Terra di Sicilia

  • Goldmann
  • Erschienen: März 2022
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Monika Wenger
83

Histo-Couch Rezension von Monika Wenger Jun 2022

Eine sizilianische Familie

Der Einstieg in die Geschichte beginnt fulminant:

«Mein Urgrossvater Barnaba Carbonaro, Sohn eines Priesters und einer Wunderheilerin, hat vierundzwanzig Kinder gezeugt, einen Menschen erschossen und ein Mandarinenimperium gegründet.» (Quelle: Roman)

Damit verrät der Autor bereits eine Menge, doch bis die ganze Lebensgeschichte von Barnaba Carbonaro erzählt ist, dauert es eine wunderbare Weile.

Die Lebensgeschichte eines Zahlenjongleurs

Nach zwölfjähriger Abwesenheit taucht Barnaba Carbonaro bei seiner Familie in München auf. Alle sind gespannt, was der Grund dafür sein könnte. Doch Barnaba lässt sich nicht in die Karten schauen und gibt sich wortkarg. Erst seiner Enkelin Maria gelingt es, ihn aus der Reserve zu locken. Sie erzählt ihm von ihrem Vorhaben, eine Saftproduktion zu gründen, und bittet ihn um Unterstützung. Aufgrund des Gesprächs erinnert sich Barnaba an seine Anfänge und er erzählt Maria seine Lebensgeschichte.

Geboren und aufgewachsen in grosser Armut auf Sizilien, lernt er bereits früh hart zu arbeiten. Das Lesen ist seine Sache nicht – wird es nie werden. Aber mit Zahlen kann er umgehen wie kein Zweiter. Das Zahlenjonglieren bringt ihn weiter als das Lesen und so beginnt seine unglaubliche Karriere: Aus dem einfachen Taglöhner wird ein Grossmarkthändler.

Seine Liebe zu Deutschland erwacht, als er das erste Mal mit einem Güterzug voller Zitrusfrüchte von Sizilien nach München fährt. Diese Liebe dauert bis an sein Lebensende. Dazwischen liegen Jahre voller Abenteuer, Krisen, eine unerfüllte Liebe, und viele Frauen, die ihn prägen. Es gab Freunde, die ihn unterstützten und Freunde, die ihn stolpern liessen. Doch Barnaba ist immer wieder aufgestanden und hat weitergemacht.

Mit diesem Roman ist Mario Giordano eine grosse sizilianisch-deutsche Familiengeschichte gelungen. Seine Hauptfigur, der Patriarch Barnaba Carbonaro, erklimmt in seinem Leben viele Höhen und muss etliche Niederlagen einstecken. Aufgewachsen in grosser Armut, lernt er, immer einen Schritt weiter zu sein als die anderen und nicht aufzufallen. Er zeugt 24 Kinder, wovon nur sieben überleben. In ihm steckt eine Weltfigur, tiefverwurzelt in seiner Heimat Sizilien mit seinen mystischen Wesen, den Göttern und den Traditionen. Gleichzeitig ist er offen für Neues und ein brillanter Zahlenbeherrscher. Eine Glückshaut, die immer wieder auf die Füsse fällt.

In dieser Geschichte steckt viel von Mario Giordanos eigener Familie, beinhaltet aber auch viel Erdachtes. Bildhaft und eindrücklich beschreibt er das archaische Leben auf Sizilien Mitte des 19. Jahrhunderts. Gemeinsam mit dem kleinen Barnaba sammelt man Erfahrungen, Wissen und Geschichten, begegnet dem Fortschritt und sieht Träume wahr werden. Die Beschreibungen der Feldarbeit und die Pflege der Zitrushaine werden mit so viel Liebe und Sachkenntnis geschildert, dass man sich mittendrin als Beobachter wähnt. Abwechselnd mit den detaillierten Schilderungen der strengen Sitten und den gesellschaftlichen Verpflichtungen taucht man ein in das Leben im Süden. Auch die legendäre Liebe sizilianischer Mütter zu ihren Söhnen wird anschaulich in Szene gesetzt.

In diesem üppigen Werk ist viel Zeitgeschehen mitverarbeitet und zeigt die rasanten Entwicklungen und Fortschritte in der Zeit von 1890 bis 1960. Das Ganze ist äusserst unterhaltsam erzählt und zeugt von der innigen Beziehung Mario Giordanos zu Sizilien und den Vorfahren.

Fazit

Der Romanheld Barnaba Carbonaro nimmt die Leserschaft mit auf eine unglaubliche Reise, die von der Armut geprägten Kindheit in Sizilien bis zum reichen Grossmarkthändler in München führt. Mario Giordano lässt bei dieser Familiengeschichte nichts aus und schöpft als Erzähler aus dem Vollen.

Terra di Sicilia

Mario Giordano, Goldmann

Terra di Sicilia

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