Der Jude, der Nazi und seine Mörderin

Erschienen: Mai 2018

Bibliographische Angaben

  • Emons, 2018, Titel: 'Der Jude, der Nazi und seine Mörderion', Originalausgabe

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Tobias Bollmeyer
Ein Roman von beeindruckender historischer Präzision, der unter die Haut geht

Buch-Rezension von Tobias Bollmeyer Apr 2020

"Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch." Dieses berühmte Zitat des legendären Philosophen und Soziologen Theodor W. Adorno drückt seit jeher die Schwierigkeiten aus, die mit dem Versuch verbunden sind, den singulären Zivilisationsbruch des Holocaust und die historischen Rahmenbedingungen, unter denen er sich vollzog, literarisch zu verarbeiten. Auch knapp 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hat diese Thematik nichts von ihrer Aktualität verloren.  Die einen werfen den Autoren vor, die Geschichte zu verfälschen und in unzulässiger Weise zu emotionalisieren, die anderen loben gerade diese literarisch-künstlerische Herangehensweise, die dann notwendigerweise nicht bloß historische Fakten wiedergibt, sondern auch fiktionale Elemente enthält, die der Leserin oder dem Leser den Zugang zu diesem schwierigen Thema möglicherweise erleichtern.

Vier Hauptfiguren – eine Geschichte

In diesem Spannungsfeld zwischen Faktentreue einerseits und literarisch-ästhetisch bedingter Fiktionalität andererseits steht auch Paul Kohls historischer Roman "Der Jude, der Nazi und seine Mörderin". Er erzählt die Geschichte von vier Hauptfiguren mit völlig unterschiedlichen Biografien, deren Schicksale sich im von den Nazis besetzten Minsk Anfang der 1940er-Jahre kreuzen und letztendlich auch dort entscheiden. "Der Jude", das ist der fiktive Charakter Gustav Heimann, der zusammen mit seiner Frau Gertrud im Berlin der "goldenen Zwanziger" eine florierende Buchhandlung für ambitionierte Literatur betreibt. Joachim Ringelnatz, Alfred Döblin, Paul Hindemith, Emil Nolde - sie alle gehen in seiner Buchhandlung ein und aus. Dass die Heimanns Juden sind, interessiert weder sie selbst noch ihre Kundschaft. Mit der Machtergreifung der Nazis ändert sich ihr Leben schlagartig: Viele Intellektuelle wandern aus, ihre Bücher werden verbrannt, wichtige Kunden gehen verloren, die Heimanns müssen gezwungenermaßen Propagandaschriften von Hitler, Goebbels etc. verkaufen, in der Reichspogromnacht wird ihr Geschäft zerstört, bald darauf müssen sie es komplett aufgeben und verkaufen, ebenso ihre Wohnung, bevor sie dann zusammen mit anderen Berliner Juden zum "Arbeitseinsatz im Osten" (S. 138) deportiert werden.

Der "Osten", das ist in diesem Fall Minsk, die Hauptstadt Weißrusslands, die seit 1941 von den Deutschen besetzt ist. Hier herrscht "der Nazi" Wilhelm Kube als Generalkommissar, ein skrupelloser Rassist und Massenmörder, der willkürlich Menschen erschießen lässt, die er des Widerstands verdächtigt und regelmäßig sogenannte "Säuberungsaktionen" in einem der größten jüdischen Ghettos Europas durchführen lässt, auch wenn er der systematischen Judenvernichtung zunächst skeptisch bis ablehnend gegenübersteht. Verheiratet ist er mit Anita Kube, einer Schauspielerin, die einer großbürgerlichen, gleichwohl sozialdemokratisch geprägten Familie entstammt, weshalb ihre Liebe zu dem Antisemiten und Nazi Wilhelm Kube zu nicht unbeträchtlichen innerfamiliären Spannungen führt. Dessen "Mörderin" ist Jelena Masanik, eine junge Weißrussin, die aus ärmsten Verhältnissen stammt und nichts anderes will, als sich in Minsk eine sichere Zukunft aufzubauen und dabei zwischen die Fronten von Kommunismus und Sowjetdiktatur einerseits, Nationalsozialismus und Rassenwahn andererseits gerät.

Beruhend auf wahren Begebenheiten

Die Handlung des Romans beruht auf wahren Begebenheiten, wie es bereits auf der Titelklappe steht. Mit Ausnahme der Familie Heimann, die der Fantasie des Autors entsprungen ist, hat es die Protagonisten tatsächlich gegeben. Es stellt also eine besondere Herausforderung dar, die Lebensgeschichten dieser Menschen so darzustellen, dass die historische Faktentreue gewahrt wird, aber dennoch ein erzählerischer Spannungsbogen entsteht, der die Leserinnen und Leser motiviert, den unterschiedlichen, teilweise sehr komplexen Handlungssträngen beständig zu folgen. Paul Kohl wird dieser Herausforderung mehr als gerecht. Geschickt führt er die einzelnen Figuren in die Romanhandlung ein, angefangen bei ihrer Kindheit und Jugendzeit. In einer Art Parallelmontage werden die höchst unterschiedlichen familiären und gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Gustav, Wilhelm, Anita und Jelena aufwachsen, geschildert. Freilich erkennt man als Leser nicht von Anfang an, dass und in welcher Weise sich die Lebenswege dieser Figuren einmal kreuzen werden, aber man kann bereits auf den ersten Seiten erahnen, dass sie später etwas miteinander zu tun haben werden: Die einen werden zu Tätern, die anderen zu Opfern. Die abwechselnde Fokussierung auf jeweils einen der Protagonisten wird während des gesamten Romans konsequent beibehalten, sodass man auch gedanklich immer "am Ball bleiben" und sich gut an die letzte geschilderte Sequenz erinnern muss.

Detailschilderungen

Paul Kohl schildert diese Ereignisse und die immer bedrohlicher werdenden Schicksalsschläge insbesondere der Familie Heimann in einem sachlich-nüchternen, beinahe dokumentarischen Stil. Bemerkenswert ist dabei die Präzision, mit der der Autor auch scheinbare Details beschreibt, die aber die ganze Monstrosität und beängstigende Professionalität des NS-Vernichtungsapparates veranschaulichen. So war die Deportation der Juden "[f]ür die Reichsbahn [...] ein normaler Geschäftsvorgang. Anstelle des üblichen Tarifs dritte Klasse gewährt sie den ermäßigten Preis für Gruppenreisen. Pro Person und Kilometer vier Pfennige. Das macht pro Person fünfzig Mark, die sie laut Vorschrift mitbringen mussten" (S. 143). Diese Detailschilderungen, die man trotz ihrer scheinbaren Eindeutigkeit mehrmals lesen muss, um ihre tatsächliche Bedeutung zu erfassen, bewirken, dass jede künstliche Emotionalisierung, die nur darauf abzielt, beim Leser Mitleid mit den Figuren zu erzeugen, überflüssig wird. Kohl lässt allein die historischen Fakten sprechen, und die Fakten sprechen für sich. Gleiches gilt für die Beschreibung der katastrophalen Lebensverhältnisse im Minsker Ghetto und der Vernichtungspraktiken der deutschen Besatzer. Es sind Schilderungen, die selbst historisch kundige Leser schockiert und fassungslos zurücklassen, gerade weil sie auf jede emotionale Ausschmückung verzichten. Paul Kohl macht es seinem Lesepublikum also nicht leicht, aber für leichte Unterhaltungsliteratur ist dieses Thema freilich ohnehin nicht geeignet.

Nüchterner Schreibstil

An einigen Stellen stößt der nüchterne Dokumentarstil des Autors an erzählerische Grenzen. So würde man über so manche interessante Nebenfigur gerne noch etwas mehr erfahren, beispielsweise über den jungen sowjetischen Widerstandskämpfer, der als Filmvorführer in einem Minsker Kino arbeitet. Auch Kubes plötzliche Eingebung, dass es vielleicht doch keine so gute Idee ist, die gesamte Minsker Zivilbevölkerung auszulöschen, die zu seiner Vorstellung einer autonomen "weißruthenischen Provinz", freilich unter seiner Führung und unter dem ideologischen und politisch-organisatorischen Dach eines nationalsozialistischen "Großdeutschen Reiches" führt, wird nur sehr schemenhaft skizziert. Ohnehin bewegt sich der Autor ständig auf dem sehr schmalen Grat zwischen distanzierter Dokumentation einerseits und der Schilderung des Innenlebens der Figuren andererseits, was auch der gewählten allwissenden Erzählperspektive geschuldet ist. Das bedeutet aber, dass der Erzähler auch die Gefühle und Gedanken des Massenmörders Wilhelm Kube zumindest ansatzweise wiedergeben und dem Leser nahebringen muss.

Fazit:

Paul Kohls Roman einen wertvollen Beitrag zur Aufklärung über dieses dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte dar, das niemals in Vergessenheit geraten darf, sondern stets aufs Neue - auch literarisch - be- und verarbeitet werden muss. Ein Roman "zum Mitdenken".

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