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Jörg Kijanski
Einblicke in die Kinderlandverschickung

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Nov 2019

Sommer 1943. Die junge Lehrerin Barbara Salzmann soll mit Schuldirektor Dr. Ritter und dessen Familie ihre Schulklasse im Rahmen der sogenannten Kinderlandverschickung für drei Monate begleiten. Die Mädchen der Oberschule freuen sich auf das vermeintliche Ferienlager auf Usedom, wo es sich zunächst gut leben lässt. Tagsüber ein bisschen Unterricht und immer wieder geht es an naheliegenden Strand, um Burgen zu bauen oder im Wasser zu plantschen. Wären da nur nicht in einem anderen Ferienhaus eine Gruppe von Berliner Jungen, die sich rein gar nicht benehmen wollen. Allerdings sind die Kontakte zwischen beiden Gruppen arg begrenzt, denn die Jungs haben weniger Glück. Der angeblich im Polenfeldzug verletzte Helmut Schmiedel führt mit strenger Hand. Märsche und andere Leibesertüchtigungen stehen auf der Tagesordnung. Aber wozu der paramilitärische Drill, man ist ja weit entfernt vom Kriegsgeschehen? Während die Mädchen eher Heimweh haben, können es die Jungs kaum erwarten, endlich für Führer und Vaterland in den Krieg zu ziehen. Dann wendet sich das Blatt und Fliegeralarme gehören plötzlich zur Tagesordnung, während immer mehr Todesnachrichten von daheim die Stimmung belasten. Die Lager müssen evakuiert werden, es geht zunächst für beide Gruppen ostwärts, wobei sich deren Wege trennen …

Detaillierte Schilderung des Alltagslebens

Spielte der erste Roman von Michaela Küpper „Kaltenbruch“ im Jahr 1954 geht es nun einige Jahre zurück. Genauer in die letzten drei Kriegsjahre von 1943 bis 1945. Barbara Salzmann, eine junge Lehrerin aus Essen, reist mit ihren Schülerinnen auf die Insel Usedom im Rahmen des Programms zur Kinderlandverschickung (KLV). So werden die Mädchen vor Luftangriffen geschützt, denn das Ruhrgebiet ist eines der Hauptziele der Alliierten. Gleichwohl dient die KLV noch einem weiteren Ziel: Dem Zugriff der Eltern entzogen, soll die nationalsozialistische Ideologie den Kindern eingeimpft werden. Was bei den Mädchen nur bedingt gelingt, greift bei den Jungen umso besser. Trotz des harten Drills mit teils sinnentleerten Übungen, können es die angehenden Halbstarken kaum erwarten, endlich an die Front zu ziehen.  

„Fußball, Handball, was gerade ansteht. Schwimmen und Totenkopfabzeichen und so. Dann natürlich Wehrertüchtigung. Nahkampf, Schießübungen, Feindabwehr, die ganze Palette.“
„Und sonst? Lernt ihr auch was?“
„Na klar. Volkskunde, Waffenkunde -“

„Nee! Ich dachte an Schulunterricht. So wie früher. Was man da eben so gemacht hat.“
„Wir lernen jede Menge. Aber nur das, was zählt im Leben. Nicht den ganzen Kram, mit dem sie früher unseren Alten das Hirn vernebelt haben. Oder sollen wir den Tommy etwa mit Lateinvokabeln vom Himmel beten?“

In den ersten zwei Dritteln baut sich die Handlung nur mühsam auf. Zahlreiche Kinder werden vorgestellt, wobei sich Gisela und deren jüngere Schwester Edith sowie Karl in den Vordergrund schieben. Sie sind es, aus deren Sicht – neben der Lehrerin Barbara Salzmann – die Geschehnisse berichtet werden; im Fall von Gisela als Tagebucheinträge. Zunächst geht es um das Alltagsleben auf Usedom, welches aus Unterricht, Wehrübungen, Freizeit und oftmals Langeweile besteht. Wiederholt kleinteilig werden die „Tagesereignisse“ dargestellt, so das damals nicht seltene Bettnässen; hier von Edith. Auch der anfangs intakten, später beschwerlichen Versorgungslage wird ausgiebig Zeit gewidmet. Mit fortschreitendem Kriegsverlauf verschlechtert sich die Lage zunehmend, Todesnachrichten ereilen die Schülerinnen und Schüler in stets kürzerer Reihenfolge. Immer öfter werden die Tränen in Strömen vergossen, wobei das eigentliche Unheil (der sich verschiebende Frontverlauf) unaufhaltsam näher rückt.

„Rüben sind ja ein recht dankbares Gemüse. Kochst du sie mit Kohlrabi, schmecken sie nach Kohlrabi, kochst du sie mit Möhren, schmecken sie nach Möhren. Nur nach Sonntagsbraten oder Eiscreme schmecken sich nicht. Außerdem haben wir weder Kohlrabi noch Möhren, also schmecken sie nach nichts.“

Erst im letzten Drittel gelingt es, das Tempo ordentlich anzuziehen, denn da verschwindet plötzlich eines von Barbaras Mädchen. Ein Vorfall, der auf dem Buchrücken vorweggenommen wird, wobei man irrigerweise vermuten könnte, dies sei ein tragendes Element der gesamten Handlung, was aber nicht stimmt beziehungsweise nur (und auch hier lediglich teilweise) für den Schlussteil gilt. Da hätte man deutlich mehr erwartet.

Fazit:

Das Alltagsleben während der KLV, die ideologische Verblendung einiger Lagermannschaftsführer, der Jungen sowie vieler anderer Personen und das zunehmende Chaos in den Wirren der Endkriegszeit werden ausführlich beschrieben. Wem zu Beginn einige Längen nichts ausmachen, der findet hier eine interessante Lektüre zu einem Thema, welches noch nicht allzu oft in zeitgeschichtlichen Romanen thematisiert wurde.

Der Kinderzug

Der Kinderzug

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Letzte Kommentare:
20.10.2019 14:51:07
Venatrix

Michaela Küpper nimmt ihre Leser in eine unheilvolle Zeit mit: In den Zweiten Weltkrieg. Man schreibt das Jahr 1943. Die Flugzeuge der Alliierten werfen Bomben auf deutsche Städte ab. Besonders betroffen ist das Ruhrgebiet. Deshalb werden tausende Kinder zwischen 10 und 14 Jahren in vom Krieg (noch) nicht betroffene Gebiete verlegt. Kinderlandverschickung (KLV) nennen die Behörden diese Evakuierung.

Die junge Lehrerin Barbara muss eine Gruppe Mädchen aus Essen auf dem Weg in das KLV-Lager nach Usedom begleiten. Sie selbst ist stärker verunsichert als die meisten Kinder, die anfangs die Reise und das Lager als Abenteuer empfinden. Es gibt mehr zu essen als daheim, frönt einer Art Lagerfeuerromantik und man strickt Socken für die Soldaten. Natürlich muss auch ein wenig Unterricht sein, daher die Lehrkraft. Während es im Mädchenlager so etwas wie Urlaubsstimmung gibt, werden die männlichen Schüler im benachbarten Lager paramilitärisch gedrillt. Indoktriniert werden die Kinder beiderlei Geschlechts. DIe Jungs wollen natürlich kämpfen. Doch ihre Einstellung ändert sich rasch, als sie dann tatsächlich an der Front und unter Beschuss stehen. Doch bis es soweit ist, müssen sowohl die Mädchen als auch die Jungen mehrmals ihr Quartier wechseln, weil auch nun Usedom bombardiert wird.
Die Odyssee der Mädchengruppe, die mit ihrer Lehrerin von einem Lager zum anderen verlegt werden, wird bis Kriegsende dauern.

Meine Meinung:

Dieser Roman nimmt sich eines Themas an, über das noch wenig geschrieben wurde: Die Kinderlandverschickung. Was als Gesundheitsaufenthalt für unterernährte Stadtkindern in den 1920er Jahren begonnen hat, wird als Evakuierungsmaßnahme im Bombenkrieg fortgesetzt.

Der Schreibstil ist dem Thema angepasst und nicht sensationslüstern. In eindringlichen Worten lässt Michaela Küpper ihre Protagonisten ihre Sicht der Dinge darlegen.
Die mehrfachen Perspektivenwechsel (Barbara, Gisela und ihr Tagebuch sowie Karl) erzählen die Geschichte aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Da ist zum einen die verunsicherte Lehrerin, die eigentlich nichts anders will, als von ihrer Verantwortung entbunden zu werden. Gisela, die auf ihre kleine Schwester Edith aufpassen soll, vertraut ihre Gedanken und Sehnsüchte einem Tagebuch an. Auch der Einblick in die Gedankenwelt eines 16-jährigen Jungens, der es kau erwarten kann, Soldat zu werden, ist aufschlussreich. Dass er und seine Freunde letztlich als Kanonenfutter der Waffen-SS zugeteilt werden, hat er sich nicht erträumt. Hier klaffen die heroischen Märchen, die den Kindern seit Jahren eingebläut werden, und die Wirklichkeit weit auseinander.

Die Charaktere sind fein herausgearbeitet. Stellenweise muss man mit Barbara fast Mitleid haben. Eine etwas widersprüchliche Person ist Lydia, das Gesundheitsmädel. Sie ist ein Produkt ihrer Zeit, völlig dem Nazi-Regime verfallen. Häufig wirkt sie verschlagen. Dann während der Scharchlach-Epidemie wächst sie über sich hinaus und pflegt gewissenhaft die Kranken. Doch sie will mehr, als nur „Gesundheitsmädel“ sein. Frontkrankenschwester möchte sie sein, oder zumindest in einem Lazarett arbeiten. So verlässt sie ohne Skrupel die Mädchengruppe unerlaubt und verursacht damit den Lynchmord an dem polnischen Zwangsarbeiter, den man für ihren Mörder hält.

Michaela Küpper ist ein beklemmender, weil ziemlich authentischer hist. Roman gelungen. Die meisten von uns Lesern können ihre Großeltern nicht mehr über diese Zeit befragen. Die penible Recherche, die diesem Buch zu Grunde liegt, lässt die Zeit wieder auferstehen.

Fazit:

Ein gelungener Einblick in die Zeit von 1943-1945. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.