Die Frauen vom Savignyplatz

Erschienen: Oktober 2018

Bibliographische Angaben

  • Aufbau, 2018, Titel: 'Die Frauen vom Savignyplatz', Originalausgabe

Couch-Wertung:

84
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Annette Gloser
Sympathisches Plädoyer für den Groschenroman

Buch-Rezension von Annette Gloser Mär 2019

Berlin, zum Ende des Ersten Weltkrieges: Vicky steht Tag für Tag hinter dem Ladentisch der elterlichen Metzgerei. Das Lyzeum musste sie auf Befehl des Vaters abbrechen, eine finanziell aussichtsreiche Ehe haben die Eltern auch schon arrangiert. Vicky ist natürlich ein braves Mädchen, aber glücklich ist sie so nicht.

Trost spenden ihr die Romane von Hedwig Courths-Mahler, da gibt es viel Liebe und die gehen immer gut aus. Das Leben ist schwer genug, findet Vicky, da muss man nicht noch „schwere“ Literatur lesen. Aber dann scheint sie der Erfüllung aller Liebesträume nahe, denn plötzlich taucht im Metzgerladen ein fremder Offizier auf, in den sich Vicky Hals über Kopf verliebt und den sie – gegen den Willen der Eltern – heiratet. Doch leicht ist das Leben nicht für Vicky und ihren Willi, dafür sorgt schon Vickys Vater. Bald wollen vier Kinder ernährt werden, das fünfte ist unterwegs, Willi verdient sein Geld als Boxer und mit halbseidenen Geschäften. Immer noch steht Vicky jeden Tag in der Metzgerei und verkauft Leberwurst, aber das Leben ist ihr noch was schuldig! Als Willi auszieht und die Scheidung verlangt, beschließt sie, ihrer eigenen Wege zu gehen. Sie will einen Buchladen für Frauen aufmachen, einen, in dem schöne Gedanken und süße Träume verkauft werden, Bücher, die garantiert immer gut ausgehen. Fraglich ist allerdings, ob dieses Vorhaben auch für Vicky gut ausgehen kann, Frauen gehören schließlich an den Herd und nicht in einen Buchladen!

Glück auf Papier

In den 1920er Jahren bewegt sich was in Deutschland, auch in der Welt der Frauen. Plötzlich wollen sie studieren, wollen einen Beruf, wollen ihr eigenes Geld. Sie wollen gleichberechtigt neben den Männern stehen und sich aus der Abhängigkeit befreien. Mitten hinein in diese Welt schickt Joan Weng ihre Leser, in die Roaring Twenties, die in diesem Roman eher leise im Hintergrund pulsieren, steht im Vordergrund doch eine junge Frau auf der Suche nach dem ganz privaten Lebensglück und einem erfüllten Berufsleben. Dazu steht scheinbar im Widerspruch, dass Vicky nun ausgerechnet einen Laden für die oft abfällig als „Schnulzen“ bezeichneten Liebesromane aufmacht. Wenn man es etwas genauer betrachtet, dann ist ein Buchladen nur für Frauen allerdings zur damaligen Zeit eine revolutionäre Idee. Dazu brechen die Protogonistinnen mehrfach eine Lanze für Bücher, die glücklich machen. Als seicht und trivial verschrien, bringen sie vor allem den Frauen Licht in ihr oft sehr düsteres Leben, bringen Träume  und schenken entspannte Stunden. Wenn man „Die Frauen vom Savignyplatz“ liest, dann versteht man sehr gut, warum gerade viele Frauen solche Romane lasen, denn sie ganz besonders hatten immer mal wieder eine Portion Glück auf Papier dringend nötig. Man bekommt eine Ahnung davon, wie das Alltagsleben der Frauen aussah, wie hart es oft war, und wie so ganz und gar normal das Kuratel der Ehemänner, die den Frauen oft genug auch noch das Lesen verbaten. Vicky und ihre Freundinnen kämpfen für etwas, was uns heute ganz normal erscheint: Lesen dürfen was ich will und wann immer ich es will.

Nicht nur nette Mädels

Natürlich funktioniert so ein Roman nicht ausschließlich mit Frauen, und so bevölkern die Seiten nicht nur die netten Mädels aus Vickys Freundeskreis sondern auch diverse Herren. Überhaupt ist das charakterliche Spektrum der Protagonisten breit gestreut: Es gibt die modern denkenden jungen Frauen und Männer, es gibt die Ewiggestrigen und die schrägen Typen, gleichfalls beiderlei Geschlechtes, arrogante Kerle und brave Hausmütterchen, und da wir in den 1920er Jahren sind, tauchen auch die ersten Schlägertypen in braunen SA-Hemden auf. Joan Weng gelingt damit eine ausgesprochen authentisch wirkende Atmosphäre, die den Leser sofort mit auf die Reise durch diese Geschichte nimmt, was auch für eine gründliche Recherche spricht. Die Story ist mit Verve und Witz erzählt, immer wieder gibt es Stellen zum Schmunzeln und Augenverdrehen, da macht das Lesen durchaus Spaß. Vicky mit ihrem bodenständigen Pragmatismus ist eine ausgesprochen sympathische Heldin, auch der ungetreue Ehemann hat durchaus gute Seiten, ein Widerling entpuppt sich als netter Kerl, eine brave Mutti als aufständische Helferin ihrer Tochter… Es ist ordentlich was los in diesem Roman und es bleibt spannend, sogar überraschend, bis zum Schluss. Sehr erfreulich übrigens auch der Umgang der Autorin mit dem Berliner Jargon, da merkt man deutlich, sie kennt sich damit aus und der Leser hat eine zusätzliche Portion Spaß dabei.

Fazit:

„Die Frauen vom Savignyplatz“ ist ein herzerfrischender Roman, sehr lebendig, mit einem interessanten Sujet und ebenso interessanten Protagonisten. Der Aufbau-Verlag hat hier (wieder einmal!) ein feines Gespür bewiesen. Diesen Roman kann man immer und überall lesen, und auch wenn Frauen im Mittelpunkt stehen sei er doch auch den Männern unter den Lesern ausdrücklich empfohlen. Und natürlich all jenen, die auf Liebesschnulzen genauso verächtlich gucken wie auf Küchenlieder, denn vielleicht gelingt gerade diesen Lesern mal ein ganz neuer Blick auf das ach so verpönte seichte Zeug! Vor allem aber bleibt Joan Weng dem Motto des Frauenbuchladens treu: Ein glückliches Ende ist garantiert!

Die Frauen vom Savignyplatz

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