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Rita Dell'Agnese
Sie hungerte nach Liebe

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Apr 2020

Karoline Neher passte in kein Schema. Die junge Bankangestellte fühlte sich im engen Korsett, das die Mutter – eine verwitwete Wirtin – ihr geschnürt hatte, nicht wohl. Kurz vor ihrer Volljährigkeit nimmt die junge Frau Reissaus und setzt ihre ganze Energie in die Verwirklichung ihres Traums, auf der Bühne zu stehen. Den Namen Karoline streift sie ab wie ein zu eng gewordenes Kleidungsstück: Sie wird zu Carola Neher, der Jahre später die Welt zu Füssen liegen sollte. Zunächst aber muss die junge Frau bittere Erfahrungen sammeln. Wäre da nicht ihr Verehrer Julius, wäre ihr Ausbruch zum Scheitern verurteilt. So aber landet sie gerade noch auf den Füssen, wenn sie sich auch mehr schlecht als recht durchschlägt. Erst als Carola durch die Vermittlung Feuchtwangers auf den unsteten Bertolt Brecht stösst, nimmt ihr Leben eine Wende. Die junge Schauspielerin fasziniert nicht nur Brecht, sie vermag auch zusehends Rollen zu ergattern. Da lernt Carola den feinfühligen Dichter Klabund (Alfred Henschke) kennen und verliebt sich in ihn. Als sie erkennt, dass Klabund durch seine Tuberkulose dem Tod geweiht ist, heiratet sie den Mann, der zu ihrem Ruhepol im Leben geworden ist. 1928, kurz bevor Carola als Polly in der Dreigroschen-Oper ihren grössten Triumph feiern soll, stirbt Klabund und Carola muss sich neu definieren.

Es fällt schwer, sie zu mögen

Mit der Wahl ihrer Protagonistin lässt die Autorin Charlotte Roth die Schauspielerin Carola Neher noch einmal in ihr geliebtes Rampenlicht treten. Sie macht es ohne Verklärung und Schnörkel. Carola wird dadurch als eine vielschichtige Person skizziert, die auf der Suche nach Anerkennung und Erfolg ist, aber auch nach Liebe. Allerdings fällt es schwer, diese getriebene und oft kompromisslose Persönlichkeit zu mögen. Dass das nicht dazu führt, den Roman vorzeitig beiseite zu legen, ist der exquisiten Schreibweise der Autorin zu verdanken. Sie bricht eine Lanze für die fast vergessene Carola Neher und weckt Verständnis für die Frau, ohne sie in ein Licht zu rücken, das die weniger schönen Facetten der Schauspielerin im Dunkeln lassen würde. Ambivalente Gefühle löst die hier geschilderte Figur des selbstverliebten Bertolt Brecht aus. Obwohl er nicht unerheblich zum Erfolg von Carola Neher beigetragen hat, und seine Werke heute noch aktuell und weitherum bekannt sind, bleibt er eine unangenehme Persönlichkeit, mit der man sich kaum zu identifizieren vermag. Farblos, wenn auch durchaus sympathisch steht Klabund den beiden starken Figuren gegenüber und dämpft die vibrierende Energie etwas, die dieser Roman fast von Beginn an ausstrahlt.

Graues Mäuschen

Nicht ganz nachvollziehbar bleibt, weshalb die Autorin in die kraftvolle Geschichte um Carola Neher das farblose Mäuschen, die Bibliothekarin Annette eingewoben hat. Ob es der Idee geschuldet war, einen Roman auf mehreren Zeitebenen anzusiedeln oder Annette und der geheimnisvolle Georg ursprünglich mehr Gewicht zugedacht war, erschliesst sich dem Leser kaum. Die kurzen Sequenzen, in denen der Musiker Georg in einem beschaulichen Ort nach Spuren von Carola Neher sucht, tragen kaum zum Spannungsbogen bei, noch vermögen sie der gehaltvollen Darstellung des Lebens von Carola Neher besondere Würze zu verleihen.

Fazit:

„Die Königin von Berlin“ ist ein facettenreiches Portrait der Welt um Carola Neher, Bertolt Brecht und Klabund. Wunderbar geschrieben, perfekt in Szene gesetzt und überzeugend aufbereitet wirkt dieses Werk auch nach dem Schliessen des Buchdeckels noch lange nach.

Die Königin von Berlin

Die Königin von Berlin

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Letzte Kommentare:
14.05.2020 09:41:55
Orange

Die Bücher von Charlotte Roth gehören für mich schon seit vielen Jahren zu den absoluten Lesehighlights und ich freue mich jedes Mal, wenn ein neues von ihr erscheint.
Bei diesem Werk konnte sie mich jedoch nicht wirklich überzeugen.
Aber ich muss zugeben – Carola Neher, Klabund – nie gehört. Vielleicht lag es darin, dass ich zunächst große Probleme hatte um in die Geschichte zu finden. Zu viele fremde Namen, zu viele Stücke die mir nichts sagen, zu denen ich keinen Bezug habe. Und dazu mir unsympathische Personen, die mir seltsam fremd blieben. Hier allen voran Brecht, der in seiner Arbeit ein Genie gewesen sein mag, menschlich aber unausstehlich. Selbst zur Hauptperson Carola Neher konnte ich keinen Zugang finden. Sie nahm sich vom Leben, was ihr gefiel. Sie wusste was sie wollte, stellte ihre Karriere vor das persönliche Glück, war ehrgeizig, kraftgeladen, unbarmherzig gegen sich selbst aber eben auch gegen andere und konnte bei mir so nicht punkten. Selbst ihr tragisches Ende hat mich kalt gelassen.
Die Ausdrucksweise der Autorin schätze ich sonst wirklich sehr, aber hier wirkt sie teilweise zäh und zerrig, mehr wie einmal musste ich mich zum weiterlesen zwingen.
Vielleicht muss man dem Theater eng verbunden sein und über Hintergrundwissen in der Literatur verfügen, um dieses Buch zu lieben. Zwar ist auch bei mir im letzten Drittel der Knoten geplatzt, das aber eben leider viel zu spät.

30.04.2020 08:37:39
Philiene

habe vor diesem Buch noch nie von Carola Neher gehört. Da ich aber die zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts sehr interessant finde und Charlotte Roth zu meinen Lieblingsautorinnen gehört musste ich dieses Buch einfach lesen. Leider konnte mich die Hauptfigur Carola Neher nicht wirklich mit in ihre Geschichte hineinnehmen und ich bin mit ihr warm geworden.

Es geht um die heute in Vergessenheit geraten Schauspielerin Carola Neher. Die in den zwanziger Jahren auf der Theaterbühne bekannt wird. Sie war die Muse von Berthold Brecht und die Frau vom Dichter Klabund, der mir übrigens von allen Charakteren der Liebste war. Es geht um die Welt der Schauspieler und die Anfänge der Anfeindungen gegen Juden. Diese Welt ist gut beschrieben und ich konnte mir das damalige Berlin bildlich vorstellen. Nur leider waren mir Carola Neher die ganze Zeit über seltsam fremd. Es gibt noch einen Teil der einige Jahre später spielt. Dieser Teil nimmt den weitaus kleineren Teil der Geschichte ein. Hat mich aber seltsamerweise mehr gefesselt.
Wer aber die Welt der Schauspieler und Dichter der zwanziger Jahre liebt wird hat hier einen interessanten Roman vor sich.

11.04.2020 14:29:58
MarySophie

Handlung:
Carola Neher träumt von einer Karriere auf der Bühne. Sie verlässt ihr Elternhaus mit der Hoffnung auf erste Schauspielrollen, die irgendwann zum gewünschten Erfolg führen sollen. Und genau das schafft Carola. Sie wird nicht nur immer erfolgreicher, sondern auch immer bekannter und von den Menschen umschwärmt. Und so vielen Männern sie auch den Kopf verdreht, ihr Herz kann sie lange Zeit für niemanden öffnen. Bis sie auf den Dichter Klabund trifft, der ihr mit seiner besonnenen und ruhigen Art wie ein sicherer Hafen erscheint. Ihm vertraut sie und eine Hochzeit scheint für Carola nicht ausgeschlossen...
Doch Carola würde nie ihre Karriere aufgeben, sie liebt dafür nicht nur die Bühne, sondern auch das aufregende und wilde Leben in Berlin viel zu sehr. Sie mag den Austausch mit anderen Künstlern, besonders mit Bertolt Brecht, der ihr ein großes Versprechen macht.

Meinung:
Anhand des Covers kann man sich einen ersten Eindruck von Carola Neher verschaffen, bekommt ein Bild von ihr und einen zarten Eindruck ihres Charakters. Ich mag es, dass das Bild leicht koloriert ist und sich so von dem weißen Hintergrund abhebt.
Die Schrift passt perfekt dazu, durch das Gold und die Schnörkel am oberen Bildrand entsteht eine edle Note, die stellvertretend für die Zeit der Goldenen Zwanziger stehen könnte. Mit dem roten Titel könnte die Kraft, Energie und Leidenschaft von Carola Neher gemeint sein.
Insgesamt gefällt mir das Bild recht gut, es deutet für mich auf eine Art von Biographie hin und ich mag die wenigen, gezielt genutzten Farben sehr gerne. In einer Buchhandlung würde der Roman sicherlich auffallen, ich würde ihn aber eher der Erzählung einer tatsächlichen Lebensgeschichte als einem Roman, vermischt mit einigen fiktiven und realen Ereignissen, zuordnen.

Der Name Bertolt Brecht ist ein Name, den man durchaus mal gehört haben sollte, tatsächlich habe ich mich aber weder mit ihm, noch mit seinen Werken näher befasst. Vielleicht bin ich auch deshalb nie über den Namen Carola Neher gestolpert und wusste absolut gar nichts von der Frau. Daher war ich doppelt gespannt auf das Buch, nicht nur auf die Neher, sondern auch auf ihr Verhältnis mit Brecht und was für ein Mensch sie war.

Aufgebaut ist der Roman wie ein Theaterstück. Er wurde in mehrere Kapitel unterteilt, es gibt immer wieder Zitate aus Brechts Dreigroschenoper, aber auch Ausschnitte aus Klabunds Werken. So kommt man den Werken der beiden Männer näher, es wird bei einigen das Interesse geweckt, diese weiterzulesen, zumindest weiß man aber ein wenig, von was gerade die Rede ist.
Dazu wird am Anfang von neuen Kapitel immer erwähnt, was der folgende Handlungsort und die Handlungszeit ist. Man erhält so einen groben Überblick, vor allem die zeitliche Einordnung war für mich sehr wichtig. Schnell ist man in der Zeit etwas verloren gegangen und ich konnte kaum benennen, in welchem Jahr die Handlung nun stattfindet.

So ganz leicht ist mir der Einstieg in den Roman nicht gefallen. Zuerst war ich überrascht, dass die Handlung auf zwei zeitliche Ebenen eingeteilt wird, womit ich gar nicht gerechnet hatte. Meine Erwartungshaltung war eher, dass man Carola Neher über viele Jahre begleitet, es vielleicht sogar ein – zwei Kapitel über ihre Kindheit gibt. Zudem ließ sich die Nebengeschichte für mich erst mal nicht recht einordnen, ich wusste damit nichts anzufangen und konnte auch nur schwer abschätzen, wie wichtig sie für die eigentlichen Ereignisse rund um die Muse von Bertolt Brecht ist.
Auch der Schreibstil hat es mir anfangs nicht leicht gemacht. Ich brauchte einige Seiten, um mich daran zu gewöhnen, aber auch um die Namen der Figuren auseinanderzuhalten. Darauf wurde man schon anhand des Vorwortes der Autorin vorbereitet, was ich wirklich sehr gut fand. Trotzdem musste ich anfangs ab und an ein paar Seiten zurückblicken, um mich richtig an die Namen zu gewöhnen.
Nicht nur in diesem Sinne, sondern auch allgemein wäre ein Personenverzeichnis nicht schlecht gewesen. Um alle stets wiederzuerkennen und auseinanderzuhalten. Das ist mir hier sehr schwer gefallen, gerade die zahlreichen Erwähnungen von Schriftstellern und Dichtern habe ich nur mit Mühe auseinanderhalten können.

Sobald ich mich an den Schreibstil gewöhnt hatte, ging das Lesen leichter von der Hand. Die Ereignisse wurden nüchtern, ohne viele Gefühle beschrieben und ließen mich stets eine gewisse Distanz zu der Situation, aber auch zu den Protagonisten wahren. Auch hier hatte ich wieder mehr den Eindruck, eine Biographie zu lesen, anstatt eines Romans. Ich konnte weder mit den Protagonisten mitfühlen, noch sie als sympathisch oder unsympathisch einstufen. Im Grunde waren sie mir egal, wurden auch viele Jahre nach ihrem Tod nicht lebendig und sind nur Figuren, die vor langer Zeit mal gelebt haben.
Das fand ich wirklich schade, man merkt deutlich, mit welch großer Tatkraft die Autorin nicht nur über die Protagonisten, sondern auch über die damalige Zeit mit politischen Geschehnissen recherchiert hat. Auf mich sprang dieser Funke leider nicht über, dafür wurde alles zu nüchtern und emotionslos beschrieben.

Am besten hat mir die Handlung stets gefallen, wenn Carola sich mal ruhige Momente gönnt, sie nicht so energievoll wie sonst auftritt, sondern natürlicher und menschlicher wirkt. Dann kommt eine angenehme Ruhe in den Roman, die Handlung wird bodenständiger und ich hatte das Gefühl, dass ich den Protagonisten dann immer am nächsten war. Jedoch hatte ich gerade erst begonnen, sie etwas besser einschätzen zu können, als diese Szenen schon wieder vorbei waren und die zarte Bande, die gerade geknüpft wurde, war auch schon wieder weg.
Ansonsten plätschert die Handlung meist etwas vor sich hin, ist nicht immer sonderlich spannend oder aufregend. Leider entstanden für mich ab und an Längen, gerade die Handlung 1979 hätte ich nicht zwingend gebraucht. Sie gibt zwar einen Moment der Erholung und bietet eine Abwechslung, doch sie ist nicht für den Hauptteil des Romans wichtig.

Ich muss leider sagen, dass mir zu viele historische Fakten eingebunden wurden. An sich mag ich es wirklich gerne, mich über einen Roman weiterzubilden und immer wieder neue Dinge zu erfahren und berühmte Personen in dieser Art und Weise kennenzulernen. Doch der Reichtum an Informationen, die teils innerhalb von wenigen Seiten auf den Leser einprasseln, waren zu viel für mich. Ich hatte an diesen Stellen nicht nur Probleme mit der Schreibweise und bin mit dem Lesen kaum vorangekommen, sondern ich war überfordert. Überfordert damit, die Informationen zu verstehen, aufzunehmen und in meinem Kopf in eine sinnvolle Weise einzuordnen. Für mich war es zu viel des Guten und mein Lesefluss wurde leider eingeschränkt.
Bei den historischen Ereignissen hat mir am besten gefallen, mit welchen Worten die Autorin das aufregende Berlin der 1920er Jahre geschildert hat. Die Zeit wirkte lebendiger als manch andere Details und vermittelte ein gutes Bild der Situation.

Leider waren die Charaktere für mich durchweg nicht lebendig und greifbar. Ich fand viele nicht sonderlich sympathisch, sie waren recht oberflächlich gezeichnet und waren auch nicht sonderlich stark in ihrem Auftreten. Wenn ich nicht anhand des Internets nach Bildern der Protagonisten gesucht hätte, wäre vor meinen Augen kein Bild entstanden.
Klabund war mir da noch am liebsten, obwohl ich seine nachgiebige und stets verständnisvolle Art irgendwann auch etwas nervig fand. Doch er hatte für mich noch die meisten sympathischen Züge und kommt von seiner Darstellung am besten weg.
Carola scheint ein ganz interessanter und willensstarker Mensch zu sein, doch mit ihr hatte ich durchweg Probleme. Ich fand es von ihr toll, dass sie ihr Glück selbst in die Hand nehmen will und anfangs tut sie das auch von sich aus. Doch irgendwann helfen ihr immer irgendwelche anderen Menschen auf der Karriereleiter weiter, sie zeigt keinen eigenen Antrieb und Wünsche für kommende Rollen mehr. Stattdessen erwartet sie, dass ihr die Rollen vorgeschlagen werden. Hier hätte ich mir gewünscht, dass Carola selbstständiger bleibt und mehr eigene Entscheidungen trifft, sich mehr für ihre Karriere interessiert. Denn für mich hatte es auch irgendwann den Eindruck, als würde sie nicht mehr mit vollem Herzblut und Engagement bei der Sache sein, als wäre ihre Karriere in den Hintergrund gerückt und Carola brennt nicht mehr für die Bühne. Dabei hat sie am Anfang genau das ausgezeichnet...
Zudem finde ich Carola unglaublich egozentrisch und traumtänzerisch. Sie ist vor allem auf ihr Wohl bedacht, achtet nur wenig darauf, was sie anderen Menschen antut oder nimmt auf andere keine Rücksicht. Gerade gegenüber dem ihr vollkommen ergebenen Klabund lässt Carola nur wenig Rücksicht walten. Das hat nicht dazu beigetragen, dass meine Sympathie für sie steigt.
Insgesamt scheint Carola eigentlich eine unglaubliche Ausstrahlung zu haben, sowohl Frauen, als auch Männer sind von ihr und ihrer Schauspielkunst begeistert. Leider wurde diese Energie nicht auf den Leser übertragen, ich konnte nicht verstehen, weshalb Carola die Menschen so angezogen hat und weshalb diese die Künstlerin bejubelt haben.

Fazit:
Ich bin bereits über ein paar positive Rezensionen gestolpert und hatte große Erwartungen an den Roman. Die für mich leider nicht mal ansatzweise erfüllt wurden. Die Geschichte hatte einige Längen und konnte nicht mit einer mitreißenden Energie aufwarten. Mir haben Spannung und Lebendigkeit gefehlt, zudem konnte ich die Begeisterung um Carola Neher nicht nachvollziehen. Wenige Dinge haben mir gut gefallen, die ich bereits genannt habe. Insgesamt ist mein Gesamteindruck aber leider nicht positiv und ich kann mich den positiven Meinungen nicht anschließen.

18.03.2020 11:04:32
TochterAlice

Carola, Carla oder auch Barbara: Alles Namen für eine, die von Haus aus Karoline Neher hieß: Carola wählte sie, aus der eine Schauspielerin der allerersten Garde werden sollte, als Pseudonym, nein: als neues Ich. Carla oder auch Carlinchen - das war sie für ihren liebenden Mann, den siechen Dichter Klabund, Barbara dagegen für Bertolt Brecht, der in ihrem Leben eine ganz besondere Rolle spielte.

Charlotte Roth hat also für diesen Roman eine reale Person zur Protagonistin erkoren, die sie in ihr gewohntes Konzept für historische Romane der neueren Zeit bettet: Jemand stößt auf Ereignisse aus der Vergangenheit, wird neugierig und deckt spannende Hintergründe, die in den meisten Fällen mit seiner eigenen Historie zu tun haben, auf. Diesmal ist diese Person Carola Nehers Sohn Georg Becker (den es tatsächlich gab), der aufgrund ausgesprochen tragischer Entwicklungen ohne seine Mutter aufwuchs. Gemeinsam mit der Bibliothekarin einer Kleinstadt, in deren Obhut sich Dokumente von Nehers Familie befinden, spürt er die Hintergründe auf - für den Leser werden Carola und ihre Gefährten lebendig, die Autorin stellt die Handlung direkt aus ihrer Perspektive dar, lässt sie also empfinden und agieren.

Carola Neher war eine faszinierende Persönlichkeit, einer der Leuchttürme im ohnehin farbenprächtigen Berlin der 1920er Jahre - mir allerdings war ihre Existenz und damit auch ihr trauriges Ende - sie starb in einem der stalinistischen Gulags - bislang unbekannt.

Ich bin froh, dass Charlotte Roth das geändert hat und ich ein weiteres wichtiges Mosaiksteinchen der neueren deutschen Geschichte kennenlernen durfte, bzw. gleich mehrere, denn in dem Roman ging es u.a. auch um Nehers Ehemann Klabund und um Bertolt Brecht - ihr Förderer und zeitweiliger Liebhaber. In dessen Charakterdarstellung erbringt die Autorin aus meiner Sicht ein Meisterwerk, stellt sie doch Brechts Getriebenheit ausgesprochen lebendig und gelungen dar.

Aber ob er so fixiert auf Carola Neher war, wie es in diesem Roman den Anschein hat? In dem Wissen um andere, zeitlich parallele Ereignisse in Brechts Leben kann ich es mir kaum vorstellen. Auch empfand ich die Darstellung vieler Personen nicht immer als gelungen, ich hatte einfach kein Bild vor Augen - und das schafft Charlotte Roth eigentlich immer. Und dass Gottfried Benn, als Klabunds Jugendfreund eine mehrfach vorkommende Nebenfigur, vor allem über sein (offenbar von Neher so wahrgenommenes) hübsches Gesicht und die schönen Augen charakterisiert wird, hat mich sogar ein bisschen gestört.

Und es sind die 1920 Jahre selbst, die in vielen Werken so unvergleichbar vielschichtiger präsentiert werden, gerade, wenn Berlin im Mittelpunkt steht. Ein spannender Roman, aber einer, der mich forderte, auch in seinen Widersprüchen. Dennoch sehr lohnenswert, wenn Sie beispielsweise erfahren wollen, warum Neher von Brecht oft "Barbara" genannt wurde. Oder Klabunds wunderschönes Gedicht "Notabene" kennenlernen möchten. Oder - und das vor allem - mehr über Carola Neher erfahren möchten, die schon früh sagt: Vielleicht muss ich endlich fortgehen, um einen zu finden, der mich kennt. Ich kenne mich ja nicht einmal selbst." (S.31)