Die Verlassenen

  • Penguin
  • Erschienen: März 2021
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Heike Jaschhof
90

Histo-Couch Rezension vonAug 2022

Auf den Spuren der Vergangenheit

Halle / Saale 1994: Nach dem plötzlichen Verschwinden seines Vaters, wird der 13jährige Halbwaise Johannes liebevoll von seiner Großmutter aufgenommen. Bei ihr findet er wieder Halt und Sicherheit. Doch Jahre später tritt unversehens ein Ereignis ein, das sein gleichförmiges Leben kräftig aufrüttelt. Er findet einen Brief, adressiert an seinen Vater…

„Hinter den Wolken ist der Himmel immer blau“

Matthias Jügler beschreibt in seinem zweiten Roman die Arbeitsmethoden und Auswirkungen der Staatssicherheit auf die Bevölkerung der ehemaligen DDR. Am Beispiel der Familie Wagner arbeitet der Schriftsteller ganz besonders einen Aspekt der ostdeutschen Geschichte heraus.

Das dünne, knapp 170 Seiten umfassende Büchlein, erzählt kurz und bündig über die Oppositionsszene, über Bespitzelung und gezielte Denunzierung.

Im Mittelpunkt steht Johannes Wagner. Gekonnt verknüpft der Autor dieses unerfreuliche Kapitel der deutschen Geschichte mit dem Lebensweg seines Protagonisten. Johannes, ein gleichmütiger, melancholischer junger Mann, versucht, sich in einer für ihn unverständlichen Welt zurechtzufinden. Fragmentarisch bekommt der Leser Einblick in seine Gefühlswelt. Mit zunehmenden Offenbarungen an Täuschungen und Vertrauensbrüchen gerät er in Stimmungsschwankungen, die von Wut, Trauer und Resignation geprägt sind. In berührender Weise zeigt der Schriftsteller die Auswirkungen von Autorität und Macht eines Staates auf seine Bürger.

Obwohl der Roman sich wie eine Dokumentation liest, ist er fiktiv. Durch fingierte Fotos und

Stasi – Beobachtungsberichte ist ihm ein beeindruckendes Täuschungsmanöver gelungen. Die

Stasi – Dokumente in seinem Buch sind in Anlehnung an Originalen entstanden und mit einer Schreibmaschine der Ostdeutschen Marke „Erika“ geschrieben worden. Damit erfährt das ohnehin schon bewegende Leseerlebnis noch eine packende Steigerung.

Der Roman ist mit einem leicht schwermütigen Akzent geschrieben. Ein Wermutstropfen sind die sehr häufig wechselnden Zeitebenen. Dadurch wird die Zuordnung von Ort und Zeit erschwert und ein flüssiges Lesen beeinträchtigt.

Matthias Jügler wurde 1984 in Halle / Saale geboren. Er ist mehrfach ausgezeichneter Schriftsteller und Übersetzer für norwegische Literatur. 2022 erhielt er den Klopstock – Preis für neue Literatur.

Heute lebt der Schriftsteller mit seiner Familie in Leipzig.

Fazit

Matthias Jügler ist mit „Die Verlassenen“ ein kluger und fesselnder Roman über die ehemalige DDR gelungen. Ein Stück deutsche Zeitgeschichte, still und feinnervig erzählt.

Die Verlassenen

, Penguin

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