Esthers Verschwinden

  • Aufbau
  • Erschienen: Februar 2022
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Monika Wenger
81

Histo-Couch Rezension vonMär 2022

Gerettet, aber noch nicht angekommen

Die Geschichte beginnt mit einem Paukenschlag: Die Amerikaner retten im Jahr 1946 die Verbliebenen des Konzentrationslager Buchenwald. Darunter sind Eli Rosen und sein Sohn Isaak. Sie werden als Displaced Persons in das Lager Föhrenwald gebracht. Hier warten sie auf ein Visum für die Ausreise in die USA. Eli Rosen hegt grosse Hoffnungen, seine verschwundene Frau Esther in einem der Lager zu finden. Und wenn nicht in einem Lager, so dann wenigstens auf einer der ausgehängten Listen.

Der Kreis schliesst sich unaufhaltsam

Begonnen hat der Kampf ums Überleben für Eli Rosen und seine Familie als sie sich ihrem Angestellten Max Polenski auslieferten, im Glauben, von ihm beschützt zu werden. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Lublin hat sich Max den Besatzern angedient und der Familie Rosen versprochen, sie zu schützen. Dazu gehört, dass sich Max die Geschäftsführung der Baufirma Rosen aneignet. Und so nimmt das Unheil tagtäglich seinen Lauf. Die Repressionen nehmen zu, die ersten Juden werden bereits weitergeschickt – wohin weiss niemand. Und dann verschwindet Elis Frau Esther.

« Ich habe mir eingeredet, dass die Aktionen der Deutschen etwas Vorübergehendes sind und irgendwann bei uns wieder Normalität einkehrt. Stattdessen wird es immer schlimmer. Nun frage ich mich, wie ich so blind und naiv sein konnte.» (Quelle: Roman)

Nach der Rettung durch die Amerikaner und sobald es ihm überhaupt wieder möglich war, macht sich Eli auf die Spurensuche nach Esther. Als er eines Tages einen Bericht über einen Visaverkäufer und seine Machenschaften hört, denkt er sofort an Max Polenski. Dieser müsste wissen, was mit Esther geschehen ist. Doch Max entwischt der sorgfältig aufgebauten Falle und Eli muss weiter nach seiner Frau suchen.

Amerika, in den 1960er-Jahren: Eli verfolgt bereits seit längerem eine Spur, die ihn mit grösster Wahrscheinlichkeit zu Max Polenski führen wird. Mit Hilfe der Journalistin Mimi, deren Freundin die Tochter eines Verdächtigen ist, trägt Eli die einzelnen Puzzleteile zusammen.

Von Gewinnern und Verlierern

Unglaublich präzise und intensiv beschreibt der Autor Ronald H. Balson über die Besatzungszeit der Nazis in Polen und die Befreiung der Verbliebenen in den verschiedenen Konzentrationslagern. Das geht unter die Haut, wenn der Autor über das Geschehen und die Folgen schreibt. Er zeichnet ein punktgenaues Bild von Kriegsgewinnlern, Korruption und Geldwäscherei.

Der Roman ist auf drei Zeitebenen – anfangs und Mitte der 1940er-Jahre und Mitte der 1960er-Jahre angesiedelt. Im Mittelpunkt steht die Besetzung Polens und die systematische «Zusammenführung» der in Polen lebenden Juden. Es beginnt mit Arbeitseinsätzen, geht weiter mit der Aneignung jüdischen Eigentums bis zur Abschiebung der Menschen in die Konzentrationslager.

Ronald H. Balson nimmt die fiktive Familie Rosen – Eli, Isaak und Esther – und erzählt mit ihrer Hilfe die Geschichte der Besetzung der Stadt Lublin.

Im Roman klärt sich nach und nach der Blick auf Elis Rosens Geschichte. Der Autor wechselt immer wieder die Perspektive und führt langsam an das Geschehen in der Vergangenheit heran. 

Es ist eine unglaublich gut und spannend konstruierte Geschichte. Die fiktiven Figuren sind sehr gut eingebunden in die historischen Details. Sie ermöglichen einen äusserst präzisen Einblick in diese schreckliche Zeit.

Die Tonart wechselt bei den Textpassagen, welche in Amerika spielen. Sie sind sprachlich schlichter gehalten – weniger intensiv ausgefallen. Die Geschichte wird sichtlich langsamer, verliert den Schwung, obwohl sehr wohl vermittelt wird, wie das Ganze seine Fortsetzung findet.

Fazit

Die Geschichte ist eine ergreifende Schilderung über traumatische Erlebnisse einer jüdischen Familie während der Besetzung Polens. Kenntnisreich und fundiert erzählt der Autor von Unmenschlichem und Unvorstellbarem. Eine unter die Haut gehende Mischung aus Roman und Tatsachen.

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