman, in dem es zwar vor allem um Kathedralenbau geht, aber auch um Intrigen, um die Frage, wieviel Ehrgeiz ein Baumeister bei einem gottesfürchtigen Bau an den Tag legen darf – und um existenzielle Fragen der Persönlichkeitsentwicklung. Woher kommen wir, was wollen wir erreichen – und inwiefern müssen wir uns verändern, um dahin zu gelangen.

Ein stark gezeichneter Protagonist mit etwas verblassenden Nebenfiguren

Der Roman ist in der Ich-Form geschrieben – der*die Leser*in begleitet den jungen Pierre ganz nah, erfährt jede seiner Empfindungen und taucht tief in seine Gedankenwelt ein. Der Autor erzählt hier authentisch und glaubhaft von einem Jungen, der einen frühen Verlust erleidet und sich unter all den Widrigkeiten des Erwachsenwerdens seinen Platz in der großen Welt suchen muss. Durch diese Fixierung auf den Protagonisten leidet fast notwendigerweise die Charakterisierung der anderen Figuren. Agnes und Jean erhalten zwar ihre eigenen Charakterzüge, doch in die Tiefe gehen ihre Charaktere nicht. Je weiter die Nebenfiguren von Pierre entfernt sind, desto schablonenhafter wirken sie.

Das ist sicherlich einerseits dem Erzählstil, aber auch der Kürze des Buches geschuldet. Umso umfangreicher erfolgt aber die Darstellung der Kathedrale und eine lebhafte, interessante Darstellung des Kathedralenbaus. Ein Einblick in die verschiedenen Gewerke wird dem*der Leser*in ebenso gewährt, wie die tiefgreifenden Veränderungen im Baustil jener Zeit. Hier schafft es Claudius Crönert, sein Wissen lebendig zu vermitteln, ohne seine Geschichte mit Fakten zu überfrachten. Auch die Darstellung des Zeitgeists gelingt – das Leben in einer Großstadt wie Paris wird anschaulich dargestellt, die Gottesfürchtigkeit als zentrales Thema ebenso. Ein leichter und eingänglicher Schreibstil runden das Leseerlebnis ab.

Fazit

Claudius Crönert ist ein solider, interessanter Roman gelungen, der zwar nicht den Sprung in die allerhöchsten Ränge schafft, aber glaubhaft und unterhaltsam von einer Zeit erzählt, in der die Menschen Großes wagten und Bauwerke für die Ewigkeit schufen.

Das ewige Licht von Notre-Dame

, Ullstein

Das ewige Licht von Notre-Dame

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