Die Reise der Narwhal

Erschienen: Juli 2021

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel „The Voyage of the Narwhal“

  • New York : W. W. Norton & Company 1998
  • Berlin : Claassen Verlag 1999 [geb. u. unter dem Titel „Jenseits des Nordmeers“]. Übersetzung: Karen Nölle-Fischer. 440 S. ISBN-10: 3-546-00165-6
  • Berlin : List Verlag/Ullstein Verlag 2001 [unter dem Titel „Jenseits des Nordmeers“]. Übersetzung: Karen Nölle-Fischer. ISBN-10: 3-548-60032-8
  • Zürich : Unionsverlag Juli 2021. Übersetzung: Karen Nölle-Fischer. 475 S. ISBN-13: 978-3-293-20911-4
  • Zürich : Unionsverlag Juli 2021 [eBook]. Übersetzung: Karen Nölle-Fischer. 5.01 MB [ePUB]. ISBN-13: 978-3-293-31126-8

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Michael Drewniok
Nordlandreise gipfelt in Wahn, Tod und Lüge

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jul 2021

Im Mai 1855 verlässt der ehemalige Walfänger „Narwhal“ den Hafen der US-Südstaaten-Metropole Virginia. Gen Arktis sticht man in See; man will der seit acht Jahren verschollenen Expedition des Entdecker-Helden Sir John Franklin auf die Spur kommen, die polarnahe Natur erforschen und womöglich die lange gesuchte Nordwestpassage finden, die es angeblich ermöglicht, den nordamerikanischen Kontinent per Schiff im Norden zu umrunden.

Zecheriah Vorhees, der charismatische Kommandant dieser Mission, ist erst 26 Jahre alt. Aus anderem Holz geschnitzt ist sein väterlicher Freund und zukünftiger Schwager Erasmus Darwin Wells. Er wurde einst um die Forschungsergebnisse jener Weltreise geprellt, die ihm den Weg in eine wissenschaftliche Karriere ebnen sollte. Als auch noch seine Braut starb, versank Erasmus in Lethargie und verwandelte sich in einen verbitterten Eigenbrötler. Die Reise auf der „Narwhal“ soll seinem Leben wieder einen Sinn geben.

Die Expedition steht unter keinem guten Stern. Vorhees zeigt sich seinem Amt nur bedingt gewachsen. Die Wissenschaft langweilt ihn, er will Entdeckungen machen, um berühmt zu werden Seinen Visionen haben sich Besatzung und Passagiere gefälligst unterzuordnen. Hart am Rande des bedrohlichen Packeises droht an Bord der „Narwhal“ eine Meuterei, weil der zusehends größenwahnsinnige Vorhees das Schiff immer weiter nach Norden treibt und schließlich vom Eis eingeschlossen wird. Mannschaft und Passagiere erleben einen Kälte- und Hungerwinter, den nicht alle überleben. Trotzdem drängt Vorhees auf weitere Erkundungen. Als sich seine Begleiter weigern, zieht er allein in die Polarwüste und verschwindet spurlos.

Die Flucht über das Eis wird zum tödlichen Albtraum, der Erasmus und die wenigen Überlebenden schrecklich zeichnet. Nach der Rückkehr stellt sich heraus, dass Vorhees die „Narwhal“ in ein Gebiet lenkte, das längst erforscht wurde. Erasmus wird stellverstretend als Versager und Feigling beschimpft.

Dann kehrt Zeke Vorhees aus dem Eis zurück - als ruhmreicher Held, beladen mit den Ergebnissen eigener Forschungen, von denen Erasmus genau weiß, dass sie erlogen sein müssen. Doch ihm fehlen die Beweise, und so muss er mit ansehen, wie sich Vorhees sich skrupellos seinen Platz in der Geschichte verschafft ...

Geschichte als echte Kulisse

„Jenseits des Nordmeers“ gehört eindeutig zu den vergleichsweise raren Historienromanen, die nicht nur enormes Kritikerlob, sondern auch die Aufmerksamkeit eines kopfstarken Publikums auf sich lenken können. Nur wenige Seiten Lektüre genügen, um die Ursache zu klären: Dies ist schlicht und ergreifend ein in Inhalt und Form verdammt gutes Buch!

Der Kraftausdruck ist positiv gemeint und sei einem Rezensenten gestattet, der sonst voller Zorn, Frustration und Resignation die meisten der sogenannten „historischen“ Romane geißelt, für die guter Wald hektarweise abgeholzt wird, statt der Sauerstofferzeugung dienen zu können. Geschichte auf TV-Seifenopern-Niveau ist es, die meist auf die Leser losgelassen wird. Das Gespür für vergangene Zeiten erschöpft sich gar zu oft darin, die Figuren in ulkige Gewänder zu stecken oder eine feurige Prä-Feministin gegen klotzköpfige Kirchenfürsten antreten zu lassen.

Ganz anders geht Andrea Barrett vor. Ihr ist nicht nur eine spannende Geschichte eingefallen, was bereits eine anerkennenswerte Leistung und die halbe Autorenmiete ist. Sie wird darüber hinaus so mitreißend erzählt, dass mehr als 400 Seiten wie im Fluge vergehen; eine seltene Erfahrung vor allem dann, wenn der bewältigte Buch-Berg eines Leserlebens bereits Himalaja-Höhen erreicht hat.

Der Mensch als grundsätzliches Problem

Die inhaltliche Grundkonstellation ist simpel, aber erprobt und immer noch funktionstüchtig, wenn man die Gebrauchsanweisung kennt: Versammle einige Personen möglichst unterschiedlichen Charakters an einem Ort, von dem sie nicht fliehen können (hier das Schiff „Narwhal“), schicke sie auf eine gefährliche Reise und warte ab, was geschieht! Geht es mit einem recht primitiven Gefährt hinauf in das eisige Oberstübchen unseres Globus‘, ist das abenteuerliche Element automatisch sichergestellt!

Jetzt zu den Hauptpersonen unseres Dramas. Treffen wir an Bord der „Narwhal“ die sprichwörtlichen dreizehn Mann auf des toten Mannes Kiste, d. h. gesichtslose und austauschbare Gestalten, die (mit oder ohne Buddel voll Rum) dem einzigen Zweck dienen, neben dem Helden vom Mast zu stürzen, sich die Pest einzufangen oder in einen Haifisch-Rachen zu enden? Nein, denn Barrett stellt stattdessen echte, mit Sachkenntnis und Liebe zum Detail geformte Figuren in ihre Romanwelt.

Helden oder Schurken gibt es dort nicht, sondern nur Menschen. An ihrer Spitze steht Erasmus Darwin Wells, eine traurige Gestalt, die aus einer gescheiterten Existenz hinaus auf die See flüchtet, um dort die Erfahrung zu machen, dass ungelöste Probleme mit ihren unglücklichen Besitzern zu reisen pflegen. (Einem auf Barretts Website einzusehenden Familienstammbaum - die Hauptfiguren ihrer Romane und Erzählungen sind oft miteinander verwandt - ist zu entnehmen, dass bereits die Eltern ihre Söhne unter Druck setzten; Erasmus‘ drei Brüder wurden auf die Namen „Copernicus“, „Humboldt“ und „Linnaeus“ getauft.) Mit dieser Erkenntnis und den Folgen bleibt Erasmus nicht allein; mit seltenem Geschick und düsterer Konsequenz schildert Barrett eine hehre Mission, die weniger an den Unbilden der Natur als an menschlichem Versagen erst krankt und dann scheitert.

Kein Ort für Selbstüberschätzung

Ähnlich dürfte es der Expedition Sir John Franklins ergangen sein, auf dessen Spur sich die Crew der „Narwhal“ setzen will. Dieses reale historische Rätsel bildet den idealen Rahmen für Barretts Drama. Mit viel Vorschusslorbeeren und in einem sehr modern anmutenden Medien-Gewitter war der von seinen britischen Landsleuten verehrte und anerkannte Polar-Pionier im Mai 1845 mit zwei Schiffen gen Nordpolarmeer aufgebrochen, um endlich die sagenhafte Nordwestpassage zu finden. Eigentlich war Franklin schon viel zu alt und auch nicht gesund, doch wie Zecheriah Vorhees versessen darauf, den eigenen Ruhm zu mehren. Das Unternehmen endete als Fiasko. 135 Männer kamen zu Tode; verirrt, erfroren, verhungert oder gar vergiftet durch mit Blei (!) schlampig verschweißte Konserven. Es dauerte mehr als anderthalb Jahrhunderte, bis die traurige Wahrheit (sowie die gesunkenen Schiffe) ans Licht kam.

Als Erasmus Wells in See sticht, herrschte dagegen noch Hoffnung. Lady Jane, John Franklins Gattin, drängte unermüdlich jeden Seemann und Entdecker, in den Norden zu dampfen oder zu segeln, um dort auf die Suche zu gehen. Sie war viele Jahre sehr überzeugend, zumal immer wieder Relikte der verschollenen Expedition entdeckt wurden. Die „Narwhal“ reiht sich unauffällig in die Flotte realer Schiffe ein, die zwar nie John Franklin fanden, aber immerhin Wissen um den hohen Norden heimbrachten.

Die Natur verzeiht keine Schwächen, das macht Barrett eindrucksvoll klar. Dabei ist die Arktis keine per se tödliche Eishölle, sondern ein Ort, an dem es sich durchaus leben lässt, solange man bereit ist sich den Verhältnissen anzupassen. Barrett schildert präzise den Zwiespalt, der die Entdecker des 19. Jahrhunderts in selbst verschuldete Krisen geraten ließ: Sie kamen nur scheinbar in fremde Landstriche, um zu lernen, während sie unterbewusst überzeugt waren, schon alles Wissenswerte zu kennen. Barrett beschreibt, was Erasmus Wells in den Laderäumen der „Narwhal“ verstaut; mindestens die Hälfte ist in der Arktis völlig nutzlos und fehl am Platze. Aber ein „Gentleman“ reiste halt so, und außerdem musste er den „Wilden“ die Überlegenheit der „weißen Rasse“ demonstrieren!

Der Blick hinter selbst aufgebaute Kulissen

Nur Erasmus und sein neuer Freund, der Schiffsarzt, entwickeln einen echten Sinn für die Schönheit der Welt, die sie bereisen. Durch ihre Augen sieht der Leser dank Barretts Talent den hohen Norden in seiner ganzen Pracht. Während sich minder begabte Autoren entweder vor Landschaftsbeschreibungen drücken oder bleiern in ihnen schwelgen, entwickelt Barrett eine Wortgewalt, die einfach mitreißt. Hierin gleicht sie tatsächlich dem im Klappentext als Wink mit dem Zaunpfahl genannten Herman Melville („Moby Dick“), ohne ihn jedoch jemals zu imitieren.

Als Erasmus Wells in die Zivilisation zurückkehrt, ist gerade die Hälfte des Romans gelesen, doch jetzt geht es erst richtig los: Als ob sie die Eiswüste nie verlassen hätten, setzen Wells und Vorhees ihr auf der „Narwhal“ begonnenes Duell mit unverminderter Härte fort. Vorhees verkörpert dabei die dunkle Seite der noch heute meist ohne Einschränkung verehrten Heldengestalten der Entdeckungsgeschichte, wobei Vorhees viele Wesenszüge mit Robert Edwin Peary (1856-1920) teilt, der mit oftmals zwielichtigen Mitteln dafür Sorge trug, dass ihn man zumindest zu seinen Lebzeiten als Entdecker des Nordpols (1909) anerkannte und feierte, was heute stark angezweifelt wird.

Die Männer, die das Neue suchten, benahmen sich in der Fremde nicht selten wie die sprichwörtliche Axt im Walde. Besonders im Umgang mit den Ureinwohnern der besuchten (oder besser eroberten) Gebiete geschah vieles, das in den offiziellen Forschungsberichten verschwiegen wurde. Barrett nennt diese Dinge beim Namen, und siehe da: Die zweite Hälfte, die auf scheinbar sicherem, weil festem Land spielt, gibt der ersten in Sachen Dramatik und Spannung nicht das Geringste nach!

Fazit:

„Jenseits des Nordmeers“ ist ein (ausgezeichnet übersetzter) moderner Klassiker des Genres Reiseabenteuer, ein Literaturkapitel, dass man oft schon für abgeschlossen hält, da doch die Welt inzwischen bis in die letzten Winkel erforscht ist. Aber so ist es nicht, und selten macht es so viel Spaß, vom Gegenteil überzeugt zu werden!

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