Joseph, der schwarze Mozart

Erschienen: August 2018

Bibliographische Angaben

  • Unionsverlag, 2016, Titel: 'Joseph, de zwarte Mozart', Originalausgabe

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Carsten Jaehner
Das aufregende Leben eines adeligen Schwarzen

Buch-Rezension von Carsten Jaehner Sep 2019

Joseph Bologne war der illegitime Sohn des Chevaliers George Bologne de Saint-Georges und wurde 1745 auf der Insel Guadeloupe geboren. Seine Mutter war eine 16jährige Sklavin, genannt Nanon und weithin als Schönheit bekannt. Diese Herkunft ließ Joseph ein Schwarzer sein, der von seinem Vater anerkannt wurde und auch so aufgezogen wurde. Mit drei Jahren zogen sie nach Frankreich nach Angoulême, 1755 nach Paris, wo Joseph mit 13 Jahren eine Fechtausbildung erhielt und auch in Musik unterwiesen wurde. Ab 1763 verwendete er den Titel seines Vaters, 1764 trat er in die Armee des Königs ein.

Im Grunde führte Joseph ein normales Leben, und wenn man nicht wüsste, dass er ein Schwarzer war, würde man in den ersten zwei Dritteln des Romans des Niederländers Jan Jacobs Mulder „Joseph, der schwarze Mozart“ auch nicht darauf kommen, dass dies der Fall ist. Erzählt aus der Ich-Perspektive Josephs, erlebt der Leser einen interessanten Einblick in die Zeit der Aufklärung aus einer ungewöhnlichen Perspektive. Joseph ist ein beliebter Mann, er sehr guter Fechter und Fechtlehrer, der durch ganz Europa reist und zu vielen Schaukämpfen eingeladen wird, auch mit dem Prince of Wales. Neben seiner Fechtkunst macht er sich auch als Geiger, Orchesterleiter und Komponist einen Namen, seine musikalischen Vorbilder sind Joseph Haydn und vor allem Christoph Willibald Gluck, auf deren Erfolgswelle er mitschwimmt und auch beachtliche Erfolge erzielen kann.

Beliebt beim Volk und beim Adel

Seine Eroberungen, besonders auch beim weiblichen Geschlecht, sein Intellekt und sein Witz machen ihn zu einem beliebten Gast in den Gesellschaften, und nur selten gibt es Anfeindungen wegen seiner Hautfarbe. Als die Französische Revolution ausbricht, ist er gerade nicht in Paris, sondern in London, bekam 1792 aber ein eigenes Kommando mit 1000 Soldaten aus den Kolonien, das also nur aus Schwarzen bestand, eine Information, die vielen Lesern unbekannt sein dürfte und somit wie viele weitere Begebenheiten die Lektüre des Romans lohnen.

Joseph setzte sich auch in Guadeloupe für die Befreiung von Sklaven ein. Als Landbesitzer dort konnte er es sich erlauben, die dortigen weißen Farmer aufzufordern, die Sklaven aus der Sklaverei zu entlassen und fortan als normale bezahlte Arbeiter zu beschäftigen. Natürlich braucht er die Unterstützung des Gouverneurs zur Durchsetzung dieser Forderung, die als Aussenaspekt der Revolution auf dem Kontinent unterstützt wird und daher erstmal abschätzig betrachtet wird. Frankreich ist weit weg, aber immer öfter kommen solche Nachrichten auf die Inselgruppe in der Karibik.

Politisch gegen die Sklaverei engagiert

Josephs Ansehen war sogar so groß, dass er in einer Freimaurerloge aufgenommen wurde. Sogar das Orchester wurde ihm dort als Dirigent anvertraut und er komponierte für sie und konnte auch hier einige Erfolge erzielen. Warum, fragt man sich als Leser, war ein als Schwarzer in einer Welt von Weißen so erfolgreich und beliebt, und seine Geschichte ist heute weitgehend unbekannt? Auch ist seine Musik in heutigen Konzertsälen nur selten zu hören.

Die Antwort wird man schuldig bleiben müssen. Jan Jacobs Mulder zeichnet durch seine Ich-Perspektive einen Roman aus der Sicht eben jenes Joseph, der vieles vielleicht auch nicht mitbekommen hat oder ignoriert hat. Er führt ein normales Leben und ist nur wenigen Ressentiments ausgesetzt, was wohl auch mit seinem Adelstitel und den damit verbundenen Privilegien zusammenhängt. Er ist ein netter Kerl, gegen den es nichts auszusetzen gibt, kann gut fechten, ist musisch begabt und irgendwie ein Kuriosum, mit dem man sich in der Gesellschaft gerne schmückt. Warum also sollte man etwas gegen ihn haben?

Dass trotzdem nicht alles eitel Sonnenschein ist in seinem Leben, hängt auch mit seiner Mutter zusammen. Diese wurde einst geschändet, und Joseph schwört, sich an ihren Peinigern zu rächen. Als herauskommt, dass einer dieser Männer ein Schwarzer ist, gerät sein Bild der Sklaverei ins Wanken. An der Sklaverei sind nicht nur die Weißen Schuld, sondern auch die Schwarzen in Afrika, die den Weißen die Menschen bringen. Hier wird er politisch und weiß diese Erkenntnisse auch auf Versammlungen in Frankreich und England zu nutzen, wo er eine Gesellschaft gegen die Sklaverei gründet, die aus Schwarzen und Weißen besteht.

Unbekannte Aspekte der Geschichte

Der Autor weiß den Leser in den Bann zu ziehen mit seinen Geschichten um Joseph Bologne, die teilweise klingen, als seien sie einem Roman entsprungen, und doch kann man, wenn man sich die Mühe machen möchte, diese Dinge in Biografien und Berichten nachverfolgen. Die ersten zwei Drittel des Buches sind wie ein Rausch, ein Blick in eine ferne exotische Welt, mit vielen kleinen Geschichten, die sich fröhlich weglesen lassen. Das letzte Drittel beschreibt die Zeit ab der Französischen Revolution und ist nicht mehr ganz so detailliert geschrieben, was teilweise schade ist, aber es muss auch nicht jede Schlacht und jede Überfahrt minutiös wiedergegeben werden.

Jan Jacobs Mulders Schreibstil ist leicht und gut zu lesen, ab und an gerät er ins philosophieren, was aber an den Stellen passt und Joseph und seine Zeit und sein Leben reflektieren lässt. Dass das Halbporträt eines Schwarzen auf dem Cover ist, ist schade, es gibt von Joseph gemalte Porträts, die man hätte benutzen können. Leider hat das Buch keinerlei Ergänzungen wie einen kurzen Lebenslauf, der dem Leser die Authentizität der Geschichte hätte widerspiegeln können. Immerhin hat der Verlag das Buch als Hardcover mit Lesebändchen herausgebracht und ihm so eine gewisse Wertschätzung verliehen. Warum der Untertitel „der schwarze Mozart“ heißt, kann nur erahnt werden, außer dass der Untertitel im niederländischen Original ebenfalls verwendet wird. Joseph und Mozart haben nur einmal kurz zusammen im selben Haus gewohnt, kannten sich sonst nicht, und Mozarts Ruhm überstrahlt noch heute die Musikgeschichte.

Fazit:

Der Roman erzählt eine bislang wenig bekannte Seite der Aufklärung aus der Sicht der Schwarzen. Es gibt viele Aspekte, die nachdenklich stimmen und die sich problemlos in die heutige Zeit übertragen lassen, allen voran: Wie unwichtig ist doch die Hautfarbe eines Menschen. Das allein macht den Roman für alle Hautfarben lesenswert und leider immer wieder tagesaktuell. Der Autor erzählt eine bisweilen spannende Lebensgeschichte, die nach hinten raus an Intensität nachlässt, was den größeren Zeitsprüngen geschuldet ist. Bleibt zu hoffen, dass sich gelegentlich mal eines seiner musikalischen Werke in ein Konzert verirrt. Empfehlenswert.

Joseph, der schwarze Mozart

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Letzte Kommentare:
21.09.2019 10:35:04
K.-G. Beck-Ewerhardy

Joseph Boulogne hatte einfach Glück. Glück, dass sein Vater zu den wenigen französischen Plantagenbesitzern gehörte, der Sklaverei nicht guthieß und der seine Pächter in der französi-schen Heimat immer gut zu behandeln pflegte. Glück, dass dieser Mann seine Sklavin Nonan sehr schätzte und als seine Frau ansah - obwohl er eigentlich schon verheiratet gewesen ist und es auch noch das ein oder andere Problem in ihrer Beziehung gegeben hat - und seinen Sohn von ihr dann wie einen weißen Sohn aufgezogen hat, mit all der Schulung, musikalischen Ausbildung und Training im Fechten, die damals dazu gehörten. So konnte der junge Joseph nicht nur seine vielfältigen Fähigkeiten gut entwickeln, sondern auch ein ausgeprägtes Selbstwertgefühl, das für ihn in der Folge sehr wichtig werden wird.

So ist Joseph, als er in das vorrevolutionäre Frankreich kommt, eine sehr ungewöhnliche Er-scheinung. Größer als die meisten seiner Zeitgenossen, ein Virtuose auf der Geige, mit guter Bildung und angenehmen Umgangsformen und ein gern gesehener Schaufechter. Schnell fin-det er sich in das Pariser Leben ein, obwohl er immer mal wieder rassistische Anfeindungen erlebt - und seine Reaktionen auch mal zu mörderischen Eskalationen führen können. Trotz-dem wird er nicht nur Leiter eines Orchesters, sondern auch Mitbegründer einer Gesellschaft zur Abschaffung der Sklaverei und Hofmarschall des Königs. Außerdem neigt er immer wie-der zu sehr öffentlichen Vorführungen von Athletik, die bei der Pariser Bevölkerung immer wieder Begeisterung hervorrufen. Dabei spielen vor allen Dingen Reiten und Wassersport eine große Rolle. Und auch die Frauen sind ihm überaus zugetan, was den jungen Mann, dessen Einführung in die Sexualität ziemlich „formal“ verlaufen ist, immer wieder mit interessanten Französinnen – und später auch Engländerinnen – zusammenbringt.

Während er auf Einladung des englischen Königs für einige Zeit in England ist um dort zu dirigieren und zu fechten, bricht in Frankreich die Revolution aus und weil die "Gewinner" zunächst die Plantagen mit ihren Sklaven erhalten wollen um den Aufbau der neuen Republik zu finanzieren, beginnt Joseph sich in diesem Bereich immer stärker zu engagieren - und führt sogar eine Kampftruppe in die Karibik um dort eine Sklavenrevolte zu unterstützen. Aber nicht, bevor er eine schwarze Sondereinheit im Krieg gegen die Österreicher geführt hat – eine Erfahrung, die ihn grundlegend traumatisiert.

Trotz seiner exaltierten Stellung muss sich Joseph immer wieder mit Rassismus auseinander-setzen – und auch mit der Frage seiner Herkunft, die sehr stark durch den Sklavenhandel und rassistische Anwürfe geprägt ist, weswegen er sich auch noch auf eine Art Rachefeldzug be-geben muss, der sein Handeln über Jahre hinaus bestimmen soll.

Eine sehr interessante Geschichte über einen Menschen, den die Geschichtsschreibung über-sehen zu haben scheint. Erzählt in der Ich-Form wirkt die Erzählung allerdings gelegentlich ein wenig sprunghaft - insbesondere zwischen den Themen, die den Erzähler bewegen. Das macht die Identifikation mit diesem Ausnahmegenie ein wenig schwierig - aber wer kann sich schon wirklich mit einem Genie identifizieren? Die Sprunghaftigkeit ist sicherlich auch durch den erzählerischen Rahmen gegeben, denn Joseph erzählt diese Geschichte kurz vor dem Ende seines Lebens, während er mit einem brandigen Bein auf dem Krankenbett liegt und hier gewissermaßen eine Art Bilanz seines Lebens abgibt – und Bilanzen lesen sich eben nicht durchgängig spannend. Trotzdem ein Buch, das man sich nicht entgehen lassen sollte.