Der rote Judas

Erschienen: Januar 2020

Couch-Wertung:

90
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Jörg Kijanski
Der große Krieg ist vorbei, vergessen ist er nicht

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Feb 2020

Leipzig, Anfang 1920. Kommissar Paul Stainer ist einer der ersten Soldaten, die aus französischer Kriegsgefangenschaft heimkehren. Ausgerechnet an seinem Geburtstag ist er zurück und will in die Arme seiner gelliebten Frau Edith fallen. Doch einige Briefe, die er während des Krieges von ihr erhielt, lassen nichts Gutes erwarten. Schon früher war die Ehe nicht perfekt, zu oft ging der Beruf vor. Dann hielt Edith ihn für tot und ist seit geraumer Zeit mit Eugen Brand liiert, der zu Pauls Verdruss rund zwanzig Jahre älter ist. Doch während es privat kriselt, ergibt sich eine unerwartete berufliche Perspektive, denn der Polizeipräsident Dr. Kubitz erwartet ihn zum Dienst zurück. Nicht nur das, auch eine Beförderung zum Kriminalinspektor und damit zum Leiter der Kriminalpolizei erfolgt. Viel Zeit zum Nachdenken bleibt indes nicht, denn plötzlich überschlagen sich die Ereignisse. Ein Gymnasiallehrer wird ermordet, ein Finanzbeamter aus Berlin begeht angeblich Selbstmord durch Erhängen und in einer Villa des stadtbekannten Fabrikanten Weingarten kommt es zu einer wilden Schießerei mit drei Toten. Stainer und Kommissaranwärter Siegfried Junghans sind schon bald einem perfiden Netzwerk auf der Spur, denn die Todesfälle hängen miteinander zusammen und betreffen Stainer persönlicher als er sich vorstellen kann.

Packende Zeitreise für Fans von „Babylon Berlin“

Ähnlich realistisch wie in den Werken von Volker Kutscher (die Romane sind die Vorlagen für die beliebte Serie „Babylon Berlin“) entführt uns Thomas Ziebula in seinem ersten historischen Kriminalroman in das Leipzig der Nachkriegsjahre. Die Auswirkungen des Krieges sind unübersehbar, Menschen mit fehlenden Gliedmaßen prägen das Stadtbild. Der Versailler Friedensvertrag ist seit kurzer Zeit in Kraft, die Alliierten fordern die Auslieferung hunderter Soldaten, die Stimmung in der Bevölkerung ist äußerst gereizt.

„Sie stoßen mit Ihren Ermittlungen in Bereiche vor, die den Argwohn und den Widerwillen gewisser Amtsträger erregen. Einflussreicher Kollegen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Man reagiert politisch durchaus empfindlich in diesen Tagen, da die Siegermächte deutsche Soldaten vor Gericht stellen möchten. Mehr muss ich nicht sagen, oder, Herr Kriminalinspektor?“

Paul Stainer war und ist Sozialdemokrat, hat im Krieg 1916 an der Somme gekämpft und fiel anschließend in die Arme des Psychiaters Dr. Prollmann, der unter anderem mit Elektroschocks arbeitete. Zu Stainers Entsetzen ist Dr. Prollmann nun der für seine aktuellen Fälle zuständige Gerichtsmediziner. So kann er nur hoffen, dass dieser nicht seine Krankenakte an seinen Vorgesetzten, Regierungsrat Kasimir, weiterleitet, der Stainer ohnehin feindlich gegenübersteht. Stainer ist noch immer traumatisiert. Zittern, Albträume und Gedächtnisverlust machen ihm zu schaffen; dass er aber auch unter Halluzinationen leidet, könnte ihn den Job kosten.

Während die sich mit Wasser füllte, betrachtete Stainer wieder sein Spiegelbild. „Seit wann sehen Kriminalinspektoren aus wie verkaterte Gespenster?“, fragte er sich selbst. Und gab sich selbst die Antwort: Die Schießerei vor dem Friedhof, die Toten in der Villa, der stinkende Murrmann neben dem Vogelbauer und dann noch eine Gattin, die sich scheiden lassen wollte – das alles war ein bisschen viel für vier Tage Kriminalistenexistenz; zu viel für einen, der zuvor dreieinhalb Jahre in Kriegsgefangenschaft zugebracht hatte.“

Die Figuren in „Der rote Judas“ sind herausragend gezeichnet, was auch für die Nebenfiguren gilt. Viele haben ihre Päckchen aus dem Krieg zu tragen, die meisten realisieren, was geschehen ist. Gleichwohl gibt es viele nationalistische Frontsoldaten, die sich von den Roten, allen voran der SPD, verraten fühlen. Jetzt auch noch der vermeintliche Schandvertrag, das Kriegsdiktat von Versailles. Wohin dies führt wird schnell klar, denn eine rechte Gruppierung räumt offenbar mit (linken) Verrätern auf. Auf der anderen Seite finden Stainer und seine Leute Hinweise auf Gräueltaten der Reichswehr, die sich 1914 in Belgien ereigneten. Unter dem Vorwand gegnerische Heckenschützen zu erschießen, werden zahlreiche Zivilisten ermordet. Kriegsverbrechen, die vertuscht werden sollen. Wer Freund und Feind ist, damals wie heute, ist dabei nicht immer klar.

Fazit:

Eine sehr lebendige Darstellung der Nachkriegszeit mit einem packenden Plot, der zwischen Polizei und Tätern öfters wechselt. Die Figuren sind großartig entworfen, es gibt reichlich Action und politisches Hintergrundwissen. So macht Geschichte Spaß und es bleibt zu hoffen, dass dies der Start einer neuen Serie wird, in der allerdings nicht nur die Bösen sterben.

Der rote Judas

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