Marlow

Erschienen: Oktober 2018

Bibliographische Angaben

  • Piper, 2018, Titel: 'Marlow', Originalausgabe

Couch-Wertung:

100
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Carsten Jaehner
Am Rande der Unterwelt

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Mai 2020

Berlin, August 1935. Gereon Rath, von Erich Gennats Mordinspektion zum Landeskriminalamt von Arthur Nebe versetzt, wird mit den Ermittlungen eines Verkehrsunfalls betraut, bei dem ein Taxifahrer mitsamt Gast ums Leben kamen, als das Taxi in einer Rechtskurve geradeaus weiterfuhr, gegen eine Mauer raste und dabei fast einen Passanten getötet hätte. Dieser Passant bezeichnet das als Mordanschlag auf ihn und daher ermittelt die Polizei wegen versuchten Mordes. Gereon findet in dem Taxi eine Akte, die er mitnimmt, bei der sich später herausstellt, dass es sich um eine Geheimakte der Nazis handelt und deren Besitz ihm ordentlich Ärger einhandeln kann. Inklusive weitere Kontakte zu seinem Bekannten aus Berlins Unterwelt, dem Verbrecherboß Johann Marlow…

Unterdessen ermittelt Raths Frau Charly in einem eigenen Fall und Ziehsohn Fritze will unbedingt mit der Hitlerjugend nach Nürnberg zum Reichsparteitag. Da Gereon in der Nähe von Nürnberg ebenfalls zu ermitteln hat, fährt er kurzerhand auch nach Nürnberg und nimmt seine Schwiegermutter mit, die glühende Anhängerin der Nazis ist und Gereon einiges über Charly und ihren Vater zu erzählen hat. Immer weiter verstricken sich Gereons Fall und sein persönliches Leben ineinander, bis er erneut auf Marlows Hilfe angewiesen ist, dessen wahre Identität nach und nach ans Licht kommt.

Privates und Berufliches

Kutscher siebter Roman um Gereon Rath reiht sich nahtlos in die Erfolgsgeschichte der bisherigen Bände ein und schafft es, noch mehr Spannung aufzubauen. Zu Beginn des Romans glaubt man noch, dass Gereon am Tiefpunkt seiner Karriere angekommen ist, da er von der „Mord“ zu Arthur Nebes Landeskriminalamt wegbefördert wurde. Wer aber den Kommissar kennt, kann sich denken, dass es dabei nicht unbedingt bleiben wird. Rath gerät durch seine Ermittlungen eines zunächst banalen Verkehrsunfalls wieder in den Sumpf der immer weiter um sich greifenden Nationalsozialisten.

Sind die Fälle, die Gereon und seine Frau Charly zu bearbeiten haben, schon spannende genug, kommt dieses Mal auch deren Privatleben noch mehr zum Tragen als sonst sowieso. Da Gereon und Charly viel unterwegs sind, steht es um ihren Ziehsohn Fritze nicht besonders und dieser hält sich meist bei einem Freund und deren Eltern auf, wobei der Vater ein hohes Tier bei den Nazis ist. Er nimmt Fritze, der nach heftigem Streit zwischen Gereon und Charly in der Hitlerjugend ist, auch mit nach Nürnberg zum Reichsparteitag, der im ganzen Land Wellen schlägt. Kutscher hat ein hervorragendes Gespür für die Situation vor Ort, die dem Leser heute so manchen Schauer über den Rücken laufen lässt. Spätestens hier offenbart sich des Autors große Erzählkunst, die den Leser in seinen Bann zieht und vielleicht mit eine Erklärung dafür liefert, warum damals ein ganzes Volk dem Führer blind und gedankenlos gefolgt ist.

Spannende Geschichten

Kutscher verwebt die Handlungsstränge um Gereon, Charly, Fritze und auch den titelgebenden Unterweltboß Johann Marlow geschickt miteinander und gibt jeder der Geschichten, die am Ende alle irgendwie zusammenlaufen, Raum zur Entfaltung. Kutscher nimmt sich Zeit und den Leser mit in eine Zeit, in der man merkt, wie sich von Seite zu Seite die braune Masse mehr Raum schafft und das Land übernimmt. Aus ehemaligen Freunden und Kollegen werden nun „die auf der anderen Seite“, und alles wirkt so realistisch und nicht aufgeblasen, dass man sich wirklich erschrickt und das Buch vor lauter Spannung nicht aus der Hand legen mag.

Unbedingt zu empfehlen sind die sechs Vorgänger und auch die Kenntnis des kleinen Büchleins „Moabit“, das die Vorgeschichte von Charlys Vater erzählt, kann für die Lektüre von „Marlow“ nicht schaden. Irgendwie kommt in „Marlow“ alles zusammen, was in den Vorgängern angedeutet wurde. Es tauchen Personen wieder auf und es werden Fragen geklärt, von denen man nicht wusste, dass man sie hatte. Kutschers Erzählkunst schlägt den Leser von der ersten Seite an in den Bann, und von daher kann dieser Band als der bisherige Höhepunkt der Reihe gelten, ohne die Qualität seiner Vorgänger damit zu schmälern.

Kutschers Charaktere sind ausgefeilt und haben alle ihre Stärken und Schwächen, sind daher menschlich in dem was sie sind und was sie tun und das ist an jeder Stelle nachvollziehbar. Die Atmosphäre, die er schafft, wird mit jedem Band, mit jeder der 520 Seiten bedrückender und daher authentischer.

Fazit:

„Marlow“ kann als bisheriger Höhepunkt der Reihe bezeichnet werden. In dem Roman stimmt von Timing bis zur Dramaturgie, von den Personen bis zur Stimmung einfach alles, und somit hat der Roman alles, was einen hervorragenden Kriminalroman ausmacht. Der Roman verdichtet sich immer weiter, und da der Folgeband „Olympia“ bereits seine Schatten vorauswirft, darf man hoffen, dass dieses herausragende Niveau weiterhin gehalten werden wird. Unbedingt empfehlenswert.

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