Eichmann in Jerusalem

Erschienen: Juli 2011

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Christina Wohlgemuth
Vom Versuch, das Unfassbare zu erfassen

Buch-Rezension von Christina Wohlgemuth Jul 2020

Israel, im Mai 1960. In Jerusalem beginnt ein Prozess, in dem versucht werden soll, ein unvorstellbares Menschheitsverbrechen anhand einer Person aufzuarbeiten. Das Menschheitsverbrechen ist die Shoa, der Holocaust, die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Europas. Die Person, die angeklagt ist, ist Adolf Eichmann, der als teuflisches Genie hinter der „Endlösung der Judenfrage“ gesehen wird und dem – in Ermangelung Hitlers, Himmlers und Heydrichs – der Prozess gemacht werden soll. Doch der vermeintliche Dämon entpuppt sich als banaler Beamter, als in jeder Hinsicht mittelmäßiger Mensch.

Die Suche nach einem Schuldigen

Als Adolf Eichmann in Südamerika vom israelischen Geheimdienst Mossad festgenommen und nach Israel verbracht wird, wo der israelische Staat und mit ihm das Volk Israel über ihn zu Gericht sitzen soll, ist es auch der Versuch, dem Menschheitsverbrechen der Shoa Herr zu werden. Neben der schrecklichen Erkenntnis, dass eine ganze Bevölkerung, ein ganzer Staat die Vernichtung einer anderen Gruppe geplant, organisiert und auch durchgeführt hat, stellt sich die Frage nach den Hauptverantwortlichen. Da sich die großen Namen in großen Teilen durch Suizide der Verantwortung entzogen haben und die bei Kriegsende festgenommenen Reste der Führungsriege in Nürnberg von den Allierten be- und verurteilt wurde, ist Adolf Eichmann der nächste in der Reihe.

Als „Fachmann in der Judenfrage“ hoffte man, mit Eichmann nicht nur ein kleines Rädchen, sondern einen der Mitgestalter der Shoa aburteilen zu können. Und entsprechend groß ist das weltweite Interesse an dem Prozess. Unter den Beobachterinnen vor Ort ist auch Hannah Arendt, Philosophin, Journalistin, Schriftstellerin, die bereits 1933 emigrierte.

Die Geschichte eines Menschheitsverbrechens

Hannah Arendts bekanntes Werk ist mehr als der bloße Bericht von einem großen Prozess. Es ist eine Betrachtung des Holocausts in seiner Gesamtheit, eine Abhandlung über Ursprung, Planung, Organisation und Durchführung. Die Autorin führt ihre Leser von der beginnenden Entrechtung nach der Machtergreifung, über die Phase der Vertreibung, die Konzentration und die Wannsee-Konferenz bis zu den Vernichtungslagern vor allem in Osteuropa.

Doch Hannah Arendt berichtet nicht nur von den Tätern, sondern auch von den Opfern, und das mit einer beeindruckenden Offenheit. Sie befasst sich intensiv mit dem Verhalten der jüdischen Bevölkerung, mit den Judenräten, mit den Fragen nach Kooperation und dem Ergeben in das eigene Schicksal. Diese Perspektive auf den Holocaust wird selten behandelt, trägt jedoch dazu bei, ein runderes und kompletteres Bild zu zeichnen.

Durch die Augen einer Philosophin und eines kritischen Geistes

Doch Hannah Arendts Bericht beeindruckt neben der Abhandlung über den Holocaust aus historischer Sicht – auch wenn man dem Buch anmerkt, dass Hannah Arendt keine studierte Historikerin ist – sondern vor allem als Betrachtung des Bösen. Der Untertitel des Buches trifft den Kern, denn nach der Lektüre bleibt vor allem die Fassungslosigkeit, dass dieser Mann auf der Anklagebank so weit entfernt von diesem stilisierten Dämon ist, dass manch eine leichte Enttäuschung empfinden könnte.

Eichmann ist ein durchschnittlicher Beamter, ohne große Eigeninitiative, kein diabolisches Genie, das sich das unvorstellbare Verbrechen der Shoa ausdachte. Seine Rolle wird viel kleiner und banaler, und doch bleibt die große, beklemmende Erkenntnis, dass es keine Dämonen, keine emotional gestörten Unmenschen braucht, um eine Grausamkeit wie den Holocaust durchzuführen. Hannah Arendt gelingt es in beeindruckender Weise, anhand von Eichmanns Aussagen, seinem Verhalten und der Erkenntnisse des Prozesses tatsächlich von der „Banalität des Bösen“ zu berichten.

Neben dieser Erkenntnis bleibt von der Lektüre auch die Kritik Arendts am Prozess und seinen Beteiligten, die man als Leser nicht unbedingt teilen, aber inhaltlich nachvollziehen kann. Bei der Einordnung ihrer Kritik und ihres Berichts hilft auch das sehr informative Vorwort von Hans Mommsen, das die damaligen Reaktion auf Hannah Arendts Bericht zusammenfasst.

Eine Lektüre, die fordert, vielleicht manchmal auch überfordert und einen aufmerksamen Leser verlangt, die aber von großer Wichtigkeit ist und noch lange nachwirkt.

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