Gezeitenland

  • Droemer-Knaur
  • Erschienen: April 2021
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Monika Wenger
77

Histo-Couch Rezension von Monika Wenger Jun 2022

Das harte Leben am Rand des Wattenmeers

Alinor lebt mit ihren Kindern Rob und Alys draussen am Rand des Wattenmeers im englischen Sussex. Ihr Ehemann Zachary hat seine Familie verlassen und es fehlt von ihm jede Spur. Für eine Frau wie Alinor erweisen sich im 17. Jahrhundert die Umstände als besonders schwierig. Ist sie im Umgang mit den Leuten nicht vorsichtig genug, kann sie sehr rasch ihren Ruf verlieren und wird als Hexe gebrandmarkt. Für Alinor und ihre kleine Familie ist das Leben in allen Bereichen eine Gratwanderung.

Um ihre Familie über die Runden zu bringen, arbeitet Alinor bis zum Umfallen. Sie kennt sich mit der Kräuterheilkunde aus, ist Hebamme, hilft in der Getreidemühle und arbeitet beim Müller auf dem Hof und in der Küche. Es sind tägliche Herausforderungen und Mühen ohne Ende. Läuft etwas schief oder ist nicht auf den ersten Blick erklärbar, kann dies Alinor als Hexerei vorgeworfen werden. Je nachdem, woher der Wind gerade weht.

Plötzlich Teil der Politik

Zur Sommersonnwende sucht Alinor den Friedhof auf, um endlich Gewissheit über den Verbleib ihres Ehemannes zu erhalten. Taucht um Mitternacht sein Geist auf, wüsste Alinor, dass Zachary definitiv tot ist. Doch statt des Geistes begegnet sie zur nächtlichen Stunde dem Priester James Summer. Dieser ist in geheimer Mission auf dem Weg zu Lord William. Mit seinem Erscheinen werden Alinor und die Wattbewohner plötzlich Teil der politischen Ereignisse in London rund um König Charles I und Oliver Cromwell.

Einen Ruf zu verlieren

Die Geschichte von Alinor ist in erster Linie die Geschichte von einem harten und arbeitsreichen Leben als Frau, am Rand des Wattenmeeres im England des 17. Jahrhunderts. Als Alleinstehende ist es doppelt schwer, einen Platz in der Gesellschaft zu erhalten. Arbeiten, dienen und sorgfältig darauf achten, dass der Ruf nicht beschädigt wird – das sind die gemeinschaftlichen Leitplanken.

Die Darstellungen der unterschiedlichen Gesellschaftsschichten mit ihren Aufgaben und Privilegien hat die Autorin, Philippa Gregory, anschaulich ins Bild gesetzt.

«Alle vier mit viel zu schönen Pferden, viel zu schöner Kleidung, gefolgt vom Reitknecht, ritten sie durch das Tor auf den Hof der Mühle, als gehörten sie zur Königsfamilie: sich dazu herablassend, Dorfbräuche anzusehen, mit einem gönnerhaften Lächeln für die Vergnügungen des Volkes.» (Quelle: Roman)

Sie ergänzt diese Beschreibungen mit präzisen Angaben zum Leben am Rand und mit dem Wattenmeer. Die Mühen und die täglichen Herausforderungen sind greifbar und eindrücklich geschildert.

Manche Passagen, obwohl sehr genau und plastisch beschrieben, wiederholen sich jedoch mehrfach. Das bremst die Geschichte und macht sie stellenweise zähflüssig. Da hätte sich die Autorin mehr auf das Gedächtnis der Lesenden verlassen dürfen.

Die politischen Hintergründe – das Zerwürfnis von König Charles I mit dem Parlament und als Folge davon seine Hinrichtung – werden im Roman nur angedeutet und nicht vertieft erklärt, so dass die historischen Hintergründe etwas schwammig bleiben. Aber wenn man es genau wissen möchte, kann man sich die Informationen dazu auch selbst beschaffen.

Fazit

Der Fokus des Romans liegt eindeutig auf Alinor und ihrem Leben als alleinstehende Frau und Mutter im 17. Jahrhundert. Eine eindrückliche Darstellung der Gratwanderung zwischen gemeinschaftlichen Vorstellungen und Selbstbestimmung.

Gezeitenland

Philippa Gregory, Droemer-Knaur

Gezeitenland

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