Römisches Fieber

Erschienen: September 2018

Bibliographische Angaben

  • Piper, 2018, Titel: 'Römisches Fieber', Originalausgabe

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Carsten Jaehner
Identitätstausch in Roms deutscher Künstlerkolonie mit Folgen

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Feb 2020

Am Gardasee im Jahr 1818. Franz Wercker hat im Affekt seinen Vater getötet und ist von zu Hause geflohen, einfach geradeaus, und nun ist er am Gardasee gelandet und will seinem Leben ein Ende bereiten. Doch er lernt den Dichter Cornelius Lohwaldt kennen, der gerade durch sein Gedicht „Germania“ bekannt wurde und vom bayerischen König ein Stipendium bekommen hat, um ein Jahr in Rom seine Studien fortzusetzen. Doch am Abend treffen sie sich zufällig wieder, und Franz kann nicht verhindern, dass sich der Dichter Lohwaldt selbst ertränkt. Da entscheidet er sich spontan dazu, Lohwaldts Persönlichkeit zu übernehmen und an seiner statt nach Rom zu reisen.

Alles geht gut und er findet in Rom ein Zimmer in einer deutschen Künstlerkolonie, wo nicht nur Dichter, sondern auch Maler wie Carl Fohr, Julius Schnorr von Carolsfeld, Friedrich Overbeck und andere Künstler der Zeit Inspiration suchen und oftmals auch finden. Franz freundet sich als Cornelius vor allem mit der Malerin Clara Seidler an, bei der er zunächst im selben haus lebt, und auch der Maler Georg Reichhard wird bald einer seiner engsten Freunde.

Franz lebt sich ein unter falschem Namen und gerade das belastet seine Freude am Aufenthalt in Rom. Alle seine Freunde arbeiten und geben sich zudem der Muße hin, er hingegen gibt sich hauptsächlich der Muße hin und entscheidet sich spontan und eher aus Versehen, auf einem Empfang der der in Rom lebenden Caroline von Humboldt, Ehefrau des Frischer Alexander von Humboldt, seiner berühmten „Germania“ bald eine „Italia“ entgegenzustellen. Doch alles wird noch wirrer, als die Schwester von Cornelius Lohwaldt, Isolde, anreist, um ihrem Bruder in der Fremde beizustehen. Natürlich gesteht er ihr sofort den Betrug, doch sie übernimmt das Spiel, gibt sich als seine Schwester aus, zieht mit ihm zusammen und wird von nun an versuchen, als bedeutende Frau und Förderin der Kunst in Rom Fuß zu fassen und ein noch berühmterer Name als der von Humboldt zu werden. Wann aber wird das Lügenkonstrukt zusammenfallen, das sich immer mehr hinaufwindet?

Künstlerreisen

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es durchaus üblich, junge Leute mit Talent nach Italien zu schicken, damit sie dort Inspiration und Muße finden, unter ihresgleichen ihren künstlerischen Weg einschlagen und Land und Leute genießen und kennenlernen. Über allem schwebten die Namen Goethe und Humboldt, und wer etwas auf sich hielt, ging für ein Jahr, ob mit oder ohne Stipendium, nach Italien, gerne nach Rom, der schlafenden Schönen. Christian Schnalke gelingt es, den Leser in diese lockere und lockende Atmosphäre zu versetzen, der vielleicht jeder gerne einmal frönen würde, wenn auch nicht für ein Jahr, dann doch für eine ganzen Weile. Man ist bald unter Freunden und droht schnell, den Grund zu vergessen, warum man eigentlich da ist, was in Rom eben das Römische Fieber genannt wird.

Dass der junge Franz Wercker dort auftaucht, hat zwar auch diesen Grund, aber eben auch den Grund der Flucht aus der Heimat, wo er seinen Vater getötet hat, der ihn einst lebendig begraben hatte. Unter einem anderen Namen und daher völlig unvorbereitet kommt er nach Rom und findet schnell Anschluß in der deutschen kleinen Künstlerkolonie, zumal jeder sein Gedicht gelesen hat, die „Germania“, die seinem alter ego Cornelius Lohwaldt ein Stipendium des Königs von Bayern beschert hat und dem er nun irgendwie gerecht werden muss. Doch erst einmal wird Rom genossen, und jeder Leser wird nachvollziehen können, dass da der eigentliche Grund des Aufenthalts erst einmal zurückstehen muss, gibt es in Rom doch viel zu sehen und zu entdecken. Und davon sind die Treffen mit den Kollegen und Einladungen zu abendlichen Versammlungen noch nicht einmal betroffen.

Falsche Identität

Immer weiter verstrickt sich Franz in sein Pseudonym, und auch den Schriftverkehr mit seiner Schwester findet er gelungen, obwohl er sie gar nicht kennt. Diese allerdings schöpft schon nach dem ersten Brief Verdacht, denn obwohl Franz die andere Handschrift geübt hat, stimmen die Inhalte nicht mit dem realen Leben überein. Allein dass der echte Cornelius fliehen wollte, da er mehr auf Männer steht als auf Frauen, was Franz natürlich nicht ahnen kann, war ein der Schwester anvertrauter Grund. Isolde macht sich auf den Weg nach Rom.

Um nicht zu viel zu verraten: Ab ihrer Ankunft gerät Franz‘ Leben, der ihr natürlich sofort den Tausch gesteht, völlig aus den Fugen. Isolde nutzt ihren Aufenthalt, um sich als Mäzenin einen Namen für die Geschichtsbücher zu machen, doch irgendwie verbreitet sie keine gelöste Atmosphäre, wie sie sonst in der Kolonie herrscht. Ihre sture und niemals lächelnde Begleiterin Theresa begleitet sie wie ein Schatten, der die Dunkelheit hinter sich herzieht, und auch der Kutscher ist schlimmer dran als der Glöckner von Notre-Dame, sowohl was Aussehen als auch Verhalten angeht. Franz gerät immer mehr unter Druck, vor allem darin, was sein Freundschaften zu Clara und Georg angeht, und natürlich wartet man auf seinen nächsten großen literarischen Wurf.

Lüge gegen Wahrheit

Christian Schnalke gelingt es, ab dem Eintreffen Isoldes dem Buch mehr Tempo zu verleihen und man merkt, wie sich die Stimmung immer mehr verdüstert. Franz hat immer mehr Angst, aufzufliegen und überlegt, es seinen Freunden zu gestehen, was seine Schwester nicht dulden will und kann. Lüge und Wahrheit sind das große Thema des Romans. Wie kann ich unter dem Deckel der Lüge wahre Kunst schaffen? Ist es dann meine Kunst oder die meines Pseudonyms? Passend gewählt daher auch das Buchcover, das Rom zeigt und gleichzeitig kopfüber, zwei Seiten derselben Stadt, Rom als wirkliche Stadt und Rom als Ideal, wie der Autor selber in einem Interview sagt. Und doch spielt Rom bei allem eine Hauptrolle:

„Ruhelos streifte Franz durch Rom. […] Alle glaubten an etwas, daß es nicht gab – im Grunde gab es überhaupt nichts außer einem Haufen Trümmer, halb versunken in Erde unter schwüler, fiebriger Luft. Rom war nichts weiter als eine leere Leinwand, auf der jeder etwas anderes sah. Jeder fand in der Ewigen Stadt, was er suchte, weil hier nichts war. Nichts. Nur böse Luft. Rom widerte ihn an.“

Dass der Roman zu Beginn so dahinplätschert, wie wenn man Rom oder eine andere italienische Stadt morgens im Frühjahr erlebt, ändert sich mit der zweiten Hälfte, ab der Isolde auftaucht. Zum Ende hin wird es tatsächlich spannend bis kriminell, und es fällt schwer, das Buch aus der Hand zu legen, ehe alles geklärt ist.

Fazit:

„Römisches Fieber“ ist ein Roman, der zunächst wie eine laue Sommerlektüre beginnt, sich dann doch fast als Thriller entpuppt, in dem es gerade in der zweiten Hälfte hoch her geht. Die zweite Hälfte wird von der Stimmung her fast eine Umkehrung der ersten, und der Leser wird die eine oder andere Überraschung erleben. Die Geschichte wird von vielen Künstlern der damaligen Zeit umrahmt und verdichtet sich nach hinten immer mehr. Der Autor schreibt flüssig und dramaturgisch geschickt bis zum finalen Höhepunkt. Der Roman ist eines der wenigen Bücher, bei denen man sich ärgert, es so lange ungelesen auf seinem Bücherstapel liegen gelassen zu haben.

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