Die Frau im Seidenkleid

Erschienen: Juni 2019

Bibliographische Angaben

Sibylle Schmidt (Übersetzung)

Couch-Wertung:

87
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Annette Gloser
Was ist eigentlich Glück?

Buch-Rezension von Annette Gloser Feb 2020

London. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts brechen für die Londoner Seidenweber schlechte Zeiten an. Billige Importware findet auf dem Markt reißenden Absatz, bunt bedruckte Baumwollstoffe ebenso wie Seide aus Frankreich und China. In den großen Werkstätten werden die Löhne gedrückt, sehr zum Unmut der Gesellen, die sowieso schon am Existenzminimum leben und sich bald gegen ihre Arbeitgeber zusammenrotten. In dieser schwierigen Zeit träumt Esther Thorel davon, eigene Seidenmuster zu entwerfen. Ihr Ehemann hat keinen Blick dafür. Seine Frau soll sich um ihren Weiberkram kümmern und sich nicht in die Angelegenheiten der Männer einmischen. Esther jedoch lässt nicht locker und sucht heimlich nach Wegen, sich ihren großen Wunsch zu erfüllen. Zu ihrem Verbündeten wird Bisby Lambert, ein Weber, der im Haus der Thorels sein Meisterstück anfertigen soll. Esthers Kammermädchen Sara merkt schnell, dass im Hause Thorel nicht alles zum Besten steht. Der Hausherr hat eine Geliebte und die Frau Gemahlin verschwindet stundenlang in der Mansarde. Doch Sara hat ihre eigenen Wünsche und Träume, was soll sie sich da einmischen?                                                                                              

Von Männern und Frauen

Sonia Velton zeichnet in ihrem Roman das Genrebild einer sehr speziellen Gemeinschaft, der Londoner Seidenweber. Viele von ihnen sind, wie Elias Thorel, die Nachkommen eingewanderter Hugenotten und haben einen ganz eigenen Moralkodex. Das bekommt Thorel auch wirtschaftlich zu spüren, als er die falsche Frau heiratet, eine Engländerin, die nicht aus der hugenottischen Gemeinde stammt. Fortan achtet er umso strenger auf Regeln und Normen. Esther findet sich in einer Welt wieder, in der sich Ehegatten mit Mr. und Mrs. ansprechen und in der genau festgelegt ist, wer was zu tun oder zu lassen hat.

Aber nicht nur in die enge Welt der Familie bekommt der Leser einen guten Einblick. Auch die Strukturen innerhalb der Seidenherstellung und des Absatzes werden im Rahmen der Romanhandlung deutlich, ebenso, mit welchen großen wirtschaftlichen Problemen die Seidenproduzenten durch den Import von preiswerten Baumwollstoffen aus Übersee zu kämpfen hatten und wie es zu den Revolten der Londoner Webergesellen kam. Sonia Velton hat selbst eine Zeit lang in Spitalfields gelebt, jenem Stadtteil, in dem dieser Roman spielt, und sie hat sich umfassend mit der Historie beschäftigt. So ist zum Beispiel Esther Thorel keine reine Erfindung der Autorin. Es gibt ein historisches Vorbild für sie, Maria Garthwaite, der es gelang, in einer von Männern dominierten Arbeitswelt zur führenden Designerin aufzusteigen. Zwar hat es weder die Familie Thorel noch die anderen Protagonisten tatsächlich gegeben, aber Esthers Weg zeigt deutlich auf, mit welchen Schwierigkeiten eine Frau zu kämpfen hatte, die versuchte, aus der ihr zugewiesenen Rolle der sittsamen Gemahlin und braven Haushälterin zu befreien.

Wildrosen und Brombeeren

So heißt das Muster, das Esther entwirft. Sonia Velton beschreibt es ebenso feinsinnig, wie sie an die Darstellung ihrer Protagonisten herangeht. Dabei sind tiefgehende Charaktere entstanden, selbst in den Nebenrollen. Der Haushalt der Thorels bietet hier eine ebenso vielseitige  Auswahl an interessanten Akteuren wie die Gemeinschaft der Webergesellen. Esther und das Kammermädchen Sara erzählen die Geschichte abwechselnd, jede aus ihrer eigenen Perspektive. Zwei Frauen, die sich nicht einmal sonderlich mögen, die jedoch vom Schicksal zusammengeführt wurden und nun, jede auf ihre eigene Weise, das Glück suchen und dramatische Ereignisse heraufbeschwören. Glaubt man anfangs, hier gehe es lediglich um die Emanzipationsgeschichte zweier Frauen, so stellt man in der zweiten Hälfte des Romans fest, dass man es mit einem handfesten Justizfall zu tun bekommt und dass hier althergebrachte Vorstellungen von Ehre und Moral dem skrupellosen Erhalt des schönen Scheins geopfert werden. Aus dem Familiendrama wird ein gesellschaftliches und das Genrebild wird zum Krimi. Und das alles wegen eines wunderschönen Seidenstoffes, in den Wildrosen und Brombeeren auf sahneweißem Grund eingewebt wurden. 

Fazit:

Ein lesenswertes Buch! Allem Anschein nach gut recherchiert, mit spannenden Protagonisten und einer hochinteressanten Story! Das empfiehlt man gerne.

Die Frau im Seidenkleid

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