Dragon Teeth - Wie alles begann

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • Blessing, 2017, Titel: 'Dragon Teeth', Originalausgabe

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Carsten Jaehner
Amüsanter Western zum Beginn der Paläontologie

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Okt 2018

Wyoming, 1875. William Johnson schreibt sich an der Universität in Yale ein. Es ist die Zeit, in der Charles Darwins Evolutionstheorie Furore macht und überall für Diskussionen sorgt. Johnson geht eine Wette ein, dass er es nicht schafft, mit dem Wissenschaftler Marsh auf Expedition zu gehen, um Fossilien auszugraben. Doch es gelingt ihm, sich als Fotograf den letzten freien Platz zu ergattern, und so macht er sich eines Tages mit Professor Marsh und einigen anderen Studenten auf den Weg nach Westen.

Marsh ist nicht gut auf Johnson zu sprechen und verdächtigt ihn permanent, ein Spion von Marsh größtem Konkurrenten, dem Paläontologen Cope, zu sein. Johnson hat von dem anderen Professor noch nie etwas gehört, wird aber von Marsh und seinen Jungs eines Morgens extra zurückgelassen. Und ausgerechnet von Cope und seiner Expedition aufgegabelt, der er sich schließlich anschliesst. Die Expedition zieht weiter gen Westen, immer verfolgt von Indianern und anderen Feinden.

Cope gelingt es, einige Fossilien auszugraben, er entdeckt einige bislang noch unbekannte Saurierarten, unter anderem Zähne von einem Brontosaurus, der bislang völlig unbekannt war und allein ob seiner vermuteten Größe Eindruck macht. Die Zähne dieses Sauriers kommen in eine extra Kiste, die mit einem "X" gekennzeichnet wird. Als Johnson von der Gruppe getrennt wird, vermuten Cope und die anderen seinen Tod und benachrichtigen bereits seine Eltern. Johnson jedoch hat überlebt und versucht seinerseits, die zehn Kisten mit den Fossilien vor Dieben, Indianern und Konkurrenten zu bewahren. Eine wahnwitzige Jagd auf die Knochen beginnt.

Drachenjagd

Wer schon einmal einen Roman von Jules Verne oder Karl May oder beiden gelesen hat, der wird in Michael Crichtons bislang unveröffentlichtem Frühwerk Dragon Teeth einige stilistische Dinge wiedererkennen, die man bei den genannten Herren ebenfalls findet. Was ja erstmal nichts schlechtes sein muß. Wer dann allerdings erwartet, tatsächlich eine Art Vorgeschichte zu Crichtons wohl berühmtesten Roman Dino Park (verfilmt als Jurassic Park) vorgelegt zu bekommen, der dürfte enttäuscht werden, obwohl das Buchcover genau dies verspricht. Aber fangen wir vorne an.

In Dragon Teeth geht es, wie der Titel bereits vermuten lässt, um Zähne, allerdings nicht von Drachen, sondern von Dinosauriern, was für manche Menschen, die im Amerika des Jahres 1875 gelebt haben, fast das gleiche sein mag. Zähne und generell Knochen aus einer Zeit, die man sich nicht vorstellen kann, zumal der gottesgläubige Mensch an sich bereits Schwierigkeiten damit hat, sich mit Darwins Evolutionstheorie abzufinden, soll man nun an Wesen glauben, die Tausende von Jahren vor der biblischen Schöpfung gelebt haben sollen? Und deren Knochen man nun irgendwo in der Wüste in Felsen findet? Schwer zu glauben.

Reale Geschichte

Und doch macht sich die Paläontologie, wie man sie nennt, die Wissenschaft der Lebewesen der geologischen Vergangenheit, immer mehr breit an Universitäten, und durch eine dumme Wette schließt sich 1875 der Ich-Erzähler des Romans, William Johnson, als Fotograf einer dieser Expeditionen an. Professor Marsh verdächtigt ihn von Anfang an, Spion seines Widersachers Professor Cope zu sein, von dem Johnson noch nie etwas gehört hat. Mit der Eisenbahn geht es nach Westen, und als man auf Treckwagen umsteigt, ergibt sich bald eine Möglichkeit, Johnson loszuwerden, indem man ihn eine Stunde später als verabredet zum Sammelpunkt bestellt, als alle anderen bereits wieder weitergezogen sind. Aufgegabelt wird Johnson - welch Zufall, hier grüßt Jules Verne! - von Marshs Rivalen Cope, der sich Johnsons Fähigkeiten des Fotografierens gerne zunutze macht.

Michael Crichton hat mit Dragon Teeth einen Western verfasst, der aufgrund seiner Thematik etwas ganz besonderes ist. Schon immer reisten die Menschen durch die Vereinigten Staaten, um neue Gebiete zu besiedeln und sich Land anzueignen, das zuvor dem "Wilden Mann" weggenommen wurde, der damit erstaunlicherweise nicht einverstanden war. Tatsächlich begrift auch Johnson diesen Konflikt, dass es einen guten Grund gibt, warum die Indianer den Weissen Männern gegenüber nicht wohlgesonnen sind, womit er der Mehrheit der Amerikaner weit voraus sein dürfte. Doch um ihn herum gibt es genügend Weisse, die anderer Ansicht sind, und so erstaunt es nicht, dass die Trecks mit den gefundenen Fossilien von indianern verfolgt werden. Überhaupt gibt Crichton die Situation mit den Indianern gut wieder, es ist nicht nur das Schwarz-Weiß-Schema, das man aus vielen Western kennt, sondern eben differenzierter, man mag sagen: historisch belegter, denn hier hält sich Crichton tatsächlich an örtliche Fakten, welcher Stamm wo lebte, mit wem er verfeindet und welche dummen Verträge er unterschrieben hat. Eine kleine Geschicktslektion nebenbei.

Kurios und doch nah an der Wahrheit

Amüsant für den Leser wird es spätestens, als Johnson mit den Kisten der Fossilien allein unterwegs und von Copes Männern für tot erachtet wird. Johnson hat kein Geld, aber zehn Kisten mit Knochen, die für fast niemanden von Interesse sind, darunter eine mit eine "X" gekennzeichnete, fossile Zähne beinhaltend, und ein Mann mit zehn Kisten ist im Wilden Westen immer verdächtig. Johnson beweist, dass er mit dem Schießeisen umgehen kann und dass er auch auf die weibliche Welt eine gewisse Anzhiehungskraft hat. Wer da wen betrügt, womit und für wen, sei hier nicht verraten, aber es gibt die eine oder andere Überraschung und dramaturgische Wendung. Wenn man sagt, dass in den Kisten Knochen sind, die wie Gold bewacht werden, kommen manche Räuber vielleicht auf die Idee, dass darin tatsächlich Gold sei statt Knochen, die für niemanden von Wert sind, und so gibt es nicht viele Menschen, die Johnson noch auf seiner hat, es sei denn, sie wollen seine Kisten haben...

Crichton schafft es, den Lesern die Zeit des Wilden Westens nahe zu bringen und zugleich mit dem Transport der Fossilien ein Kuriosum mit einzuflechten, das dem Leser das eine oder andere Kopfschütteln abnötigt. Der Roman ist amüsant, skurril, einfach geschrieben und daher für eine breite Masse verständlich, und doch ist der Roman fundiert, historisch kein Blödsinn und lebhaft, witzig und authentisch. Vor allem, wenn man bedenkt, dass es beide Professoren und ihren Konflikt tatsächlich gegeben hat und somit der Roman auf wahren Tatsachen beruht. Michael Crichton hat gut recherchiert und die realen Begebenheiten, so bekannt, übernommen und vielleicht ein bisschen auf die Spitze getrieben, aber die Grundsituation ist real. Manche Geschichten müssen eben tatsächlich passieren, denn wenn sie erfunden werden, sind sie unglaubwürdig.

Empfehlenswert

Crichton schafft ein buntes Sammelsurium an Charakteren, das man gerne miterlebt und mitverfolgt. Jegliche Beweggründe für Handlungen und Taten sind nachvollziehbar und nicht irgendwelchen Hinrgespinsten entsprungen. Zudem dürfen mit Wyatt Earp und seinem Bruder Morgan auch ein paar Prominente den Roman bereichern. Wem der Stadtname "Deadwood" etwas sagt, der wird sich hier gerne wiederkennen.

Kurz: Michael Crichton hat mit Dragon Teeth einen amüsanten, aber realen Abenteuerroman geschaffen, der einen wahren Kern hat und dem Leser einiges über die Zeit des Wilden Westens und den Beginn der Paläontologie berichten kann. Der Roman schreit geradezu nach einer Verfilmung, die bestimmt nicht allzu lange auf sich warten lassen dürfte.

Der Roman wird bereichert durch ein zweiseitiges Nachwort, Anmerkungen des Autors, einem Nachwort von Michael Crichtons Witwe sowie einer dreiseitigen Bibliografie, die jeder gerne für weitergehende Nachforschungen nutzen kann. Eine doppelseitige Karte der USA mit den Wegen von Johnson ist jeweils im Einband einsehbar. Den Untertitel Wie alles begann hätte man sich getrost schenken können, er ist wieder mal eine unnötige deutsche Ergänzung, um die Verkaufszahlen nach oben zu treiben. Dabei hat er Roman das gar nicht nötig, er spricht für sich selbst und hat mit etwaigen suggerierten Nachfolgern auch überhaupt nichts zu tun. Ein Kuriosum, historisch wie editorisch, und gerade deshalb gerne zu empfehlen.

Dragon Teeth - Wie alles begann

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