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Annette Gloser
Die Medizin, die Musik und die Liebe

Buch-Rezension von Annette Gloser Aug 2020

Bremen, 1217: Thonis liebt das Ritterleben auf der elterlichen Burg. Als er erfährt, dass der Vater ihn für eine Kirchenlaufbahn bestimmt hat, bricht die Welt für ihn zusammen. Kurzentschlossen flieht er und schließt sich seinem älteren Bruder an, dem eine Teilnahme am Kreuzzug auferlegt wurde. Doch er kommt nicht bis ins Heilige Land. Nach einem Schiffbruch muss er seinen Bruder für tot halten. Selbst erblindet irrt er verzweifelt durch die Straßen von Genua und hat keinen Mut zum Weiterleben mehr. Doch dann hört er ein Lied, gesungen von einer wunderbaren Stimme, und er findet neuen Lebensmut. Als ein berühmter Chirurg ihm das Augenlicht zurückgibt, beschließt Thonis, das Ritterhandwerk für immer ad acta zu legen und selbst Arzt zu werden. Und er will jene Frau finden, die ihm mit ihrem Lied das Leben rettete. Tatsächlich trifft er sie eines Tages wieder. Doch Elena ist eine Sklavin und es steht ihr nicht frei, selbst über ihr Leben zu bestimmen.

Eine Reise durch das mittelalterliche Europa

Sabine Weiß lässt ihre Protagonisten, und mit ihnen ihre Leser, durch Europa reisen. Thonis stammt aus Norddeutschland, sein Weg führt ihn über das Meer nach Genua, zum Kreuzzug gegen die Katharer nach Toulouse, an die Universität von Bologna und irgendwann auch wieder zurück nach Bremen. Spielfrau Elena dagegen stammt ursprünglich aus Thrakien, wurde als Sklavin nach Mallorca verschleppt und landet zunächst einmal, wieder als Sklavin, in Genua. Aber natürlich ist auch ihr Weg dort noch nicht zu Ende. Man ist also reichlich unterwegs in diesem Roman. Und man erfährt viel über das Europa der Jahre 1217 bis 1234. Über Kreuzzüge, die nicht ins Heilige Land, sondern nach Südfrankreich oder in die Wesermarsch führten, über Sklavenhändler, die dort ihr Unwesen trieben, wo sich heute deutsche Touristen am Ballermann austoben, über ganz erstaunliche chirurgische Praktiken im Mittelalter, über die Politik des Papstes und des Stauferkaisers Friedrich II. und über vieles andere mehr.

Die Autorin hat offenbar für diesen Roman umfassend recherchiert und es gelingt ihr vor allem mit dem Beschreiben medizinischer Praktiken beim Leser immer wieder Erstaunen auszulösen, denn da ist Vieles, mit dem man nicht gerechnet hat, auch wenn man es selbst in dieser Form lieber nicht über sich ergehen lassen möchte. So entsteht eine recht genaue Vorstellung davon, was die Menschen jener Zeit bewegt haben könnte, welchen Zwängen sie unterworfen waren und wie sie ihr Leben gestalteten. Vor allem die Tatsache, dass auf Mallorca und in Italien Sklavenhaltung auch in dieser Zeit noch ganz normal war, mag viele Leser vielleicht erstaunen. Sehr interessant auch die Schilderung der Schwierigkeiten, mit denen Thonis kämpfen muss, um eine Ausbildung als Chirurg zu erhalten, denn natürlich kann nicht jeder dahergelaufene Bettler einfach so Lehrling bei einem berühmten Arzt werden.

Schwungvoll erzählte Geschichte

Die Protagonisten dieses Romans sind im Regelfall recht klar definiert: Gut oder böse, dazwischen gibt es nicht viel. Allenfalls Meister Wilhelm zeigt sich mal von der bärbeißigen, mal von der goldenen Seite und ist damit eigentlich der interessanteste Charakter. Thonis und Elena sind natürlich die Guten und schaffen es auch den ganzen dicken Roman hindurch, nicht aus dieser Rolle zu fallen. Letztendlich sind sie jedoch sympathisch und man möchte wirklich gerne wissen, wie ihre Geschichte ausgeht. Tatsächlich sind die Figuren im Roman eher einfach gestrickt, bewegen sich aber in einer komplizierten, schwer durchschaubaren Welt voller Gefahren. Und so lebt die mit viel Schwung erzählte Geschichte weniger von inneren Konflikten sondern mehr von den Abenteuern, die die beiden erleben. Das trägt auch tatsächlich weit. Allerdings kommt dann der Punkt, an dem man das Gefühl hat, hier wäre es möglicherweise sinnvoll gewesen, den Roman abzuschließen und für das letzte Drittel mit einer Fortsetzung neuen Anlauf zu nehmen. Als Thonis in seine Heimat zurückkehrt, wird die Erzählung flacher, die Spannung lässt nach. Dabei ist die die Geschichte vom Kreuzzug gegen die Stedinger eigentlich spannend und hochinteressant. Sie wäre es wert gewesen, in einem eigenen Roman ausführlich erzählt zu werden. Zudem werden Thonis und Elena arg gebeutelt und auch dies hätte ein wenig mehr Tiefgang vertragen.

Fazit:

Ein buntes, offenbar aufwändig recherchiertes Geschichtsbild mit vielen interessanten Einblicken vor allem in die Welt der mittelalterlichen Medizin. Gut zu lesen und über weite Strecken auch spannend. Gute und empfehlenswerte Lektüre.

Der Chirurg und die Spielfrau

Der Chirurg und die Spielfrau

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Letzte Kommentare:
22.04.2020 17:39:12
dorli

In ihrem historischen Roman „Der Chirurg und die Spielfrau“ entführt Sabine Weiß den Leser in das 13. Jahrhundert und erzählt aus dem Leben des bis heute nicht namentlich bekannten „Chirurgen von der Weser“. Die Autorin hat die historischen Fakten, die über den Werdegang und die Heiltätigkeit des Mediziners, der zu den berühmtesten deutschen Wundärzten des Hochmittelalters gehörte, bekannt sind, mit einer spannenden fiktiven Geschichte verknüpft und lässt diesen Roman damit zu einer genauso interessanten wie kurzweiligen Zeitreise werden.

Um nicht ins Kloster abgeschoben zu werden, verlässt der 16-jährige Thonis heimlich die väterliche Burg in der Wesermarsch und schließt sich im November 1217 einer Gruppe Kreuzfahrer an. Auf dem Weg ins Heilige Land erkrankt Thonis jedoch an einer Augenentzündung. Fast erblindet, bleibt er in Genua zurück und macht Bekanntschaft mit dem Chirurgen Wilhelm de Congénies …

Neben der Chirurgie spielt in dieser Geschichte noch eine weitere Heilmethode eine wichtige Rolle – die heilsame Kraft der Musik. Die Sklavin Elena besitzt die Gabe, mit ihrem Gesang und dem Spiel unterschiedlicher Instrumente Patienten zu beruhigen, die Genesung der Kranken zu fördern und schwer Erkrankten neuen Lebensmut zu geben.

Die Erlebnisse von Thonis und Elena werden im Wechsel erzählt, bis die beiden sich in Genua begegnen. Thonis verliebt sich in die junge Sklavin, doch Elena wird nach dem Tod ihres Herrn weiterverkauft und Thonis verliert sie aus den Augen…

Sabine Weiß begeistert mich mit ihrem Schreibstil immer wieder aufs Neue. Die Autorin beherrscht es ganz ausgezeichnet, Figuren zum Leben zu erwecken und facettenreich darzustellen, Handlungsorte anschaulich zu beschreiben und Ereignisse spannend und unterhaltsam zu schildern.

Zusätzlich zu der Entwicklung der Chirurgie im Mittelalter erfährt man im Verlauf der Handlung auch allerlei Wissenswertes über den Sklavenhandel im Mittelmeerraum sowie über die Kreuzzüge und Ketzerverfolgung im 13. Jahrhundert.

„Der Chirurg und die Spielfrau“ hat mir sehr gut gefallen – die gut ausbalancierte Mischung aus Historie, Abenteuer und Spannung wird anschaulich und lebendig erzählt und hat mir ein paar kurzweilige Lesestunden beschert.

17.04.2020 07:25:44
Dante

1217. Weil sein Vater ihn ins Kloster geben möchte, flieht der junge Bremer Adlige Thonis und schließt sich einem Kreuzzugsheer an. Doch er kommt nicht weit: Schon auf dem Weg ins Heilige Land erblindet er, wird zum Sterben zurückgelassen. Dass er gesundet, verdankt er allein dem betörenden Gesang einer Spielfrau, der ihn im Leben hält, und der Kunst des Chirurgen Wilhelm. Fasziniert lässt sich Thonis selbst zum Chirurgen ausbilden und spürt die Frau auf, die ihn einst rettete: Elena, eine Sklavin. Beide wollen sie den Menschen helfen - und geraten in einer Zeit der Kreuzzüge und Ketzerverfolgung in tödliche Gefahr ... (Klappentext)

Die Geschichte um den jungen Thonis und die Sklavin Elena ist in ruhigen und einfühlsamen Tönen erzählt. Bereits zu Beginn ist man so in der Geschichte gefangen das man das Gefühl hat den beiden tatsächlich zur Seite zu stehen. Mit Spannung verfolgt man die Geschichte beider die nach und nach zusammen läuft. Die beiden Protagonisten sind weich gezeichnet und wirken zu jeder Zeit glaubwürdig und liebenswert. Auch der historische Hintergrund wirkt authentisch und akribisch recherchiert. Insgesamt ein absolut gelungener historischer Roman bei dem man so einiges über die Medizin und die heilende Kraft der Musik lernt. Dieser Roman ist eins meiner absoluten Lesehighlights in diesem Jahr und daher von mir uneingeschränkt zu empfehlen!

Zeitpunkt.
Menschen, Schicksale und Ereignisse.

Wir schauen auf einen Zeitpunkte unserer Weltgeschichte und nennen Euch passende historische Romane.

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