Die tote Meerjungfrau

Erschienen: Oktober 2020

Bibliographische Angaben

Übersetzung: Günther Frauenlob, Maike Dörries

Couch-Wertung:

70
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Carsten Jaehner
Die unwiderstehliche Kraft des Unerlaubten

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Dez 2020

Kopenhagen, September 1834. Hans Christian Andersen, der bislang erfolglose dänische Dichter, steht unter Mordverdacht! Am Vorabend war er bei einer Prostituierten, um von ihrer Silhouette Scherenschnitte zu machen, hat sie aber nicht angerührt. Am Tag darauf wird sie tot aus dem Holmens Kanal gezogen.Er steht als bekannter Besucher des Etablissements sofort unter Mordverdacht und wird verhaftet. Durch Fürsprache eines Mäzens kommt er für drei Tage frei, um seine Unschuld zu beweisen.

Hans Christian nimmt Kontakt zur Schwester der Toten auf, Molly, die sich um deren Tochter, Mariechen, kümmert. Natürlich hasst sie Hans Christian, gibt ihm aber eine Chance. Sie verfolgen die beiden die wenigen Spuren, die sie allmählich zu einem unglaublichen Geheimnis führen, das sie bis in höchste Kreise führt. Währenddessen irrt der Mörder weiter durch die Stadt und beobachtet das unerwartete Ermittlerpaar, lässt sich aber von seiner Mission nicht abbringen. Denn die Tote aus dem Kanal war erst der Beginn eines unglaublichen Plans…

Der berühmte Dichter unter Mordverdacht

Es ist ein ungewöhnliches Sujet, in das die Autoren Rydahl & Kazinski den weltbekannten Dichter Hans Christian Andersen verfrachten, der seine berühmten Märchen zu dieser Zeit noch nicht geschrieben hat. Tatsächlich gibt es für den Zeitraum der Handlung eine größere Lücke in Andersens Tagebücher und diese suchen die Autoren nun mit einem Kriminalfall zu füllen. Zu Hilfe kommt ihnen dabei Andersens ungeklärte sexuelle Neigung; es wird vermutet, dass er homosexuell gewesen sei, was aber weder belegt noch widerlegt ist.

Da das Mordopfer, das Freudenmädchen Anna, zusammen mit ihrer Schwester Molly im zwielichtigen Viertel tätig war, beginnen dort auch die Recherchen des Ermittlerpaars, das sich notgedrungen zusammenrauft. Hier betrachten die Autoren die unschönen Seiten der dänischen Hauptstadt Kopenhagen und beschreiben sie dem Leser so intensiv, dass man den unangenehmen Geruch direkt mit in der Nase spürt. Kopenhagen ist zwar Hauptstadt und Königssitz, aber das wahre Leben spielt sich doch immer in den niederen Kreisen ab.

„Nur eins lieben die Kopenhagener noch mehr als saftigen Tratsch, und das sind grauenvolle Tragödien, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen.“

Die Autoren wählen für ihren Roman eine interessante Perspektive, indem der Mörder recht früh bekannt ist, da sie seine Geschichte parallel zur Andersens Geschichte erzählen. Das könnte daneben gehen, allerdings wird erst nach und nach klar, welches erstaunliche Motiv der Mörder verfolgt. Das macht die Geschichte dann wieder interessant und bisweilen sogar spannend. Es lässt sich tatsächlich nicht ahnen, worauf alles am Ende hinausläuft, und selbst wenn man irgendwann den Weg kennt, verläuft er doch nicht so geradeaus wie man das gerne hätte. Andersen und Molly arbeiten zusammen und getrennt, was mehrere Möglichkeiten eröffnet.

Düstere Stimmung

Als wäre die Suche nach dem Mörder, der die beiden beobachtet, nicht genug, gibt es im Polizeipräsidenten Cosmus Bræstrup (eine historische Figur) einen Mann, der Andersen hinter Gitter sehen will und ihn nur auf Fürsprache eines wichtigen Freundes aus der Haft entlassen musste. Selbst am Ende gibt sich Bræstrup unversöhnlich, ein grimmiger Charakter, der gut in die Grundstimmung des Romans passt.

Diese Grundstimmung ist eher düster, da sie hauptsächlich in den unangenehmen Teilen der Stadt spielt, sowohl von den Menschen her als auch von den Örtlichkeiten. Es gibt wenig Licht und viel Schatten. Dementsprechend ist auch die Sprache teilweise derb geraten und die Darstellungen von Tod, Blut und Ähnlichem realistisch und damit vielleicht für einige Leser abstoßend. Man wird hier unweigerlich an neuere skandinavische Romane wie „1793“ von Niklas Natt och Dag erinnert, wobei „Die tote Meerjungfrau“ dagegen tatsächlich eher harmlos ist. Aufgrund des Endes ist wohl keine Fortsetzung zu erwarten, aber heutzutage weiß man ja nie.

Allerdings kommt man nicht umhin, in der Geschichte die eine oder andere Schwäche zu erkennen. Die Schlüsse, die die beiden Ermittler ziehen, sind teilweise so weit hergeholt, dass sie dann tatsächlich stimmen. Zufall und Timing spielen eine entscheidende Rolle und irgendwie liegen sie mit ihren verqueren Überlegungen immer richtig. An manchen Stellen merkt man, dass an dem Buch drei verschiedene Autoren (das Autorenduo A. J. Kazinski und Thomas Rydahl) geschrieben haben, die Geschichte verläuft manchmal doch etwas ruckelig.

Da die Geschichte am Ende nicht ans Licht der Öffentlichkeit kommen darf, sieht Andersen plötzlich eine andere Möglichkeit, sich ein Ventil für seine Erlebnisse zu verschaffen: Er beschließt, Teile davon in seine Märchen zu übertragen, immer mal ein bisschen, beginnend mit einer tragischen Geschichte, die auch für den Buchtitel „Die tote Meerjungfrau“ Pate stand: „Die kleine Meerjungfrau“, 1837 veröffentlicht und bis heute eines seiner bekanntesten Märchen.

Fazit:

„Die tote Meerjungfrau“ ist ein schöner Ausflug in eine selten beschriebene Lokalität zur Zeit Hans Christian Andersens, der sich ungewollt selbst vor der eigenen Hinrichtung retten muss. Der Roman hat einige fantastische Elemente und wirkt so als Ursprung für Andersens Ideen für seine Märchen. Märchenfans werden daher viele Elemente aus späteren Geschichten wiedererkennen. Alle anderen Leser erwartet ein solider Roman, den man gut an ruppigen Wintertagen im heimischen Sessel lesen kann.

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