Die Dirigentin

Erschienen: August 2020

Bibliographische Angaben

Stefan Wieczorek (Übersetzung)

Couch-Wertung:

85
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Carsten Jaehner
Eine Frau geht ihren Weg

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Mai 2021

New York, 1926. Willy ist eine junge Frau von 23 Jahren, die sich u.a. als Platzanweiserin im Theater Geld dazuverdient, und sie verfolgt einen kühnen Traum: Sie will Dirigentin werden, was unmöglich erscheint, denn noch nie gab es eine weibliche Dirigentin; es gibt ja noch nicht einmal weibliche Musiker in Orchestern.  Trotz der Strenge der Eltern bekommt sie Klavierunterricht und übt heimlich mit Essstäbchen das Dirigieren. Als sie ihre Nebenjobs verliert, beginnt sie in einem Jazzkeller als Pianistin in einer Band zu spielen, wo sie den Bandleader Robin kennenlernt, der sie fördert.

Als sie noch Platzanweiserin war, hat sie den Konzertbesucher Frank kennengelernt, in den sie sich verliebt und er auch in sie. Als zufällig herauskommt, dass Willy adoptiert wurde und ihre Mutter aus Holland stammt, kann sich die entstehende Beziehung nicht weiterentwickeln, denn sie fährt nach Holland, um ihre Mutter zu finden. Sie legt auch den ihr von den Eltern gegebenen Namen ab, bricht mit ihnen und nennt sich nun mit ihrem eigenen Namen: Antonia Brico. Sie beginnt, ihren Traum zu verwirklich: Dirigierunterricht bei bekannten Namen zu nehmen und sogar das Dirigieren zu studieren. Doch da sie eine Frau ist, werden ihr viele Steine und Vorurteile in den Weg gelegt. Da bekommt sie die Möglichkeit, in Holland ihr erstes Konzert zu dirigieren…

Wer bin ich und was will ich?

Maria Peters Roman „Die Dirigentin“ beruht auf wahren Begebenheiten und erzählt die Geschichte der Niederländerin Antonia Brico, die die erste weibliche Dirigentin überhaupt wurde. Die einzelnen, recht kurzen Kapitel sind immer aus der Perspektive einer Person geschrieben, deren Name auch der Titel des Kapitels ist. Zunächst heißt Antonia noch Willy, als Kürzel von „Wilhelmine“, da sie ihren richtigen Namen und ihre eigentliche Vergangenheit noch gar nicht kennt.

Es entspinnt sich eine teilweise sogar launige Erzählung zwischen Willy und den beiden Männern Robin und Frank, und zusammen ergibt es die Geschichte von Antonia: Den Weg einer Frau, die selbstbewusst gegen alle Widerstände ihren Weg sucht und auch findet. Neben einigen prominenten Namen, die den Roman zeitlich einordnen, sind es auch Ereignisse wie der Börsencrash 1927, die die Situationen und Lebensstationen in das rechte Licht rücken und dem Leser vor Augen führen, dass es sich hier zwar um einen Roman handelt, seine Geschichte allerdings biografisch ist und es diese Frau wirklich gegeben hat.

Einbruch in eine Männerdomäne

Am Ende gründet Antonia Brico das wohl erste Frauenorchester der Welt, wenn man von Vivaldis Mädchenorchester in Venedig einmal absieht. Ihr Weg, über den hier nicht so viele Details verraten werden soll, ist steinig, da die Fachwelt verständnislos den Kopf schüttelt, wie eine Frau überhaupt auf die Idee kommen kann, ein Orchester zu dirigieren. Niemand hält sie für fähig dazu, genauer gesagt, niemand hält überhaupt irgendeine Frau für fähig, eine Gruppe von Männern ohne Worte, nur durch Blicke und Gesten, zu leiten und zu führen.

Gottseidank hat sich das bis heute geändert, mag man meinen. Frauen als Orchestermusiker sind längst akzeptiert, weibliche Dirigentinnen sind jedoch immer noch eine Seltenheit, wenngleich keine Sensation mehr. Immer mehr Frauen drängen vor die Orchester, auch in höheren Positionen wie Kapellmeisterin, Chefdirigentin oder Generalmusikdirektorin. Maria Peters hat ihnen ein Denkmal gesetzt, in literarischer Form und auch als Regisseurin der gleichnamigen Filmversion ihres Buches.

Fazit:

“Die Dirigentin“ ist ein schöner und launiger Beitrag der niederländischen Autorin Maria Peters, der eine Lücke füllt, von der man nicht wusste, dass sie da war. Mit Humor und trotzdem Intensität erfährt der Leser vom Aufstieg der ersten weiblichen Dirigentin, einige Male kann man nur mit dem Kopf schütteln aufgrund der Borniertheit mancher Beteiligter. Gottseidank ist man heute weiter, aber es ist noch gehörig Luft nach oben. Ein gelungener Roman, der nicht nur für Musikfreunde geeignet ist.

Die Dirigentin

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