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Jörg Kijanski
Serienstart mit Potential

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Jun 2020

Berlin. In der Silvesternacht des 31. Dezember 1864 trifft die junge Adelige Charlotte von Winterberg eine folgenschwere Entscheidung. Sie will an diesem Abend nicht ihre Verlobung mit Heinrich von Burgfeld feiern, sondern das verhasste Elternhaus, in dem sie sich zunehmend beengt fühlt, für immer verlassen. Ihr Vater hatte die Verlobung arrangiert, um auf diesem Weg seine in Schieflage geratenen Finanzen aufzupolieren. Doch Charlotte will nicht die Spielfigur eines verrufenen Frauenhelden sein.

März 1865. Charlotte, die jetzt Violet Lewis heißt, hat sich in London eingelebt und arbeitet für Roisin O’Mahoney, die sich Fleur Fatale nennt und ein Frauenhaus für ehemalige Prostituierte leitet. Für die Unterhaltung ihrer Einrichtung benötigt Fleur immer wieder Geldspenden und so lädt sie ihre wichtigsten Gönner zu einem Maskenball ein. Während der Soiree bricht plötzlich Sir William May zusammen. Wie sich herausstellen wird, wurde er mit Arsen vergiftet. Inspector Basil Stockworth von Scotland Yard übernimmt die Ermittlungen und hat prompt eine Idee, die Charlotte unmittelbar betrifft, deren Identitätsschwindel ihm sofort aufgefallen ist. Charlotte soll im Haus der Mays die freie Stelle der Gouvernante übernehmen und sich um die beiden Söhne von Mays Witwe Eugenia kümmern. Charlotte willigt ein und lernt die Familie May sehr schnell kennen. Eugenias Söhne Alistair und Ashly sind keineswegs so hoffnungslose Fälle wie alle behaupten. Edward, der einzige Sohn Sir Mays aus erster Ehe und somit der Haupterbe, versteht sich mit seiner Stiefmutter kein bisschen, was auf Gegenseitigkeit beruht und das Verhältnis von George May zu seinem ermordeten Bruder galt seit Jahren als zerrüttet. Blieben noch die weiteren Teilnehmer an der Soiree, Lady Clifton und Sir Geoffrey, als Verdächtige übrig, die ebenfalls dem Verstorbenen keine Träne nachweinen.

Whodunit trifft auf Frauenpower

Jessica Müller erwähnt in ihrer Danksagung, dass sie sich darauf freut, ihre beiden Protagonisten bald wieder auf Mörderjagd zu schicken. Sollte es sich hier also um den Start einer Serie handeln, so wäre dies keine schlechte Nachricht, zumal noch „Luft nach oben“ bleibt. Die Figuren der Charlotte und des Inspectors sind durchweg sympathisch, ganz im Gegenteil zu den Mitgliedern der Familie May. Charlotte verkörpert eine junge, eigenständig denkende Frau; die sich ihr Leben nicht länger von anderen Menschen vorschreiben lassen möchte. Für das viktorianische Zeitalter eine eher ungewohnte, da zu moderne Einstellung. Die Emanzipation der Frau im Allgemeinen sowie das Elend der jungen Frauen in London, die zum Überleben oftmals nur den Weg in die Prostitution finden, im Besonderen, sind der Autorin ein wichtiges Anliegen. Allerdings liegt ihr auch eine Liebesgeschichte besonders am Herzen, die mitunter etwas arg rührselig daherkommt. Sie ahnen schon, wer betroffen sein könnte.

„Seine Ehe und das Verhältnis zu seinem ältesten Sohn waren zerrüttet, und mit seinem Bruder hat er sich noch nie verstanden. […] Und oft sind es doch auch die Menschen, die uns am nächsten stehen, die uns am gefährlichsten werden können, nicht wahr?“

Die Lage der Frauen im 19. Jahrhundert wird gelungen skizziert, ein wenig mehr Tiefgang hätte sein können. Dies gilt auch für das viktorianische Zeitalter, welches in erster Linie durch seine strengen Moralvorstellungen dargestellt wird. Die Atmosphäre der damaligen Zeit wird zwar ordentlich eingefangen, aber auch hier kann man sich steigern. Das Entscheidende für einen Krimi, nämlich der eigentliche Krimiplot, ist hingegen durchgängig überzeugend. Sicher sind Motiv und Auflösung keine Neuheit, aber der als klassischer Whodunit aufgelegte Roman macht hier kaum etwas falsch. Es gibt genügend Verdächtige, die „Ermittlungen“ von Charlotte, die sich vor allem in den Gesprächen mit einem der Hausmädchen widerspiegeln und nicht zuletzt die polizeiliche Ermittlungsarbeit werden umfangreich vorgestellt. Mit den besten Beziehungen von Fleur und Inspector Stockworth finden sich leicht Gesprächspartner, die weiterhelfen können. Da verrät schon mal der Notar, wer im Todesfall begünstigt ist. Wäre noch zu erwähnen, dass der verschmähte Liebhaber Heinrich von Burgfeld ebenfalls über internationale Kontakte verfügt und Rache geschworen hat.

Fazit:

Der „viktorianische Krimi“ besticht als Krimi durchaus, wenngleich er keine wirklich neuen Elemente enthält. Gleichwohl ist der Plot gut ausgetüftelt und Verdächtige gibt es in ansprechender Anzahl. Der „viktorianische“ Anteil des Romans befasst sich vornehmlich mit der zunehmenden Emanzipation der Frauen aus höheren und der nach wie vor bedrückenden Lage junger Mädchen aus unteren Gesellschaftskreisen.

Tod hinter der Maske

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