Revolution im Herzen

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • Droemer-Knaur, 2018, Titel: 'Revolution im Herzen. Die heimliche Liebe des Karl Marx', Originalausgabe

Couch-Wertung:

63
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Yvonne Schulze
Haushälterin, Freundin und Geliebte - die Geschichte eines Dienstmädchens

Rezension von Yvonne Schulze Apr 2018

2018 jährte sich der Geburtstag von Karl Marx zum 200. Mal. Die Autorinnen Claudia und Nadja Beinert nahmen dies zum Anlass, wieder einen thematisch passenden historischen Roman zu veröffentlichen. Im Reformationsjahr 2017 war es Margarethe Luther, die Mutter des Reformators Martin Luther, aus deren Perspektive ein sehr familiärer Blick auf den großen Reformator geworfen wurde. Hier ist es nun Helene Demuth, Dienstmädchen und guter Geist im Haushalt von Jenny und Karl Marx, die zur Protagonistin erhoben und aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird.

Helene Demuth, Lenchen genannt, ist eine in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene Bauerntochter. Nach dem frühen Tod ihres Vaters geht sie nach Trier und landet als Dienstmädchen im herrschaftlichen Haushalt der von Westphalens, wo sie die Freundin der Tochter Jenny wird und dem jungen Karl Marx begegnet. Nach der Heirat von Karl und Jenny folgt Helene den beiden nach Paris, Brüssel und London, sie wird zur unschätzbaren Stütze der Familie, erlebt Marx ambitionierten politischen Kampf um eine gerechtere Welt und sie wird Zeugin des gesellschaftlichen Abstiegs der Familie. Doch Lenchen ist der Fels in der Brandung, an den sich alle klammern und vor der sogar der große Marx kuscht. Sie hält das wenige Geld zusammen und hat einen besonderen Draht zu den Kindern. Lenchen ist politisch interessiert und begeistert von Marx kommunistischen Ideen und wird selbst eine glühende Verfechterin. Sie verliebt sich in ihren Dienstherren und beginnt eine Affäre mit ihm, aus der ein uneheliches Kind hervorgeht. Soweit die Romanhandlung und das Bild, das die Autorinnen von Helene Demuth zeichnen.

Liebesgeflüster und politische Phrasen

Die reale Helene Demuth hatte zwar tatsächlich einen unehelichen Sohn, der wahrscheinlich einer Liaison mit Marx entstammte, jedoch hat Marx die Vaterschaft nie anerkannt. Hier setzen nun die Autorinnen an und entwickeln ihre eigene Theorie. Wie Klappentext, Titel und Untertitel schon vermuten lassen, wird der mutmaßlichen Liebesbeziehung zwischen Marx und Lenchen viel Raum gegeben. Das muss jedem Leser von Vornherein bewusst sein.

Helene Demuth wird von Zeitzeugen als guter Geist des Hauses Marx beschrieben, die resolut das Regiment geführt hat und absolut loyal war, die sich hingebungsvoll um das Wohl der Familie kümmerte und sie vor völliger Verarmung bewahrte. Dass Helene auch sehr intelligent und politisch ambitioniert war, wie die Autorinnen es darstellen, gehört dann aber wohl eher ins Reich der Fantasie, zumal die Autorinnen das auch nicht glaubhaft vermitteln können. Lenchens Entwicklung vom ungebildeten Bauernkind zur politisch ambitionierten Frau, die mühelos mehrere Sprachen spricht, geschieht wie nebenbei und ist bei einer Frau, die den Großteil ihrer Zeit mit Hausarbeit und Kindererziehung verbringt, eher unwahrscheinlich. Die Romanfigur Helene Demuth bleibt über weite Strecken blass und konturlos wie übrigens alle hier auftretenden Personen.

Die Handlung konzentriert sich hauptsächlich auf Lenchens Pflichten als Haushälterin und ihre romantischen Gefühle für Marx. Marx selbst sitzt die meiste Zeit am Schreibtisch und politisiert. Viele, an Zitate aus den Werken von Marx und Engels erinnernde Textpassagen fließen in die Handlung ein. Sie wirken wie Fremdkörper in der Erzählung, weil es den Autorinnen nicht gelingt, sie in den Kontext der gesellschaftlichen Verhältnisse jener Zeit zu stellen. Die Probleme der Industrialisierung, die Entstehung der Arbeiterklasse, die bittere Armut und Ungerechtigkeit, die weit auseinander klaffende Schere zwischen Arm und Reich spielen nur eine Statistenrolle und kommen kaum zum Tragen.  

Stilistische Defizite

Der Roman gliedert sich in sechs Teile, denen jeweils ein fiktiver Liebesbrief Lenchens an Karl Marx vorangestellt wird. Wie die Charaktere, so bewegt sich auch die Handlung nur an der Oberfläche und geht nicht in die Tiefe. Es gibt einige Längen, weil es dem Roman nicht nur an Spannung fehlt. Es häufen sich Redundanzen, weil immer wieder die gleichen Abläufe beschrieben werden. Lenchens Schachbesessenheit nimmt in detailfreudiger Schilderung weite Teile der Handlung ein, genauso ihre Vorliebe für Kautabak, den sie oft und gerne genießt, wobei der Leser genauestens über die Qualitätsmerkmale und Beschaffenheit des Tabaks und Lenchens Rauscherlebnisse informiert wird. Banales Füllmaterial, das die Handlung nur künstlich aufbläst, aber kaum zu ihrer Entwicklung beiträgt.  

Der Sprachstil ist eher schlicht gehalten und mit reichlich pilcheresker Herz-Schmerz-Prosa durchzogen, besonders dann, wenn sich Lenchen auf enervierende Art ständig nach Marx und später nach ihrem Sohn verzehrt. Es hätte der Geschichte gut getan, wenn die Autorinnen hier etwas weniger dick aufgetragen hätten.

Ein großes Ärgernis ist das gehäufte Auftreten von Anglizismen. Überdies werden komplette Sätze in englischer Sprache verfasst, nur um sie dann im nachfolgenden Satz wieder ins Deutsche zu übersetzen. Doppelungen, die nicht sein müssen und ebenfalls den faden Beigeschmack von Füllmaterial haben. Sicherlich waren die Marxens in London zweisprachig unterwegs, dass die Autorinnen Zweisprachigkeit als erzählerisches Stilmittel einsetzen, geht hier aber leider komplett nach hinten los.

Unterm Strich gesehen ist dieser Roman eine mit politischen Phrasen durchzogene Herz-Schmerz-Geschichte für Romantikerinnen, die einen reichlich weichgezeichneten Blick auf Karl Marx und die Seinen wirft, auch wenn man dem Roman einen gewissen Unterhaltungswert nicht absprechen kann. Hier wäre aber viel mehr drin gewesen, wenn die Autorinnen die Prioritäten anders gewichtet hätten. Aber so, wie sie die Geschichte umgesetzt haben, wurde jede Menge Potential verschenkt und sie sind damit weder den historischen Figuren noch den gesellschaftlichen Verhältnissen jener Zeit wirklich gerecht geworden.  

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