Sie nannten ihn Cid

  • Droemer-Knaur
  • Erschienen: November 2021
Sie nannten ihn Cid
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Carsten Jaehner
88

Histo-Couch Rezension von Carsten Jaehner Dez 2021

Die Geschichte des Spanischen Nationalhelden

Burgos, Königreich Kastilien, 1058. Schon früh erregt der junge Kämpfer Rodrigo Diaz de Vivar die Aufmerksamkeit seines Herrn, König Ferdinand I. von León, Kastilien und Galicien. Er erweist sich als beherzter Kämpfer und steigt schnell in der Gunst der königlichen Familie wegen seiner Tapferkeit auf. Als der König 1065 stirbt, teilt er sein Erbe unter seinen Söhnen auf, die alle jeweils ein Königreich erben, und sorgt damit für einen jahrelangen Bruderkrieg.

Rodrigo hat Alfonso seine Treue geschworen, dem zweitgeborenen und König von León. Rodrigo passt es gar nicht, dass er somit auch gegen Sancho, den ältesten und König von Kastilien und García, den jüngsten und König von Galicien, wird kämpfen müssen, steht er doch zwischen allen Stühlen. Hinzu kommt zum einen die Schwester Urraca, die durch das Erbe von Ferdinand Herrin von Zamora wurde, zum anderen gehört die südliche Hälfte Iberiens den Mauren und Arabern, die sich ebenfalls im Krieg gegen die Christen befinden.

Aus Rodrigo wird ein siegreicher Kämpfer, egal für wen er antritt, was ihm den Beinamen El Campeador, genannt El Cid, einträgt. Er wird das eine ums andere Mal in Schlachten gegen die arabischen Fürsten geschickt, wenn sie ihren Tribut an die spanischen Könige nicht entrichten wollen. Als er sich mit König Alfonso überwirft, flieht er vom Hof in Toledo und gilt als Geächteter, doch nach und nach schließen sich ihm immer mehr Kämpfer an, die an seiner Seite kämpfen wollen, schließlich gilt er als unbesiegbar. Als eine gewaltige Streitmacht von Muslimen auf der iberischen Halbinsel landet, ist sein Handeln gefragt und er muss sich entscheiden, auf welcher Seite er steht.

Verwirrende Königsfamilie

Es ist ein bewegtes Leben, in das Autor Mac P. Lorne seine Leserinnen und Leser in seinem Roman „Sie nannten ihn Cid“ eintauchen lässt. Rodrigo Diaz de Vivar ist der Held seines Romans, wobei außerhalb Spaniens wohl nur wenige seinen richtigen Namen kennen. Unter dem Namen „El Cid“, den ihm seine Landsleute schon zu Lebzeiten gegeben haben, ist er jedoch weltberühmt geworden, nicht erst durch die Verfilmung seiner Geschichte mit Charlton Heston in der Hauptrolle aus dem Jahr 1961.

Mac P. Lorne wagt den Schritt, die doch etwas verwirrende Geschichte des Cid zu erzählen, wobei die Verwirrtheit eigentlich nicht an Rodrigo liegt, sondern an der Königsfamilie, für die er in den Kampf zieht. In der Mitte des 11. Jahrhunderts befindet sich Spanien mitten in der Reconquista, einer Zeit, in der die Muslime aus Afrika kommend die Iberische Halbinsel erobert hatten und die zahlreichen kleinen spanischen Königreiche sich dagegen zur Wehr setzten. Es ist schon nicht einfach, hier den Überblick zu halten, welcher Fürst nun gegen welchen anderen Fürsten oder spanischen König oder welcher König gegen welchen König oder Fürsten und mit wem und wie lange und beim nächsten Mal in anderer Konstellation gegen- und miteinander kämpfen. Glücklicherweise findet sich zu Beginn des Romans eine Karte der Iberischen Halbinsel, sodass man wenigstens einigermaßen verfolgen kann, wo gerade das Schwert geschwungen wird.

Reconquista

Schon zu Beginn stürzt König Ferdinand Spanien wissentlich in eine Krise, indem er sein Erbe unter seinen Kindern aufteilt und somit einen Bruderkrieg heraufbeschwört, der nur tödlich ausgehen kann, auch wenn die Kinder auf dem Sterbebett etwas anderes geschworen haben. Rodrigo, selbst Mitglied des Adels, gehört durch Geburt und Eid zu Alfonso, dem zweitgeborenen, aber auch dem mutigsten der drei Söhne. Hier macht er durch seinen Mut einen schnellen und steilen Aufstieg, den ihm auch niemand neidet, vielleicht vom König abgesehen. Aber er steht zu seiner Einstellung und wird bald ein gefragter Mann, der zum Ritter geschlagen wird und auf dessen Meinung bei den anstehenden Schlachtentwürfen durchaus gehört wird.

Rodigo ist ein mutiger junger Mann, dem so ziemlich alles gelingt, was er anfasst, auch die Werbung um seine Geliebte Jimena, um die er erst ritterlich kämpfen muss, ehe sie seine Gattin wird, ist letztlich erfolgreich. Doch der Autor will seine Geschichte mit Spannung zu erzählen, immer wieder drohen Intrigen alles zunichte zu machen. Sein Erzählfokus liegt auf der Beziehung zwischen Rodrigo und Alfonso, und als der König seinen besten Ritter wegen Ungehorsam ins Exil schickt, merkt man ihm an, dass er das tut, weil er sich zwischen zwei schlimmen Möglichkeiten entscheiden muss: einen eigenständig denkenden Berater, der am Ende macht was er will, oder er verbannt ihn und zeigt damit seinem Volk, dass er sich als König nicht auf der Nase herumtanzen lässt.

Rodrigo wird immer Rodrigo bleiben, daher nimmt er das Urteil hin, freut sich auf seine Freiheit und wird doch von dem Volk, das ihn liebt und ihm folgen will, ungewollt zum Freiheitskämpfer, der keine Lust mehr auf die Spielchen der katholischen Königreiche und der Muslime hat.

Muslime gegen Katholiken

Lorne zeichnet einen Rodrigo nach, für den man als Leser Verständnis aufbringt, zumal man für viele Handlungen in dieser Zeit kein Verständnis aufbringen kann. Doch der Autor ergreift keine Partei, er schildert die überlieferte Historie für den Leser nachvollziehbar, auch wenn die Konstellation der verschiedenen spanischen Begriffe der Königreiche etwas verwirrend ist. Der Autor schleust den Leser durch die iberischen Wirrnisse und hat stets seinen Helden im Blick.

Neben der in weiten Teilen verbürgten Handlung schafft der Autor es so, den Leser in die Zeit und in die Gegend zu holen, die für viele unbekannt sein dürfte. Was er dort an Traditionen und Lebensarten beschreibt, wird heute nicht oft beschrieben und ist schon allein daher die Lektüre wert.

Viele Leser mögen vielleicht den Namen „El Cid“ schon einmal gehört haben oder er ist ihnen im Kreuzworträtsel begegnet. Mancher mag den oben erwähnten Film gesehen haben oder die Neuverfilmung als Serie aus dem Jahr 2020 mit Jamie Lorente in der Hauptrolle, den einige als Denver in der Serie „Haus des Geldes“ in Erinnerung haben werden. Film und Serie versprühen die gleiche glutheiße Hitze, die Mac P. Lorne in seinem Roman beschreibt.

Nationalheld wider Willen

Mac P. Lorne erzählt in seinem spannenden Roman, in dem auf jeder Seite etwas Neues und teilweise auch Unerwartetes geschieht, das Leben und das Ende des großen spanischen Helden, den dort jedes Kind kennt. In einer unkomplizierten Sprache malt der Autor ein treffendes Bild der Zeit und präsentiert dem Leser eine ereignisreiche Lebensgeschichte, in der auch die Liebe nicht zu kurz kommt und in der sich jeder selbst wiederfinden kann. Wenn Rodrigo seine eigene Familie gründet und um sie und mit ihr kämpft, kann sich jeder mit hineinfühlen, gerade was den Vater-Sohn-Konflikt angeht. Nicht nur hierin liegt eine immerwährende Aktualität der Geschichte, sondern auch im generellen Kämpfen der Religionen gegeneinander.

Manche Zeitsprünge sind etwas groß geraten, dass man fast den Faden verliert, einige Ereignisse werden nur angerissen, aber es ist schließlich keine Biografie, die Lorne verfasst hat, sondern ein Roman, und somit bleibt dem Autor zu bescheiden, dass er mit der Wahl der Themas und dem Ergebnis alles richtig gemacht hat.

Fazit

„Sie nannten ihn Cid“ ist eine spannende Geschichte aus unbekannter Zeit und einem nicht oft beackerten Ort, über den berühmten spanischen Nationalhelden, dessen Namen man vielleicht gehört oder gelesen hat, dessen Geschichte man aber nicht kennt. Dieser Roman schließt die Lücke auf beeindruckende Weise und sei nicht nur jenen anempfohlen, die gerne mal von einer blutigen Schlacht lesen (derer es hier einige gibt). Lesenswert, Wissen und Horizont erweiternd und unterhaltsam. Was will man mehr?

Sie nannten ihn Cid

Mac P. Lorne, Droemer-Knaur

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