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Jörg Kijanski
Ein Auswanderer in den Fängen des deutschen Geheimdienstes

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Mär 2020

Ulla Lenze verarbeitet in „Der Empfänger“ die Geschichte ihres Großonkels Josef Klein, der Anfang 1925 nach Amerika auswanderte. Eigentlich sollte ihn sein Bruder Carl begleiten, doch ein Arbeitsunfall und ein daraus resultierendes Glasauge verhindern dies. In New York schlägt sich Josef, der fortan auf den Namen Joe hört, mehr schlecht als recht durch. Er arbeitet für Arthur in einer Druckerei, die es mit ihrem Kundenstamm nicht so genau nimmt. 1939 gibt es viele Menschen, die Hitler bejubeln. Nicht nur patriotische Emigranten aus Deutschland, Italien und Irland, auch amerikanische Rassisten finden den neuen starken Mann gut. Selbst schwarze Amerikaner, die der Hass auf England und das Judentum anspornt, sind vom Führer begeistert. „Mein Kampf“ schafft es in die Bestsellerliste der New York Times.

Über Arthur erhält Joe Kontakt zum Amerikadeutschen Bund und der Christian Front. Ihnen und anderen Organisationen liefert die Druckerei ihre Hetzschriften. Joe will sich eigentlich davon distanzieren, lernt aber über deren Kontakte neue „Geschäftsleute“ kennen, die seine Fähigkeiten als Hobbyfunker nutzen möchten. Da viel Geld im Spiel ist, willigt Joe ein und funkt Zahlencodes nach Deutschland. Chiffrierung ist verboten, zu spät merkt Joe, dass er womöglich für den deutschen Geheimdienst arbeitet. Seine neue Freundin Lauren, eine deutlich jüngere Amerikanerin, sieht die aufkommende Gefahr für Joe indessen sehr klar und bittet diesen nachdrücklich, sich dem FBI zu stellen, um gegen seine Leute auszusagen. Doch das FBI verfolgt bereits eigene Ziele.

„Ich will wissen, um was es geht, was wir da machen. Man hat mich in etwas hineingezogen, das unerwünschte Konsequenzen haben könnte. Ich will wissen, ob wir in Gefahr sind.“
„Wissen Sie, was das Problem ist? Sie. Leute wie Sie! Leute wie Sie werden uns alles kosten!“
„Ich verstehe nicht.“
„Nein, Sie verstehen gar nichts!“

1949 kommt Josef zurück nach Deutschland und findet Unterschlupf bei Carl und dessen Familie in Neuss. Die dort herrschende, bedrückende Atmosphäre belastet Josef zunehmend. Carl schlägt seinen Sohn regelmäßig, so wie es schon ihr Vater mit Carl und Josef gemacht hat. Zudem entsteht keine positive Stimmung, da Josef nicht über seine Vergangenheit sprechen möchte. Dabei interessiert es Carl durchaus, warum sein Bruder jahrelang im Gefängnis und später in einem Internierungslager auf Ellis Island saß.

Mehr Biografie denn Spionageroman

Die Geschichte pendelt hauptsächlich zwischen New York (vornehmlich 1939) und Neuss (1949), spielt aber ebenso in Costa Rica (1953), wohin es Josef letztlich mit Hilfe alter Nazi-Seilschaften verschlägt. Hier erhofft er sich ein neues Leben, ohne sich weiter seiner Vergangenheit stellen zu müssen. „Der Grenzgänger“ lässt einige Fragen offen, zum Beispiel wird nicht gänzlich klar, warum die Brüder auswandern wollten? Auch Joes Einstellung gegenüber dem Naziregime ist alles andere als eindeutig. Denn ihm wird früh erkennbar, für wen er da welche Art von Informationen sendet. Und auch wenn er vor allem gegenüber Lauren um Klarstellung bemüht ist, dass ihn keinerlei Schuld treffe, so hält diese ihm doch immer wieder den Spiegel vor. „Du willst nicht im Unrecht sein, du weißt aber, dass du es bist, und du versuchst, es vor dir selbst geheim zu halten.“ Andererseits genießt Joe seine kleine Wohnung in Harlem, die vielen ausländischen Restaurants und vor allem den Jazz, der in seinem Heimatland längst verboten wurde.

„Ich habe ein tragbares Funkgerät gebaut.“
„Und was ist daran verboten?“
„Für den deutschen Geheimdienst.“
„Und wie ist es dazu gekommen?“
„Mit einer Lüge. Anfangs hieß es, Geschäftskontakte. Und dann gab es keinen Ausweg mehr.“
„Was heißt das?“
„Sie haben Druck gemacht.“

Joe ist, wie nahezu alle anderen Figuren, eine ambivalente Person, die den Leser spürbar auf Abstand hält. Dies gilt vor allem für den cholerischen Carl, dessen politische Gesinnung während des Krieges ebenfalls ungeklärt bleibt. „Nur weil du Radio London gehört hast, bist du kein Widerstandskämpfer gewesen.“ Darüber hinaus bietet der Roman Einblicke in die Funkertätigkeit deutscher Spione in Amerika und in den sich gegen Ende der 1930er Jahre immer stärker entwickelnden Hass der Amerikaner gegen die Deutschen. Gewalttätige Auseinandersetzungen nehmen zu, „Sieg Heil“-Rufe werden verboten und auch das Funken für Deutschland steht unter Androhung der Todesstrafe. Joe hat Glück im Unglück, dass er kurz vor Inkrafttreten dieser Regelung verhaftet wird.

Fazit:

Ansprechende und teils bedrückende Einblicke in das Leben eines deutschen Auswanderers, der Ende der 1930er als Funker für den deutschen Geheimdienst arbeitet. Später will er, wie so viele, nichts gewusst haben. Auch die Darstellung von Carls Familienleben im zerstörten Nachkriegsdeutschland ist beklemmend und wirkt nach. Nicht zuletzt die ständig wechselnden Handlungsorte zwischen Amerika, Deutschland und Südamerika machen den Roman zu einem Leseerlebnis.

Der Empfänger

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