Goethe in Karlsbad

  • Kindler
  • Erschienen: März 2022
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Carsten Jaehner
95

Histo-Couch Rezension vonAug 2022

Die Liebe ändert alles

Im Frühjahr 1816 sitzt Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe mit seinem Diener in einer Kutsche nach Karlsbad, wo er sich ein paar Tage von den Anstrengungen des Jahres 1815 erholen will. Man hatte ihm eine außereheliche Affäre angedichtet, seine Frau Christiane, durch eine pikante Vorgeschichte eh in der Gesellschaft nicht wohlgelitten, war durch einen Schlagfluss schwer erkrankt. So sucht der berühmte Dichter in seinem 67. Lebensjahr das beruhigende Heilbad auf.

Doch schon am ersten Tag trifft er bei einem Spaziergang an der Tepla ein junges Paar, dass sich, wie einst sein Romanheld Werther, selbst richten möchte, ein vorher gehörter Streit, laut genug, ließ Goethe bereits aufhorchen, dass es um unerfüllbare Liebe gehen soll. Tatsächlich steigt er in den Fluss und entreißt dem jungen Mann eine Pistole, führt die beiden durchnässten zu sich in seine Unterkunft und gibt sich dort als er selbst zu erkennen.

Das Paar berichtet von seiner unglücklichen Liebe, sie einem anderen versprochen, den sie aber nicht will, er hoffnungslos in sie verliebt, aber unter ihrem Stand. Mit Goethe als Berühmtheit an der Hand, wollen sie einen letzten Versuch starten, die Genehmigung ihrer jeweiligen Eltern zu bekommen. Goethe willigt ein, sich für sie einzusetzen, doch da scheint ihn seine amouröse Vergangenheit einzuholen. Ein anonymer Brief berichtet, dass eine angebliche ehemalige Geliebte schwanger sei und er sich beeilen soll, die Angelegenheit zu regeln, ehe es einen großen Skandal gibt. Doch wer hat den Brief geschrieben? Was wird Christiane sagen? Und wie soll er dem jungen Paar helfen? Es hilft alles nichts, er muss Karlsbad verlassen und für Ordnung in seinem Leben sorgen.

Der Dichterfürst als Lebensretter

In seiner kleinen, 163 Seiten umfassenden Erzählung gibt Ralf Günther der Leserschaft einen ungewohnten Einblick in eine Episode aus Goethes Leben. Eigentlich wollte Goethe ein paar entspannende Tage in Karlsbad verbringen, aber dieses Ansinnen währt nicht einmal einen Tag. Schon in der ersten Nacht rettet er ein junges Pärchen, Henri Liebau, Sohn eines Weinhändlers aus Erfurt, und Amalie Freifrau von Schweikhofen, versprochene adelige Tochter aus gutem Hause, vor dem Freitod. Das Paar hat Goethes Werther gelesen und beruft sich auf ihn als Legitimation für ihren Freitod, doch scheinbar hat Amalie es sich inzwischen anders überlegt.

Hier beschreibt der Autor eine Situation, die nach dem Erscheinen des Werther 1774 viele aus Liebe verzweifelte Menschen den Selbstmord legitimiert hat, etwas, was Goethe nie verstanden hat. Entsprechend wehrt er sich dagegen und gerät mit Henri in einen Disput über Liebe, legitim oder nicht, zumal alle Welt die Geschichte von Goethe und seiner Frau Christiane kennt. Auch diese Liebe ist aufrichtig, aber nicht standesgemäß und gesellschaftlich gar geächtet, wenn auch fürstlich legitimiert. Der Autor beschreibt hier deutlich, wie zwiegespalten Goethe war, er wird hier sehr menschlich beschrieben und hat so gar nichts von einem Staatsmann oder Dichterfürsten.

Werther und seine Folgen

Dies hält sich auch, als er per Brief erfährt,  dass er Vater eines noch ungeborenen Kindes sein soll, und wie er darüber nachsinnt, ob das überhaupt sein kann, stellt er fest, dass die Möglichkeit tatsächlich besteht und er nach Weimar reisen muss, um die Angelegenheit zu regeln, der Dame einen Mann herbeizuschaffen, der unter diesen Bedingungen einwilligt, schweigt und finanziell großzügig entschädigt wird. So kann man einen Skandal vermeiden, eine in damaligen Zeiten durchaus übliche Vorgehensweise, hier in allen Details verständlich gemacht.

Ralf Günther beschreibt Goethes Dilemma nachvollziehbar, zeigt seine schönen Stunden mit seiner Liebe Christiane, versucht aber auch, sein Versprechen dem Paar gegenüber zu halten und zu helfen. Zeitgeist und Atmosphäre werden hervorragend eingefangen und dem großen Dichterfürsten so eine passende literarische Bühne gebaut. Die Beschreibungen von Orten und Begebenheiten sind treffend und auch sprachlich passt sich der Autor der Zeit des frühen 19. Jahrhunderts an. Die Diskussionen um Liebe, die vor der Heirat da ist oder erst nach der Heirat von selbst kommt, sind sprachlich und inhaltlich zeitlos und so nimmt der Roman an Tempo auf, mit dem Höhepunkt auf einem Kostümball, wo endlich das Paar nebst ihren Eltern und dem als Charon verkleideten Goethe zur finalen Entscheidung zusammentreffen.

Wer sich dieses kleine Büchlein zu Gemüte führt, wird nach der Erzählung ein lesenswertes Nachwort finden, das aufzeigt, wieviel Realität in diesem Roman steckt. Hier soll nicht verraten werden, wer die Idee zu diesem Roman hatte, doch mit diesem Wissen liest man ihn gleich noch einmal mit ganz anderen Augen.

Fazit

„Goethe in Karlsbad“ in eine gelungene Momentaufnahme im Jahr 1816 und erzählt eine vielleicht wahre Geschichte. Der Dichterfürst ist hier kein strahlender Held, sondern ein liebender Mensch, der die Schwierigkeiten seiner Liebe und die anderer Menschen aufdeckt und damit umgehen muss. Warum der Roman diesen Titel hat, obwohl er fast gar nicht in Karlsbad spielt, bleibt ungewiss, aber immerhin kommt ja hier alles erst ins Rollen. Lesens- und empfehlenswert.

Goethe in Karlsbad

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