Die Schule der Redner

Erschienen: März 2021

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Carsten Jaehner
Das Gute und das Böse der Sprache

Rezension von Carsten Jaehner Nov 2021

Der junge Leon und sein älterer Bruder Richard sind die Neffen des Fürsten Rudolf von Habsburg. Man schreibt das Jahr 1246, und man sucht einen Nachfolger des Kaisers, das allgemeine Stühlerücken beginnt und allerorten strebt man nach der Macht. Da verliebt sich Leon in das junge Mädchen, das eigentlich seinen Onkel heiraten soll. Er bekommt den Auftrag, ein scheinbar machtvolles Buch des Bernard von Clairvaux in Sicherheit zu bringen. Er schafft es, die Habsburg mit dem Buch mitten im Winter zu verlassen, muss aber seinen Bruder zurücklassen, der inzwischen gefangen genommen wurde.

Durch den tiefen Schnee und schwer verletzt von seinen Verfolgern macht sich Leon auf den Weg zum einzigen Ort, an dem er das Buch sicher wähnt und von dem ihm sein Lehrer Albert von Breydenbach erzählt hat: Die Schule der Redner in Sankt Gallen. Mit seinem neuen Freund Flint und verfolgt von geheimnisvollen Kriegern gelangt er schließlich Ende 1247 zu der Schule, wo er bald merkt, dass hinter der Redekunst mehr steckt, als er geahnt hat. Und dass das Buch, das er gut versteckt hat, mehr Macht zu haben scheint als gedacht.

Freunde und Feinde

Johann Seegers Debütroman behandelt ein Thema, das so bislang noch nicht in einem historischen Roman vorkam. Die Macht der Worte und die Macht des Redens stehen im Mittelpunkt des Romans, verpackt in eine abenteuerliche Geschichte um den jungen Leon. Zusammen mit seinem neuen Freund Flint erreicht er nach etwas mehr als einem Drittel des Buches schließlich St. Gallen, nachdem ihn einige Abenteuer von der Habsburg weggetrieben haben. Dieser Teil ist bisweilen recht spannend, vom Autor treffend erzählt, und man fiebert tatsächlich mit den Kindern mit, wie sie im Schnee überleben können, verfolgt von den Männern Uthers, von dem schon bald klar wird, dass er Leon nicht wohlgesonnen ist.

In der Schule der Redner ist St. Gallen findet Leon schnell neue Freunde, namentlich Ben, Angus und Konni, die alle Leon auch in schwierigsten Zeiten zur Seite stehen. Hinzu kommt die Küchenfrau Agnes, die immer ein Ohr für all ihre Kinder hat und jedem immer noch gerne einen extra Löffel Suppe gibt. In Hindrick und seinem Handlanger Wolfger hat Leon aber auch direkt einige Jungen, die sich schnell als seine Gegner entpuppen. Die vier Lehrer der vier Lehrhäuser sind auch sehr geheimnisvoll, der Weg durch das Studium an der Schule der Redner lang und kompliziert, doch Leons Talent wird schnell erkannt, und nach und nach beginnen er und seine Freunde das Gelände und die Häuser zu erkunden, ob sich das Geheimnis um das Buch des Hermes Tresmegistos, das Bernard von Clairvaux gehörte, zu finden und die letzten Geheimnisse der Macht der Sprache zu erkunden.

Fehler in der Recherche

Seeligers Roman schwankt immer wieder zwischen temporeichen Passagen und nächtlichen Lesestunden, so dass eigentlich keine Langeweile aufkommt. Auch die häufigen Perspektivwechsel in der Erzählung, durch die man immer mal wieder verschiedene Erzählstränge verfolgen kann, machen das Leseerlebnis kurzweilig. Sprachlich allerdings bedient sich der Autor eher einer modernen Sprache des 21. Jahrhunderts, immer mal wechselnd mit „alten“ Formulierungen und Höflichkeiten, so dass der Roman gerade nach hinten heraus mehr an einen historischen Jugendroman erinnert.

Was dem Leser allerdings unweigerlich auffällt, ist die mangelnde Recherche, die der Autor hat walten lassen, bzw. die das Lektorat hat durchgehen lassen. Das ist umso ärgerlicher, als dass sich diese Fehler mit ein bisschen Sorgfalt alle hätten vermeiden lassen. Die Universität Sorbonne in Paris gab es zwar schon, erhielt diesen Namen aber erst im 14. Jahrhundert, daher ist es falsch, sie bereits 1246 so zu nennen. Begriffe wie Plumpsklo, Aristokratie, Chiffre und Soße sind ebenfalls historisch verkehrt. All dies gab es zwar, die hier benutzten Begriffe entstanden erst später. Negativer Höhepunkt in dieser Aufzählung ist allerdings die „Nase wie eine Kartoffel“, die man 1246 noch nicht kennen konnte. All diese Fehler sind ärgerlich und wären mit besserer Recherche vermeidbar gewesen, es gibt noch weitere dieser Art im Text. Das ist schade, denn so bekommt der Roman einen sprachlich negativen Einfluß, was einem Buch, wo es gerade um die Sprachen geht, nicht guttut.

Die Kunst des Redens

Wer über diese sprachlichen Fauxpas hinwegsehen kann, wen dann auch einige Logikfehler nicht stören und wen das ungeheure beeindruckende Wissen von Jugendlichen in der Mitte des 13. Jahrhunderts nicht verwundert, der wird einen temporeichen Roman vorfinden, der neben einer interessanten Handlung auch einige überraschende Wendungen miterleben und auch ein wenig Humor dabei haben. Interessant sind tatsächlich die Ausflüge in die Lehrstunden über die Kunst des Redens, manch Leser mag künftig versuchen, diese neuen Kenntnisse auszuprobieren.

Eine Karte der Rednerschule, ein Personenverzeichnis, ein interessantes Nachwort (unbedingt lesen!) und eine umfangreiche Danksagung am Ende ergänzen einen 760 Seiten starken Roman aus dem Heyne Verlag, der leider nicht ganz halten kann, was das gelungene Cover verspricht.

Fazit

Johann Seegers Debütroman „Die Schule der Redner“ ist ein schöner Roman über die Kunst der Sprache, der leider tatsächlich sprachlich mit seiner Vorlage nicht immer mithalten kann, gespickt mit Fehlern und einer nicht immer angemessenen modernen Sprache. Wäre der Roman als historischer Jugendroman deklariert worden, könnte man zumindest über die moderne Sprache hinwegsehen, so aber bleibt leider ein fader Nachgeschmack. Dennoch hat der Autor Potenzial, sollte aber bei seinem nächsten Roman mehr Sorgfalt in die Recherche legen.

Die Schule der Redner

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