Die geliehene Schuld

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • Diana, 2018, Titel: 'Die geliehene Schuld', Originalausgabe

Couch-Wertung:

85
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Rita Dell'Agnese
Wenn plötzlich nichts mehr ist, wie es schien

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Mär 2018

Vera Lessing arbeitet in der Redaktion des "Echo" in Berlin für den Kulturteil. Obwohl der Zweite Weltkrieg schon vier Jahre vorüber ist, wirken die schrecklichen Kriegsjahre noch nach. Auch, weil Vera im Krieg nicht nur ihre Eltern, sondern auch ihren Ehemann verloren hat. Halt gibt ihr unter anderem ihr Jugendfreund Jonathan, der wie sie beim "Echo" arbeitet. Als Jonathan von einer Recherchereise nicht mehr zurückkehrt, ahnt Vera sofort, dass sein Tod nicht einfach nur ein tragischer Unfall mit Fahrerflucht war. Bestärkt wird sie in ihrem Gefühl durch einen Packen Unterlagen, den Jonathan nur wenige Augenblicke vor seinem Tod per Post an sie schickte. Ohne jemanden einzuweihen, beginnt Vera zu recherchieren. Sie greift dabei auf die Hinweise zurück, die sie von Jonathan erhalten hat. Zudem nimmt Vera Kontakt zu einer jungen Frau auf, die für Jonathan zunehmend wichtig geworden war: Marie Weissenburg arbeitet in Bonn als Sekretärin für den aufstrebenden Politiker Konrad Adenauer. Die intelligente junge Frau beginnt je länger desto mehr, Fragen zu stellen. Zum Missfallen ihrer Mutter und ihrer beiden Brüder will sich Marie auch mit der Rolle ihres eigenen, im Krieg gefallenen Vaters auseinandersetzen, der vor seinem Eintritt in die Arme im Reichssicherheitshauptamt gearbeitet hatte. Als einem guten Freund der Familie in Nürnberg der Prozess gemacht wird, erkennt Marie, dass ihre Fragen dem Stich in ein Wespennest gleichen. Während Vera bei ihren Recherchen in die Kreise des Geheimdienstes vorstößt und in akute Gefahr gerät, deckt Marie nach und nach die Rolle ihres eigenen Umfeldes bei der Vernichtung von Millionen von Menschen auf.

Vielfältige Kombinationen

Claire Winter greift in ihrem Roman Die geliehene Schuld einen interessanten Aspekt auf: Das langsame Erkennen eines jungen Menschens, was die tatsächliche Stellung ihres geliebten Vaters im Gefüge der Kriegsmaschinerie anbelangt. Es ist einer der stärksten Aspekte, die der Roman zu bieten hat. Die Fragen, das erste Begreifen, die Fassungslosigkeit und auch die Enttäuschung, die Marie durchlebt, sind ausgezeichnet heraus gearbeitet und präsentiert. Hier mag man der Autorin auch verzeihen, dass sie der Versuchung nicht widerstehen konnte, Marie ausgerechnet in Kontakt mit einer aus Amerika zurückgekehrten Jüdin zu bringen, die zur engen Freundin wird. Diese Konstellation scheint etwas aufgesetzt, und wäre angesichts der Fülle des Romans nicht unbedingt notwendig gewesen. Auch Veras Kontakte scheinen da und dort etwas zu stark dem Wunsch entsprungen, zusätzliche Spannung in den Roman zu bringen. Die vielfältigen Kombinationen haben zwar etwas an sich, Claire Winter bewegt sich aber dicht am Abgrund.

Ein Roman in kleinen Happen

Um ihre Geschichte zu erzählen, hüpft die Autorin intensiv zwischen den Charakteren und den verschiedenen Zeitpunkten hin und her. Obwohl stets klar ist, wo sich der Leser gerade bewegt, sind die Sprünge manchmal etwas anstrengend und hemmen den Lesefluss. Die verschiedenen Schauplätze werden oft in so kleinen Happen serviert, dass es schwierig wird, sich in die jeweilige Situation zu vertiefen, bevor man unvermittelt wieder in eine andere Zeit und zu anderen Menschen katapultiert wird. Dass die Zeitenebenen alle innerhalb weniger Monate liegen, macht die Sache schwer zu fassen und fordert vom Leser das stetige Bewusstsein ein, an welchem Punkt der Geschichte man sich gerade befindet. Die teilweise sehr kleinen Sequenzen drücken auch etwas auf den Spannungsbogen.

Lehrreich aber nicht belehrend

Mit ihrem Roman vermittelt Claire Winter ein Wissen, das gerade den weit nach dem Krieg geborenen Generationen weitgehend fehlt. Die Autorin spiegelt eine Welt, in der durch das Kriegsende nicht plötzlich alles ganz anders ist: Die Zimmerwirtin mit ihrer latenten Judenfeindlichkeit ist ebenso symptomatisch, wie Maries Brüder, die auf die Nachfragen ihrer Schwester mit Aggression reagieren und ihr vorwerfen, das Andenken ihres Vaters in den Schmutz zu ziehen. Trotz vieler negativer Aspekte zeigt der Roman aber auch die Kraft der Menschen in den Nachkriegsjahren auf, die damit beginnen, neben den Trümmern auch ihre Geschichte aufzuarbeiten. Oder sich ihrer Verantwortung zu entziehen, indem sie sich nicht mehr zu ihren ehemaligen Taten bekennen. Insofern ist Die geliehene Schuld nicht nur eine spannende und in angenehmer Sprache erzählte Geschichte, sie ist auch lehrreich, ohne je belehrend zu wirken.

Die geliehene Schuld

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