Vor dem Anfang

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • Kiepenheuer & Witsch, 2018, Titel: 'Vor dem Anfang', Originalausgabe

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Jörg Kijanski
Kurz vor Kriegsende rein ins Zentrum

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Dez 2018

Der Krieg ist zu Ende, jedenfalls bald. Fritz und Schultz scheinen Glück zu haben, sitzen die beiden Segelflieger in der Versuchsanstalt Johannisthal doch nur ihre Zeit ab. Auf dem ältesten Flughafen des Reiches war in letzter Zeit kaum noch was los, jetzt herrscht Aufbruchstimmung oder besser gesagt Auflösungserscheinungen. Die Russen nähern sich, da erhalten Fritz und Schultz einen neuen Befehl. Ausgerechnet jetzt, wo alles vorbei zu sein scheint, sollen sie eine Metallkassette in das Reichsluftfahrtministerium in der Wilhelmstraße bringen. Mitten hinein ins Zentrum von Berlin, dorthin, wo es am gefährlichsten ist. Wegen 750 Reichsmark, aber Ordnung muss wohl sein.

Unterschiedlicher können die beiden Figuren kaum sein. Schultz stammt aus kleinen Verhältnissen und ist eher besonnen, während Fritz ein stürmischer Haudrauf ist, der aus besseren Kreisen kommt. Seiner Familie, die eine Gaststätte betrieb, ging es vor dem Krieg gut, wäre da nicht der Vater auf die schiefe, alkoholgetränkte Bahn geraten. Nun sind Fritz und Schultz aneinandergebunden, sechsunddreißig und zweiundvierzig Jahre jung, dennoch nicht an der Front. Die Kassette und der damit einhergehende Marschbefehl sind ihre Lebensversicherung. Andernfalls würden sie wohl als vermeintliche Deserteure an die Wand gestellt. Mit zwei alten Fahrrädern machen sich die beiden auf den Weg, geraten in Luftangriffe, übereifrige Wachposten und nicht zuletzt an ihr Ziel. Doch auch hier herrscht Panik. Akten werden vernichtet, Mitarbeiter verlassen in Scharen fluchtartig das Gebäude und plötzlich steht Fritz ohne Schultz dar. Eigentlich kein Problem, denn Fritz wollte ohnehin zum Wannsee, dort wo sein Boot, die "Traute V", liegt, voll mit Lebensmitteln und allem was benötigt wird, um bis zum wahrscheinlichen Kriegsende in wenigen Tagen zu überleben. Aber wie dorthin kommen, zumal ohne neuen Marschbefehl?

Debütroman eines großen Schauspielers

Burghart Klaußner ist wahrlich kein Unbekannter. Als Schauspieler erhielt er unter anderem zwei Mal den Deutschen Filmpreis (Die fetten Jahre sind vorbei/ Das weiße Band), zudem glänzte er in der Hauptrolle Der Staat gegen Fritz Bauer, um nur diese Beispiele zu nennen. Nun also sein erster Roman, der mit knapp 170 Seiten eher eine Novelle geworden ist. Er spielt an einem Tag in Berlin, genauer gesagt am 23. April 1945, also kurz vor Kriegsende. Trotzdem erhalten die beiden Hauptfiguren, von denen eine (Schultz) bald verschwindet, einen letzten Auftrag. Die Fahrt mit zwei alten Fahrrädern mitten ins Stadtzentrum ist lebensgefährlich, danach geht es für Fritz allein weiter. Zum Wannsee, zu seinem Boot, aber - unwissentlich - auch zu einem letzten Aufmarsch hunderter Soldaten und SS-Leute gegen die Russen. Muss er kurz vor Schluss doch noch in den Krieg ziehen, nachdem er sich jahrelang erfolgreich drücken konnte?

Die Figur des Fritz hat einige Eigenschaften des Autors übernommen, vor allem die Liebe zum Wasser und zum Theater. Es ist daher keineswegs ein Zufall, dass das Segeln und Rudern im aktuellen Geschehen sowie in einigen Rückblicken einen wichtigen Anteil im Buch einnimmt. Auf seiner Odyssee quer durch Berlin kommt Fritz zudem am Schillertheater vorbei, welches weitgehend in Trümmern liegt. Hier lässt der Schauspieler Klaußner grüßen. Das Buch kommt mit wenigen Seiten aus, ist entsprechend komprimiert und dennoch eine kurzweilige Abhandlung über die letzten Kriegstage. Das Ende des Krieges und damit gleichzeitig der bevorstehende Anfang von etwas Neuem sind greifbar. Bleibt die Frage, ob es für Fritz (und Schultz) ein Happyend geben wird?

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