Niemandsmeer

Erschienen: August 2021

Bibliographische Angaben

Leonie von Reppert-Bismarck, Anja Kirchdörfer Lee (Übersetzung)

Couch-Wertung:

80
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Stefanie Eckmann-Schmechta
Sträflingsschiffe nach Australien

Buch-Rezension von Stefanie Eckmann-Schmechta Okt 2021

Im April 1841 stach die Rajah von London aus in See; mit ihr an Bord einhundertachtzig Sträflingsfrauen, die wegen ihrer verschiedenen Vergehen in die Verbannung nach „Van-Diemels-Land“ – das heutige Tasmanien – geschickt wurden. Vor diesem historisch belegten Hintergrund baut Hope Adams ihren Roman auf – mit den damals tatsächlich an Bord befindlichen Personen. Unter ihnen ist auch Kezia Hayter, gerade einmal 23 Jahre jung, die die Frauen im Auftrag des „Damenkomitees“ begleiten und anleiten soll. Ihr ambitioniertes Projekt, das sie während der über hundert Tage währenden Überfahrt durchführen möchte, wird zu dem berühmten „Rajah-Quilt“, der sich heute in der Sammlung der National Gallery of Australia befindet.  

Hundertachtzig Seelen und ihre Geheimnisse

Mit Kezia Hayter ist nicht nur ihr eigenes Schicksal, das sie als unverheiratete Tochter aus gutem Hause zurückgelassen hat, mitgesegelt, sondern auch das der vielen Frauen, die sich unter den unbarmherzigen Lebensbedingungen Londons strafbar gemacht haben. Viele von ihnen hatten keine Wahl, sie mussten irgendwie überleben und ihre Kinder ernähren. Es sind Diebinnen, Hehlerinnen und Betrügerinnen. Keine von ihnen hat ein Kapitalverbrechen begangen, weshalb sie auf dem fernen Kontinent eine neue Chance erhalten sollen.

Bis auf eine – die verurteilte Mörderin Clara. Ihr gelingt es, sich im Gefängnis die Identität einer anderen Frau anzueignen, die am nächsten Tag die Reise mit der Rajah antreten soll. Sie unterdrückt all ihre Skrupel, als sie die arme Frau narkotisiert zurücklässt, kann sie doch nur so dem sicheren Galgen entgehen. Wir erfahren nicht, wessen Identität sie gestohlen hat; ein Detektivspiel auch für die Leser*innen.

Es brodelt in vielen Frauen während der Überfahrt. Sie haben viel verloren, einige haben sich geopfert, haben Traumata erlebt. Der Ton untereinander ist rau und zunächst wirkt es so, als wären Freundschaften oder Loyalität unter den Frauen unmöglich. Die Unterbringung auf dem Sträflingsdeck ist desolat, selbst für die Frauen, die die feuchten Gefängniszellen Londons gewohnt sind. Wie werden sie sich arrangieren können, wenn so viele Körper, Sorgen, Ängste und Aggressionen auf engstem Raum für eine so lange Zeit eingesperrt sind?

Doch Kezia Hayter plant, ein paar geschickten Näherinnen die Chance zu geben an ihrem Projekt mitzuarbeiten: Dem berühmten Rajah-Quilt, bestehend aus vielen kleinen quadratischen und dreieckigen Stofffragmenten.

 „An die zweihundert von uns leben so, auf diesem Schiff, das uns weit fort von unserer Heimat bringt. Wir leben Seite an Seite, wir schlafen in einem Raum, wir teilen unsere Mahlzeiten. Unter uns gibt es Freunde und Feinde. Wir haben uns verwandelt. Wir sind viele kleine unterschiedliche Teile. Jedes einzigartig, und doch miteinander verwoben. Wir sind ein Patchwork der Seelen.“

Am Ende gelingt es Kezia nicht nur, das Herz „ihrer Frauen“ zu erobern, sondern auch das des Kapitäns.

Drama und Krimi zugleich

Gefühlvoll und atmosphärischführt uns Hope Adams, alias Adèle Geras, dessen erster historischer Kriminalroman „Niemandsmeer“ ist, auf die lange Überfahrt von London nach „Van-Diemels-Land“. Damals war die lange Reise ans andere Ende der Welt ein gefährliches Abenteuer, denn zahlreiche Gefahren lauerten auf hoher See. So auch hier; aber nicht durch Krankheit oder Sturm, sondern durch einen brutalen Mord verliert eine Frau, noch dazu Mutter eines kleinen Jungen, ihr Leben. Es kann jede gewesen sein, die sich an Deck befand, als die Frau niedergestochen wurde. Augenblicklich kippt die Stimmung, es verbreitet sich das Gefühl von Unsicherheit und Misstrauen.

Die Spuren, die die Autorin nur uns offenlegt, scheinen auf unsere namenlose Mörderin zu deuten, die, so erfahren wir in Rückblicken, noch einige Sünden mehr in ihrem Leben begangen hat.

Die Befragung der Zeuginnen durch Kapitän, Schiffsarzt, Geistlichen sowie Kezia bleiben zunächst erfolglos. Zudem muss sich Kezia auch der überheblichen Geringschätzung erwehren, die vor allem vom Geistlichen kommen, der sie, als Frau, offenbar nicht für ein vollwertiges Mitglied ihres Gremiums ansieht. Das macht Kezia mehr als wütend und sie will ihre Recherchen schon einstellen, als sie auf eine Spur trifft, die sie direkt zu der Frau mit dem falschen Namen führt… aber ist es wirklich so einfach?

Geschichte als echte Kulisse

Der historische Kriminalroman den Adèle Geras, bekannt durch mehrere Bücher für Kinder Erwachsene, geschrieben hat, besticht schon einmal durch seine zahlreichen wahren Begebenheiten; neben den gut dokumentierten Aufzeichnungen des Schiffsarztes und des Kapitäns liegen auch die Namen der Gefangen und eine Liste der Vergehen vor. Sogar die Romanze zwischen dem Kapitän und Kezia Hayter beruht auf wahren Begebenheiten. Den Kriminalfall allerdings hat die Autorin frei erfunden.

Hope Adams Sprache ist sehr bildhaft-atmosphärisch. Sie schildert in vielen Rückblicken aus dem Leben der Frauen. Manchmal, da auch die Kapitel zwischen „Jetzt“ und „Früher“ wechseln sowie zu den Perspektiven zwischen Carla, der blinden Passagierin, Miss Hayter und dann wieder allgemein zu einer der Mitreisenden, ist es zunächst etwas unübersichtlich und es fällt schwer, alle Namen sofort zuzuordnen. Da die Handlung dadurch weniger stringent vorangeht, wirkt der Erzählfluss eher einem gemächlich dahinfließenden Bach, der mal hier und mal dahin mäandert. Aber der Plot – und mehr soll nicht verraten werden – ist schon eine Überraschung.

Viele Momentaufnahmen, auch die kleinen kursiv gedruckten Absätze, stellen die Situation, das Licht und Stimmung an Bord dar. Heutigen Frauen mag es allerdings etwas merkwürdig vorkommen, wie Kezia, ähnlich einem verliebten Backfisch, die Welt betrachtet und doch etwas naiv wirkt. Trotz der Sträflingsfrauen, die das Leben in der Gosse kennen und wahrlich keine Höflichkeitsfloskeln beherrschen, ist es eine doch eine sehr sanfte Erzählung.

Fazit:

Der historische Krimi „Niemandsmeer“ besticht nicht vorrangig durch die nervenaufreibende Suche nach der Täterin. Es ist vielmehr ein sehr berührender Roman über jene Frauen, die ein großes Abenteuer wagen mussten, um am Ende die Chance auf ein neues, besseres Leben zu erhalten. So ist der Mordfall zwar ein zentrales Thema, die vielen Schicksale der Frauen sind es jedoch ebenso.

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