Der falsche Preuße

Erschienen: August 2020

Couch-Wertung:

75
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Jörg Kijanski
Eine schillernde Zeitreise

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Sep 2020

München 1894. Das 19. Jahrhundert nähert sich unaufhaltsam seinem Ende, eine neue, moderne Zeit bricht heran. Dies gilt auch für die Kriminalistik, wo neue Methoden die bis dato nicht unübliche Folter ersetzen sollen. Hauptmann Wilhelm Freiherr von Gryszinski hat bei dem bekannten Kriminologen Hans Groß in Graz gelernt und soll nun als Fachmann die Münchener Polizei auf Vordermann bringen. Dort geht alles drunter und drüber, preußische Tugenden sollen helfen. Gryszinski hat vor einem Jahr seine Heimatstadt Berlin verlassen, befindet sich nun im Rang eines Brigade-Kommandeurs und hat doch nur zwei Wachtmeister als Helfer. Diese kümmern sich mangels Kapitalverbrechen um Wirtshausschlägereien und ähnlich harmlose Dinge. Dann aber meldet ein kleiner Junge einen Leichenfund am Isarufer und endlich kann Gryszinski sein Können unter Beweis stellen. Dies ist dringend geboten, denn der vor Ort wartende Gendarm, der eigentlich nur den Tatort absichern soll, hat schon mal vorsorglich mögliche Beweismittel eingesammelt. Es fängt nicht wirklich gut an.

„Eine unmögliche Geschichte. Und ein furchtbares Paradoxon. Halten Sie sich an die Wahrheit, richten Sie sich nach den urpreußischen Tugenden: Redlichkeit, Ehrlichkeit, Pflichtbewusstsein, Unbestechlichkeit, Gewissenhaftigkeit. Aber wenn Sie diesen preußischen Tugenden treu bleiben, verraten Sie Preußen. Außerdem ist da noch das Recht Ihres bayerischen Dienstherrn auf Ihre Loyalität.“

Die Leiche ist mit einem seltsamen Vogelmantel bekleidet, der am Abend zuvor auf einem Empfang des neureichen Emporkömmlings Eduard Lemke von dessen Frau Betti getragen wurde. Mehr als der Umhang verwirrt jedoch am Tatort der deutlich sichtbare Abdruck eines Elefantenfußes. Dem Ermordeten wurde mit einem Schrotgewehr der halbe Kopf weggeschossen, was die Identifizierung zunächst erschwert. Dann stellt sich heraus, dass es sich um Valentin Sperber, den amtlichen Bierbeschauer handelt. Kann der Fall so einfach sein? Betti Lemke ist die Tochter des Inhabers der Goldbrunner Brauerei, die Eduard Lemke aus Altersgründen übernehmen soll. Ein neues Bier hat er bereits zum Patent angemeldet. Mehrere Mitarbeiter der Brauerei berichten, dass es unlängst zwischen ihm und Sperber zu einem lautstarken Streit gekommen sein soll. Hatte Sperber an dem Bier etwas auszusetzen?

„Sie wollen, dass ich für die bayerische Polizei und gleichzeitig heimlich für die preußische Regierung ermittele.“
„Exakt.“
„Sie wollen, dass ich für Preußen spioniere.“
„Wenn Sie es so beim Namen nennen wollen: ja.“

Viele brauchbare Spuren gibt es nicht, da wird Gryszinski zum preußischen Gesandten Max von Thielmann zitiert. Dieser berichtet von einem Aufenthalt Lemkes in Deutsch-Ostafrika, wo dieser ein Eisenbahnnetz gründen und insgeheim nach einem seltenen blauen Diamanten suchen sollte. Als Lemke einen Plan präsentiert, wo angeblich dieser Diamant zu finden ist, schickt man eine Expedition auf die Reise, der jedoch alle dreißig Mitglieder zum Opfer fallen, da sie auf der Suche nach einem auf der Karte vermerkten Dorf die Orientierung verloren. Thielmann vermutet, Gryszinski habe die Karte manipuliert und wirft diesem Hochverrat gegen Preußen vor. Dies stellt Gryszinski vor ein grundsätzliches Problem, denn wem ist er mehr verpflichtet: Seiner preußischen Heimat, wo er immer noch einen militärischen Rang innehat oder dem Königlich Bayerischen Gendarmeriekorps, für das er arbeitet?

Uta Seeburg führt mit Gryszinski einen gewöhnungsbedürftigen Protagonisten ein, dem immer wieder Fehler unterlaufen – obwohl er doch der große Experte sein soll. Regelmäßig gehen ihm Zeugen und Verdächtige verloren. Auch das Anwesen des lange Zeit einzigen Verdächtigen ist völlig überzogen, denn der exzentrische Eduard Lemke lebt in einer Scheinwelt, von der selbst sein Vorbild Ludwig II. nur träumen kann. Wie das Anwesen Lemkes beschrieben wird, erfordert mehr als reichlich Fantasie, vor allem, was das Finale betrifft.

Fazit:

„Der falsche Preuße“ führt auf unterhaltsame und informative Weise in die Zeit des auslaufenden 19. Jahrhunderts ein. Die Fortschritte der Technik, in München haben schon fast fünfundzwanzig Menschen eine Zulassung für ein Automobil, aber auch die neuesten Erkenntnisse der Kriminologie machen den Roman lesenswert. Durch allabendliche, ausführliche Speisen in trauter Runde mit seiner Frau Sophie, erhält Gryszinski umfangreiche Einblicke in die Kochtöpfe, wobei er auch sonst nicht dem Genuss von Nahrungsmitteln und alkoholischen Getränken abgeneigt ist. Hierdurch kommt der Krimifall des Öfteren zur Ruhe; überhaupt ist „Der falsche Preuße“ von durchgehend beschaulicher Erzählart. Allein, man kann nicht jede Erkenntnis von Gryszinski nachvollziehen (beziehungsweise deren Ursprung) und die sehr überschaubare Anzahl verdächtiger Personen reduziert den Spannungsbogen spürbar.

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