Der dunkle Himmel

  • Rowohlt
  • Erschienen: März 2022
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Andrea Duphorn
83

Histo-Couch Rezension vonApr 2022

Ein Jahr ohne Sommer. Und eine junge Liebe, die familiären Zwängen, Hunger, Krankheit und Verzweiflung trotzt.

10. April 1815: Beim Ausbruch des Vulkans Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa finden Zehntausende Menschen den Tod. Was lange niemand ahnt: Der massenweise Ausstoß von Asche, Gasen und Aerosolen in die Erdatmosphäre sorgt nicht nur in Südostasien für eine Katastrophe vorher nie dagewesenen Ausmaßes. Auch mehr als elftausend Kilometer Luftlinie entfernt – auf der Nordseite der Erdkugel – spielt das Klima bald völlig verrückt.

Astrid Fritz‘ Roman Der dunkle Himmel spielt in dem fiktiven Dorf Hohenstetten auf der Schwäbischen Alb und erzählt vom Hungerjahr 1816/1817, das auch als „Jahr ohne Sommer“ in die Annalen eingegangen ist: Tagein, tagaus bedecken dicke schwarze Wolken den Himmel, extreme Kälte, sintflutartige Regenfälle, Stürme und Gewitter mit Hagel und Schnee selbst in den Sommermonaten, lassen Aussaat und Ernte verderben. Viele Familien hungern, verlieren alles, was sie besitzen, sind auf die Hilfe der Kirche und die Nächstenliebe wohlhabender Familien angewiesen, um – eher schlecht als recht – überleben zu können.

Der dunkle Himmel erzählt aber auch (und vor allem) von Paulina und Friedhelm, die sich ineinander verlieben, einander verlieren und wiederfinden. Weil Paulinas Vater gegen die Verbindung seiner Tochter mit dem jungen Schulmeister ist, verlobt das junge Paar sich heimlich.

Gekonntes Gesellschafts- und Sittenbild der Zeit

Astrid Fritz versetzt uns in eine Zeit zurück, in der das Leben der ländlichen Bevölkerung fast ausschließlich vom Wechsel der Jahreszeiten, Kirche und Religion bestimmt wurde. Der Kirchgang am Sonntag war Pflicht und gesellschaftlicher Höhepunkt zugleich. Als versierte Schreiberin historischer Romane punktet Astrid Fritz dabei mit einer feinfühliger Figurenzeichnung, sorgfältiger Recherche und einer authentischen, durchaus lokal geprägten Sprache.

Die Autorin nimmt sich viel Zeit, ihre Figuren einzuführen. Erst nach und nach erfahren wir, wer mit wem in welcher familiären Verbindung steht, was die einzelnen Personen bedrückt oder wovon sie träumen. Dabei wird aus drei Perspektiven erzählt: Mal aus Sicht des klugen, umsichtigen Pfarrers Carl Unterseher, mal aus der von Friedhelm, mal aus der von Paulina.

Gespannt verfolgen wir die (Liebes-) Geschichte des jungen Paares, dem es allen Verboten zum Trotz immer wieder gelingt, sich zu schreiben, einander heimlich zu treffen und Zeit miteinander zu verbringen. Als die Lebensbedingungen in dem kleinen Leinweberdorf immer schwieriger werden, Hunger, Krankheit und Elend mehr und mehr um sich greifen, beschließen die beiden ihr Glück in der Stadt suchen. Doch dann wird Paulina wenige Stunden, bevor sie ihrem Friedhelm nach Stuttgart folgen will, vom eigenen Vater „entführt“. Der will mit der ganzen Familie nach Amerika auswandern. Den verwitweten, lüsternen Metzger, dem er Paulina zur Frau versprochen hat, nimmt er gleich mit.

Spannende Wendung zum Schluss

Mit der „Entführung“ Paulinas gelingt Astrid Fritz noch einmal eine spannende Wendung. Die Handlung verlagert sich vom Dorf auf der „Rauhen Alb“ nach Amsterdam. Dort warten Tausende von Familien – größtenteils unter erschreckenden Umständen – auf ihre Ausschiffung. Parallel dazu erfahren wir, wie es Friedhelm in Stuttgart ergeht, der sich anfangs sogar als Straßenkehrer über Wasser halten muss. Denn auch in der „königlichen Residenzstadt“ leiden die Menschen Hunger, haben gegen Krankheit und Armut zu kämpfen.

Fazit

Der dunkle Himmel verknüpft ein gelungenes Gesellschafts- und Sittengemälde des frühen 19. Jahrhunderts mit einer berührenden Liebesgeschichte. Beunruhigend aktuellen Bezug erhält der Roman dadurch, dass viele der Naturphänomene, mit denen die Menschen 1816, im „Jahr ohne Sommer“, zu kämpfen hatten, denen gleichen, die mit den Auswirkungen des heutigen Klimawandels einhergehen.

Der dunkle Himmel

, Rowohlt

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