Die Tinktur des Todes

Erschienen: August 2020

Bibliographische Angaben

Hannes Meyer (Übersetzung)

Couch-Wertung:

85
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Jörg Kijanski
Blutiger Medizin-Thriller aus Edinburgh

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Aug 2020

1847. Der Medizinstudent Will Raven will Evie besuchen; ein letztes Mal, bevor er seinen Dienst bei dem legendären Geburtshelfer Dr. James Simpson antritt. Doch er findet die Dirne tot in ihrem Zimmer und schleicht sich davon. Für die Polizei kein Grund zu ermitteln, nur „eine tote Hure weniger“. Im Haus von Simpson trifft er derweil auf eine illustre Runde. Neben Mrs. Simpson gibt es noch deren Schwester Mina, die bislang kein Glück mit den Männern hatte, sowie Dr. George Keith, der für den ärmeren Teil der Klientel zuständig ist und den aus Paris zurückgekehrten Dr. James Duncan, der zwar noch jung ist, aber bereits auf eine eindrucksvolle Laufbahn verweisen kann. Und dann wäre da noch Sarah, das junge Dienstmädchen, welches zusätzlich als Sprechstundenhilfe arbeitet und von Beginn an den Verdacht hegt, dass Raven mehr als ein Geheimnis mit sich herumträgt.

„Es heißt, McLevy kriege immer seinen Mann, aber in der Old Town hört man es anders. Dort sagt man, er kriege einen Mann und kümmere sich dann wenig, ob es der richtige ist, solange die Geschichte passt und die Geschworenen ihn verurteilen.“

Simpson nimmt Raven mit zu seinen teils dramatischen Entbindungen, bei denen der die Leiden der Frauen durch den Einsatz von Äther zu lindern sucht. Auf der Fahrt zu einem dieser Einsätze stoßen die beiden im Hafen von Leith auf eine Menschenansammlung. Eine junge Frau wurde aus dem Hafen gefischt, ihr Gesicht ist verzerrt, die Knochen seltsam verrenkt – wie bei Evie. Für den berühmt-berüchtigten Polizisten James McLevy kein Grund zum Handeln. Er fand bisher noch immer den Täter, wenngleich nicht immer den richtigen. Da es sich bei dem toten Mädchen um eine mit Sarah bekannte Haushaltshilfe handelt, erkennen Sarah und Raven widerwillig, dass sie einander vertrauen müssen und beginnen auf eigene Faust zu ermitteln.

Medizinische Grundkenntnisse sind bei der Lektüre von großem Vorteil

„Die Tinktur des Todes“ ist der Auftakt einer neuen Reihe (Die Morde von Edinburgh), die in der Mitte des 19. Jahrhunderts spielt. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich der bekannte Autor Christopher Brookmyre und dessen Frau Marisa Haetzman, eine Medizinhistorikerin. Auf den ersten hundert Seiten werden die drei  Protagonisten (Raven, Sarah und Simpson) sowie die weiteren Angehörigen in der Praxis beziehungsweise im Haushalt ausführlich vorgestellt. Von dem eingangs erwähnten Tod Evies abgesehen, ist ein Krimiplot noch nicht wirklich in Sicht. Erst nach und nach erschließen sich die Zusammenhänge, ebenso wie die meisten Geheimnisse, die einige Figuren mit sich herumtragen. Mit zunehmender Handlung nimmt der Krimi ordentlich Fahrt auf, wobei die Lösung womöglich der ein oder andere Leser schon recht früh erraten mag.

„In der Infirmary gab es kürzlich zwei Fälle. Jeweils Uterusperforation und Bauchfellentzündung.“
„Tödlich?“
„Ja. Quasi Mord.“
„Wer absichtlich solche Verletzungen zufügt und nur an sein Honorar denkt, begeht tatsächlich nichts anderes als Mord. Und der Täter?“
„Unbekannt.“
„Das überrascht mich nicht. Mit Mord davonzukommen ist eine recht einfache Angelegenheit, besonders wenn die Opfer als bedeutungslos angesehen werden.“

Edinburgh wird als Stadt lebendig dargestellt, was sowohl für die heruntergekommene Old Town, das Armenviertel, als auch für die New Town gilt. Die zur damaligen Zeit geltenden Standes- und Geschlechtsunterschiede werden umfassend thematisiert, natürlich anhand von Sarah. Denn das junge Mädchen ist nicht nur eine gute Haushalts- und Sprechstundenhilfe, sondern zudem vielseitig interessiert und hoch intelligent. Umso mehr ärgert es sie, dass ihr bestimmte Schulfächer vorenthalten werden und sie nicht studieren darf. Als sie sich für eine Stelle in einer Drogerie interessiert, wird sie brüsk abgelehnt, da man eine Vertrauensperson benötige, vulgo einen Mann.  

„Kann man denn als Frau keine Ziele über eine Ehe hinaus haben?“
„Ziele? Was in Gottes Namen meinst du bloß?“
„Irgendeine Form von Beruf. Ich meine, wünschten Sie denn nicht, Sie hätten eine sinnvolle Möglichkeit, Ihren Intellekt und Ihr Wissen einzusetzen?“
„Sarah, die gottgewollte Rolle der Frau ist die der Gattin und Mutter. Jeder Beruf wäre nur ein unzureichender Ersatz. Und welcher Beruf sollte überhaupt einer Dame angemessen sein? Gouvernante? Bei dem Gedanken allein wird mir ganz anders.“

Raven fängt bei Simpson als dessen Famulus an und wer mit diesem Begriff bereits ein Problem hat, für den wird es nicht besser. Medizinische und teils chemische Grundkenntnisse sind zumindest von Vorteil, da nicht alle Begriffe erklärt werden. Gut, Strychnyn und Chloroform, sind dem begeisterten Krimileser hinreichend geläufig, aber dennoch fliegen die Fachbegriffe aus der Entbindungsmedizin tief. Gleichwohl bietet der Roman einen faszinierenden, allerdings recht deftigen Einblick in die Medizingeschichte. So wird geforscht nach dem perfekten Anästhetikum, selbst in zweifelhaften Eigenversuchen, während neue Entbindungen auf Simpson und Raven warten. Der Einsatz einer Geburtszange ist aus Sicht der betroffenen Frau noch der harmlose Fall. Es wird meist blutig und nicht immer geht die Sache gut aus.  

Fazit:

Zu Beginn mit Anlaufschwierigkeiten bietet „Die Tinktur des Todes“ einen packenden Krimi nach Serienmörder-Prinzip, wobei Raven und Sarah aufgrund ihrer jeweiligen Stellung nur bedingt ermitteln können. Genauso spannend wie die Frage nach dem oder den Tätern, ist der (blutige) Einblick in die Entbindungspraktiken der damaligen Zeit sowie die Darstellung der strengen gesellschaftlichen Konfessionen zwischen arm und reich, Frau und Mann. Ein vielschichtiges Leseerlebnis, das Vorfreude auf den nächsten Fall macht.

Die Tinktur des Todes

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