Die Romanfabrik von Paris

Erschienen: Oktober 2020

Couch-Wertung:

86
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Carsten Jaehner
Alexandre Dumas auf der Jagd nach ägyptischen Amuletten

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Jul 2021

Paris, Dezember 1851. Der inzwischen weltberühmte Schriftsteller Alexandre Dumas hat sich am Rande von Paris mit dem Château Monte Christo ein eigenes Schloß gebaut und lebt und arbeitet dort auf großem Fuß, was sich nicht nur auf seine stattliche Körpergröße bezieht. Er beschäftigt hier vierzig Angestellte, die seine Ideen in Form von Fortsetzungsromanen zu Papier bringen, die Dumas inzwischen selbst herausgibt. Natürlich ruft das zahlreiche Neider hervor, und auch Klagen werden gegen ihn hervorgebracht, die ihm mangelnde Moral und schlechten Einfluß vorwerfen. Allen voran die deutsche Gräfin Anna Dorn, die im Rollstuhl sitzt und wegen der Literatur eine Anstellung verloren hat.

Anna hat nicht nur in Dumas einen imaginären Feind, sondern auch in Etienne Lemaitre, einem Magnetiseur, der durch seine Experimente für den Tod von Annas Mann verantwortlich ist. Zudem ist Lemaitre auch ein Feind von Dumas, der ihm Geld noch aus seines Vaters Zeit schuldet. Lemaitre verlangt von Dumas die Rückgabe von drei ägyptischen Amuletten, die dieser von seinem Vater erhalten hätte, doch der ewig klamme Dumas hat sie inzwischen verkauft. Jedoch befinden sie sich nicht mehr im Louvre, jedenfalls nicht alle – eines ist inzwischen ins British Museum in London verkauft worden, ein weiteres in die Eremitage in Sankt Petersburg.

Dumas setzt alle Hebel in Bewegung, Lemaitre zuvorzukommen, die Amulette wieder zu erhalten, denn gemeinsam entwickeln diese in den Händen des Magnetiseurs eine ungeahnte Kraft ihren Gegnern gegenüber. Dumas wird dabei von Anna unterstützt, die trotz ihres Rollstuhls mehrfach über sich hinauswächst. Denn in der Pariser Heimat werden inzwischen Schmähschriften in Dumas‘ Blatt veröffentlicht, unter seinem Namen, obwohl er gar nicht vor Ort ist. Feinde lauern überall…

Buntes Treiben mit Slapstick-Einlagen

Mit Alexandre Dumas hat sich Autor Dirk Husemann einen Protagonisten gewählt, der so facettenreich daherkommt, dass man sich wundert, warum zuvor noch niemand auf dieselbe Idee gekommen ist. Dabei entdeckt der Leser einige unbekannte Facetten Dumas‘, vor allem sein Charakter steht ihm immer wieder selbst im Wege. Interessant sind auch die Schwierigkeiten Dumas‘ mit seiner Hautfarbe – kaum jemand mag wissen, dass er dunkelhäutig war, Enkel einer haitianischen, schwarzen Sklavin und daher immer wieder angefeindet. Dumas ist ein durch und durch interessanter und bunter Charakter, und somit prädestiniert als Romanheld.

Als solcher bringt er sich immer wieder selbst in Schwierigkeiten. Die Mitprotagonisten des Romans sind ebenso schillernd wie er. Etienne Lemaitre ist ein geheimnisvoller Gegner, der sich erst allmählich offenbart und der sowohl gegen Anna als auch gegen Dumas agiert. Anna ist eine Gräfin im Rollstuhl, was immer wieder für interessante Situationen sorgt, die man vielleicht in einem Abenteuerroman nicht so erwarten würde. Ein Rollstuhl mag zum einen ein Hindernis sein, bietet aber auch ungeahnte neue dramaturgische Möglichkeiten. Zu den dreien gesellt sich Lady Alice, Hofdame bei Königin Victoria in London, die auch etwas auf dem Kerbholz hat und gut in die illustre Schar passt. Hier prallen extreme Charaktere aufeinander, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, was aber viel Potenzial an Humor und Spannung bietet, die der Autor auch reichlich ausnutzt.

Hohes Tempo

Husemann mutet seiner Leserschaft einen Parforceritt zu und legt in seinem Roman ein derartiges Tempo vor, das man sich fragt, ob der Großteil des Romans, ungefähr die ersten zwei Drittel, tatsächlich in die vier Wochen des Dezembers 1851 hineinpassen. Schauplätze sind neben Paris auch Brüssel und London, bis dann die Fahrt nach Sankt Petersburg geht. Natürlich ist zu dieser Jahreszeit kein Gedanke für touristische oder landschaftliche Schönheiten angebracht, daher erzählt Husemann nur das Nötigste, was aber auch reicht. Mit viel sprachlichem Witz und ungewöhnlichen Situationen, die manchmal schon fast an Slapstick erinnern, schickt Husemann die Figuren auf ihre wirre Reise, die wie eine Mischung aus den Abenteuerromanen von Dumas selbst und den Reiseromanen von Jules Verne anmutet – egal wie nichtig der Reisegrund ist, es wird gereist und es werden Abenteuer erlebt. Allzu viel Tiefgang darf der Leser hier nicht erwarten, wenngleich doch eine Prise Romantik vorhanden ist. Ein Foto des Schlosses, das übrigens zu besichtigen ist, ist vorne und hinten im Schutzumschlag zu finden.

Fazit:

Die 470 Seiten aus dem Hause Lübbe werden durch ein Personenverzeichnis und ein lesenswertes Nachwort ergänzt, letzteres ordnet Dumas und das Château noch einmal in die Realität ein. Wer einen tiefgründigen Roman erwartet, wird bestimmt enttäuscht werden, wer sich aber auf einen humorigen temporeichen historischen Abenteuerroman ohne komplizierte Tiefe einlassen kann, der wird hier ein paar nette Lesestunden verbringen.

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