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Jörg Kijanski
Eine schillernde Zeitreise

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Sep 2020

München 1894. Das 19. Jahrhundert nähert sich unaufhaltsam seinem Ende, eine neue, moderne Zeit bricht heran. Dies gilt auch für die Kriminalistik, wo neue Methoden die bis dato nicht unübliche Folter ersetzen sollen. Hauptmann Wilhelm Freiherr von Gryszinski hat bei dem bekannten Kriminologen Hans Groß in Graz gelernt und soll nun als Fachmann die Münchener Polizei auf Vordermann bringen. Dort geht alles drunter und drüber, preußische Tugenden sollen helfen. Gryszinski hat vor einem Jahr seine Heimatstadt Berlin verlassen, befindet sich nun im Rang eines Brigade-Kommandeurs und hat doch nur zwei Wachtmeister als Helfer. Diese kümmern sich mangels Kapitalverbrechen um Wirtshausschlägereien und ähnlich harmlose Dinge. Dann aber meldet ein kleiner Junge einen Leichenfund am Isarufer und endlich kann Gryszinski sein Können unter Beweis stellen. Dies ist dringend geboten, denn der vor Ort wartende Gendarm, der eigentlich nur den Tatort absichern soll, hat schon mal vorsorglich mögliche Beweismittel eingesammelt. Es fängt nicht wirklich gut an.

„Eine unmögliche Geschichte. Und ein furchtbares Paradoxon. Halten Sie sich an die Wahrheit, richten Sie sich nach den urpreußischen Tugenden: Redlichkeit, Ehrlichkeit, Pflichtbewusstsein, Unbestechlichkeit, Gewissenhaftigkeit. Aber wenn Sie diesen preußischen Tugenden treu bleiben, verraten Sie Preußen. Außerdem ist da noch das Recht Ihres bayerischen Dienstherrn auf Ihre Loyalität.“

Die Leiche ist mit einem seltsamen Vogelmantel bekleidet, der am Abend zuvor auf einem Empfang des neureichen Emporkömmlings Eduard Lemke von dessen Frau Betti getragen wurde. Mehr als der Umhang verwirrt jedoch am Tatort der deutlich sichtbare Abdruck eines Elefantenfußes. Dem Ermordeten wurde mit einem Schrotgewehr der halbe Kopf weggeschossen, was die Identifizierung zunächst erschwert. Dann stellt sich heraus, dass es sich um Valentin Sperber, den amtlichen Bierbeschauer handelt. Kann der Fall so einfach sein? Betti Lemke ist die Tochter des Inhabers der Goldbrunner Brauerei, die Eduard Lemke aus Altersgründen übernehmen soll. Ein neues Bier hat er bereits zum Patent angemeldet. Mehrere Mitarbeiter der Brauerei berichten, dass es unlängst zwischen ihm und Sperber zu einem lautstarken Streit gekommen sein soll. Hatte Sperber an dem Bier etwas auszusetzen?

„Sie wollen, dass ich für die bayerische Polizei und gleichzeitig heimlich für die preußische Regierung ermittele.“
„Exakt.“
„Sie wollen, dass ich für Preußen spioniere.“
„Wenn Sie es so beim Namen nennen wollen: ja.“

Viele brauchbare Spuren gibt es nicht, da wird Gryszinski zum preußischen Gesandten Max von Thielmann zitiert. Dieser berichtet von einem Aufenthalt Lemkes in Deutsch-Ostafrika, wo dieser ein Eisenbahnnetz gründen und insgeheim nach einem seltenen blauen Diamanten suchen sollte. Als Lemke einen Plan präsentiert, wo angeblich dieser Diamant zu finden ist, schickt man eine Expedition auf die Reise, der jedoch alle dreißig Mitglieder zum Opfer fallen, da sie auf der Suche nach einem auf der Karte vermerkten Dorf die Orientierung verloren. Thielmann vermutet, Gryszinski habe die Karte manipuliert und wirft diesem Hochverrat gegen Preußen vor. Dies stellt Gryszinski vor ein grundsätzliches Problem, denn wem ist er mehr verpflichtet: Seiner preußischen Heimat, wo er immer noch einen militärischen Rang innehat oder dem Königlich Bayerischen Gendarmeriekorps, für das er arbeitet?

Uta Seeburg führt mit Gryszinski einen gewöhnungsbedürftigen Protagonisten ein, dem immer wieder Fehler unterlaufen – obwohl er doch der große Experte sein soll. Regelmäßig gehen ihm Zeugen und Verdächtige verloren. Auch das Anwesen des lange Zeit einzigen Verdächtigen ist völlig überzogen, denn der exzentrische Eduard Lemke lebt in einer Scheinwelt, von der selbst sein Vorbild Ludwig II. nur träumen kann. Wie das Anwesen Lemkes beschrieben wird, erfordert mehr als reichlich Fantasie, vor allem, was das Finale betrifft.

Fazit:

„Der falsche Preuße“ führt auf unterhaltsame und informative Weise in die Zeit des auslaufenden 19. Jahrhunderts ein. Die Fortschritte der Technik, in München haben schon fast fünfundzwanzig Menschen eine Zulassung für ein Automobil, aber auch die neuesten Erkenntnisse der Kriminologie machen den Roman lesenswert. Durch allabendliche, ausführliche Speisen in trauter Runde mit seiner Frau Sophie, erhält Gryszinski umfangreiche Einblicke in die Kochtöpfe, wobei er auch sonst nicht dem Genuss von Nahrungsmitteln und alkoholischen Getränken abgeneigt ist. Hierdurch kommt der Krimifall des Öfteren zur Ruhe; überhaupt ist „Der falsche Preuße“ von durchgehend beschaulicher Erzählart. Allein, man kann nicht jede Erkenntnis von Gryszinski nachvollziehen (beziehungsweise deren Ursprung) und die sehr überschaubare Anzahl verdächtiger Personen reduziert den Spannungsbogen spürbar.

Der falsche Preuße

Der falsche Preuße

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Letzte Kommentare:
25.09.2020 15:50:37
Tine13

Preußisch-bayrischer Lebensgenuss trifft auf Lebenskünstler der besonderen Art

München 1894-, der preußische Hauptmann der Reserve, Wilhelm Freiherr von Gryszinski erst kürzlich mit seiner Frau Sophie nach München übersiedelt, bekommt es als oberster Kriminalermittler beim königlich bayrischen Gendarmeriekorps gleich mit einem ziemlich verzwickten Mordfall zu tun! Nördlich des Maximilianeums in den Maximilians-Anlagen wird eine Männerleiche aufgefunden, mit zerschossenen Kopf, in Unterwäsche, nur bekleidet mit einem skurrilen Federmantel. Gryzinskis erster Tote im neuen Job stellt den leidenschaftlichen Spezialermittler vor ein großes Rätsel.

Im Kriminalroman „Der falsche Preuße" von Autorin Uta Seeburg, bekommt es der Leser mit einem original Preußen in München zu tun, der die Vorzüge der bayrischen Metropole aber wohl zu schätzen weiß! Es ist verführerisch die Stadt und ihren damaligen Zustand einmal durch die Augen dieses sympathischen Berliners zu betrachten:) Überhaupt bekommt der Leser im Buch viel geboten, angefangen vom Familienleben, über die Gebräuche, den Zeitgeist und die Vorlieben der damaligen Gesellschaft!

Am allermeisten dabei, haben mich die außergewöhnlichen kulinarischen Highlights im Buch fasziniert! Die Vorstellung von Blutenten, Fettammern und Fasan zum Dinner, oder schnell mal unter der Woche Kapaun, Hummer, Kaviar oder Austern aufzutischen, würde uns heutzutage unglaublich hochtrabend und dekadent vorkommen. Auch wenn die Auswahl auf dem Viktualienmarkt immer noch enorm ist, wird man sich mit der Beschaffung einiger der erwähnten kulinarischen "Köstlichkeiten" schwertun, das fängt sicherlich schon mit dem sauren Lüngerl an;)

Besonders gelungen sind auch die Kapitel mit ihren passenden Passagen aus dem Handbuch für Untersuchungsrichter, Polizeibeamte und Gendarmen usw. von Hans Groß, 1. Auflage 1893, einem großen Vorbild unseres Ermittlers. Ein wirklich amüsanter Einfall. Überhaupt wird großer Wert auf die korrekte und neueste Tatort und Spurensicherung gelegt!

Man spürt die Figuren sind allesamt mit viel Liebe und Sorgfalt gewählt oder erdacht, großartig charakterisiert und beschrieben. Man bekommt sogleich ein Bild vor Augen und hat keine Probleme sich die einzelnen Personen zu merken, wirklich außergewöhnlich. Eine flüssiger Schreibstil und der außergewöhnlich gestrickte Mordfall lassen die Seiten dahinfliegen.

Dieses grandiose Krimidebüt mit seinen vielen Anekdoten, Ereignissen und Eindrücken, die fast alle historischen Fakten entsprechen, ist einfach ein Genuss! Habe mich hervorragend unterhalten, mitgefiebert und gerätselt! Eine herrliche Zeitreise, wäre nur zu gerne mit am Tisch gesessen und hätte mich von der sensationellen Köchin Frau Brunner verwöhnen lassen oder einmal durch das sagenhafte Labyrinth der Lembke-Villa gestreift:) Für Krimifans und Liebhaber historischer Romane gleichermaßen zu empfehlen. Freue mich schon auf weitere Fortsetzungen dieser Serie.

15.09.2020 15:09:45
lielo99

Spurensuche im München der Vergangenheit
Sehr interessant zu lesen, wie eine völlig neue Sparte in der Wissenschaft langsam bekannt wurde: die Kriminalistik. Wilhelm Freiherr von Gryszinski zieht auch aus dem Grund von Berlin nach Bayern. Er ist ein Pionier auf dem Gebiet und soll die Erkenntnisse seines Lehrers Hans Groß zum Lösen von Kriminalfällen nutzen. Aber auch dafür sorgen, dass seine Gehilfen darin geschult werden. Fingerabdruck und Spurensicherung ist für jene noch ein Buch mit sieben Siegeln und sie sind bestrebt, mehr darüber zu erfahren. Das können sie auch bei diesem Fall. Ein Bierbrauer wird tot aufgefunden und ist mit einem Mantel aus Federn gekleidet. Ein verzwickter Fall, der dem Freiherrn vor nahezu unlösbare Probleme stellt.

„Der falsche Preuße“ ist eine Mischung aus Humoreske, historischem Roman und Krimi. Der Stil ist locker und mit viel bayerischer „Logik“ gewürzt. Oft musste ich schmunzeln. Die Autorin hat einige Klischees bedient, welche den Preußen und den Münchnern auch heute noch zugeschrieben werden. Die lebendige Beschreibung der Lebensart zur damaligen Zeit versetzte mich förmlich dorthin. Auch die Spannung kam nicht zu kurz und bis zum Schluss hatte ich keine Ahnung, wer der Täter tatsächlich ist. Zumal der Mord nicht das einzige Verbrechen war, das in dem Buch eine Rolle spielte.

Vor jedem Kapitel steht ein Zitat aus dem Buch von Hans Groß, aus der ersten Auflage des Jahres 1893. Es ist schon erstaunlich, wie die Ermittler zu der Zeit arbeiteten und welche Hilfsmittel sie hatten. Wenn man bedenkt, was ihnen heute zur Verfügung steht, dann ist das ein gewaltiger Unterschied und eigentlich sollte kein Verbrechen mehr ungeklärt sein. Zum Schluss klärt die Autorin auf, welche hier geschilderten Ereignisse und Personen historisch belegt und welche ihrer dichterischen Freiheit entsprangen. Vier Sterne und eine Leseempfehlung für dieses interessante Buch.

04.09.2020 19:08:43
TochterAlice

Ein Berliner in München - und was für einer! Wilhelm Freiherr von Gryszinski aus Berlin wird aufgrund seiner modernen Ausbildung in München bei der Königlich Bayerische Polizeidirektion eingestellt und zwar als Sonderermittler: neben eigenen aufklärerischen Aktivitäten soll er quasi nebenbei den dortigen Beamten modernste Ermittlungstechniken wie bspw. Fingerabdrücke und Spurensicherung nahebringen.

Wir erleben Gryszinski, wie der Adlige im Roman durchgehend genannt wird, in seinem ersten Münchner Fall: er, der privat glücklich verheiratet ist mit Bücherwurm Sophie, wird zu einem eigenartigen Leichenfund gerufen - es geht um einen Bierbeschauer - das ist quasi sowas wie heutzutage ein Prüfer des Gesundheitsamtes für Lebensmittel, aber eben nur für Bier - dessen Leiche gehüllt in einen extravaganten Mantel aus Vogelfedern gefunden wird. Schnell führt die Spur des Mantels zum Gesellschaftslöwen Lemke und dessen Frau - aber was könnten die wohl mit einem einfachen Bierbeschauer zu tun haben.

Es zeigt sich bald auch, dass es diverse Interessenten gibt, die Lemke auf die Finger schauen wollen und zwar aus verschiedenen Gründen. Gryszinski, ein ausgesprochener Sympathieträger muss bald achtgeben, dass nicht er selbst zum Verlierer wird.

Ein ausgesprochen unterhaltsamer und sehr humorvoller Krimi, den ich wirklich gern gelesen habe. Autorin Uta Seeburg beweist in ihrem Erstling Sinn für Humor, Stil und Atmosphäre. Auch die Recherchen lassen nicht das Geringste zu wünschen übrig.

Aus meiner Sicht lag das Manko des Krimis vor allem daran, dass gewisse Fäden nicht so richtig zusammengeführt wurden: so steht an jedem Kapitelbeginn ein Zitat von Grzyszinskis Lehrmeister, dem österreichischen Kriminologen Hans Groß, den es wirklich gab. Aber diese wurden im Text aus meiner Sicht nicht durchgehend und längst nicht zur Genüge aufgegriffen. Auch einige andere Ansätze verpufften ein wenig im Sande.

Aber dennoch ist dies ein empfehlenswerter historischer Krimi, an dem ich meine Freude hatte!

Zeitpunkt.
Menschen, Schicksale und Ereignisse.

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