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Rita Dell'Agnese
Die Sehnsucht nach Freiheit

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Mai 2019

Die junge Guma Aminah lebt im Haus ihres Vaters in dem kleinen Oasendorf Boto in Ghana. Mit den Frauen ihres Vaters und den Geschwistern kommt Aminah weitgehend aus, obwohl sie Träume hat, die sich eines westafrikanischen Mädchens Ende des 19. Jahrhunderts nicht ziemen. Als Boto von Sklavenhändlern überfallen wird, werden Aminah und einige ihrer Geschwister gefangen und verschleppt. Das Dorf selber wird von den Sklavenhändlern in Brand gesetzt und Aminah muss mit dem Gedanken leben, die Frau ihres Vaters und das neugeborene Kind nicht rechtzeitig aus dem Schlaf gerissen und so vor den Flammen bewahrt zu haben. Auf ihrem Zug nach Salaga muss Aminah ohnmächtig miterleben, wie ihre Schwestern – Zwillinge – auseinandergerissen und in verschiedene Richtungen verschleppt werden, was die Mädchen an den Rand des Abgrunds führt. Für sich selber entwickelt Aminah eine Überlebensstrategie. In Salaga trifft Aminah auf Wurche, eine Gonja und Tochter eines Herrschers. Mehr noch als ihre Brüder interessiert sich die Herrschertochter für Politik und die Geschicke der Stadt. Doch sie ist nur ein Mädchen. Wurche wird aus strategischen Gründen mit dem Dagoma Adnan verheiratet, dem sie nur wenig abgewinnen kann. Ihre innere Freiheit bewahrt sich Wurche zum einen durch ihre Streifzüge in die Stadt, wo sie Frauen Unterricht gibt, sich aber auch mit ihrem Geliebten trifft. Dem Mann, der sich für Aminah interessiert.

Zwei unterschiedliche Schicksale

Die Autorin Ayesha Harruna Attah erzählt die Geschichte von Aminah und Wurche aus unterschiedlichen Perspektiven, so dass die Leser sehr nahe an die jeweilige Sichtweise der jungen Frau kommt, die gerade erzählt. Sichtbar ist, dass sowohl die Sklavin Aminah wie auch die Herrscherin Wurche sehr ähnliche Bedürfnisse haben: Sie wollen ein selbstbestimmtes Leben führen und nicht von einem Mann abhängig sein. Allerdings sind die Voraussetzungen für die Beiden völlig entgegengesetzt. Nur dass Wurche in ihrer Funktion fast ebenso Gefangene ist, wie Aminah. Die Autorin versteht es wunderbar, die verschiedenen Sachzwänge aufzuzeigen und die beiden Schicksale einander gegenüber zu stellen, ohne eine Wertung hinein zu bringen.

Es dürfte noch mehr Tiefe sein

Die Geschichten von Aminah und Wurche sind berührend, informativ und mitreissend. Die spröde Art, mit der Ayesha Harruna Attah die beiden jungen Frauen erzählen lässt, tut dem Roman gut. Sie macht die fremde Kultur für die europäischen Leser verständlicher, lässt erahnen, was die Autorin erzählen möchte. Die sprachliche Begrenzung auf das Wesentliche gibt der Geschichte einen speziellen Rhythmus, der sich gut über die ganze Story legt und den Leser auf die Reise durch einen fremden Kontinent und vergangene Welten mitnimmt. So passend die minimalistische Sprache ist, so schade ist es, dass sich das Minimalistische auch auf die Geschichte selber auswirkt. Ayesha Harruna Attah spricht vieles an, das dann aber nur an der Oberfläche bleibt. Möglicherweise handelt es sich bei manchen Themen um Bereiche, die sich dem afrikanischen Publikum absolut erschliesst, während sie dem europäischen Leser Rätsel aufgeben.

Neue Sichtweisen erfahren

Es ist nicht das erste Buch über Sklaverei, das auf dem europäischen Markt zu finden ist. Der Roman «Die Frauen von Salaga» besticht  aber durch seine Direktheit und durch die afrikanische Sicht- und Erzählweise, den die Autorin Ayesha Harruna Attah hinein bringt. Es ist nicht das von Weissen für ein europäisches oder us-amerikanisches Publikum geschriebene Werk, sondern die Sichtweise und die Kultur einer Autorin, die die Zusammenhänge anders erkennen kann und in der Lage ist, sie sichtbar zu machen. Dadurch kann das europäische Publikum erfahren, was ihm bisher weitgehend fremd, wenn nicht gar verborgen geblieben ist. Schon alleine dafür lohnt sich die Auseinandersetzung mit diesem Roman.

Fazit:

Ayesha Harruna Attah beweist mit «Die Frauen von Salaga», dass sie in der Lage ist, einen unterhaltenden Roman mit vielen Facetten zu präsentieren. Dass sie noch da und dort wirkt, als würde sie sich selber nicht viel zutrauen, ist bedauerlich. Die Geschichte von Aminah und Wurche könnte noch etwas Tiefgang vertragen. Ayesha Harruna Attah gehört aber zu jenen Autorinnen, bei denen die Vorfreude auf ein weiteres Werk dann einsetzt, wenn die letzte Zeile des aktuellen Romans gelesen ist.

Die Frauen von Salaga

Die Frauen von Salaga

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