Der Mann, der nicht mitspielt. Hollywood 1921

Erschienen: Februar 2018

Bibliographische Angaben

  • Kiepenheuer & Witsch, 2018, Titel: 'Der Mann, der nicht mitspielt. Hollywood 1921', Originalausgabe

Couch-Wertung:

90
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Carsten Jaehner
Verbrechen im Sündenpfuhl Hollywood

Rezension von Carsten Jaehner Jun 2019

Hollywood, 1921. Die Maschinerie der Filmfabrik kommt allmählich in Gang, vor allem Komödien werden in kurzer Zeit abgedreht. Es ist noch die Zeit des Stummfilms, die Filme sind in schwarz-weiss und der ungekrönte König der Industrie ist Roscoe „Fatty“ Arbuckle, so beleibt wie beliebt. Hardy Engel hingegen ist ein deutscher Einwanderer, der eigentlich Schauspieler werden wollte, nach nur ein paar Auftritten aber als Privatermittler sein Glück sucht. Eines Tages bekommt er von der gutaussehnden Rothaarigen Pepper Murphy den Auftrag, ihre Mitbewohnerin Virginia Rappe zu finden. Fast zeitgleich erhält er den Auftrag von einem Freund, nach San Francisco zu fahren und dort auf einer Party in einem Hotel ein Päckchen an Fatty Arbuckle abzuliefern. In dem Päckchen befindet sich – wie zu erwarten war – Kokain, aber der Auftrag bringt dringend benötigtes Geld, und so macht sich Hardy auf den Weg.

Als Hardy schließlich ordnungsgemäß sein Päckchen abliefert, findet er im selben Zimmer die von ihm ebenfalls gesuchte Virginia, jedoch in einem erwartungsgemäß desolaten Zustand. Ein paar Stunden später stirbt sie im Hotel, und der Skandal um Arbuckles Party und ihn als potenziellen Mörder zieht seine Kreise in Hollywood und droht nicht nur ein Studio, sondern die ganze Filmindustrie in die Katastrophe zu ziehen. Hardy, dessen beide Aufträge eigentlich erledigt zu sein schienen, merkt, dass einiges an der Geschichte nicht stimmt und ermittelt weiter und gerät dabei zwischen die Filmstudios und muss nicht nur um sein eigenes Leben fürchten.

Spannender Einblick in einen realen Fall

Mit seinem Erstlingswerk „Der Mann, der nicht mitspielt“ beginnt Autor Christof Weigold eine Reihe um Krimis aus dem frühen Hollywood, den 1920er Jahren. Dabei bedient sich Weigold, selbst als Drehbuchautor tätig, tatsächlich realen Fällen aus dem alten Hollywood, und so beruht auch der Fall von Fatty Arbuckle auf wahren Begebenheiten, wurde aber nie vollständig aufgeklärt.

Daher schickt der Autor seinen Protagonisten Hardy Engel ins Rennen, der mehr oder weniger zufällig in die Maschinerie Hollywoods gerät und schnell merkt, dass die sogenannte Traumfabrik doch eher ein Sündenpfuhl und daher eher eine Albtraumfabrik ist. Die Studios rivalisieren bis aufs Messer (gerne wörtlich zu nehmen) gegeneinander, jeder hat was mit jedem, Sex und Drugs bestimmen die Filmwelt von Morgen. Dies wird vom Autor hervorragend und treffend dargestellt, und anhand der vielen auftauchenden Figuren, von denen man vielleicht schon einmal gehört hat, kann man ermessen, wie akribisch der Autor recherchiert hat. Leider fehlt dem Roman jeglicher Anhang, in dem der Autor Fiktion und Wahrheit hätte voneinander unterscheiden können, was für den geneigten und filminteressierten Leser bestimmt interessant gewesen wäre.

„Ganz Hollywood ist ein kulturloses stinkendes Loch …!“

Dennoch entwickelt sich der Plot schon schlimm genug. Wenn es nicht so passiert wäre, hätte man es sich nicht besser ausdenken können. Hardy Engel gerät mit seinen Ermittlungen schnell an Grenzen, die er besser nicht überschritten hätte. Als neuer Sicherheitschef der Universal Studios, von Direktor Carl Laemmle persönlich eingestellt, mit Sekretärin (zufällig die rothaarige Pepper), Firmenwagen und viel Geld auf dem Spesenkonto ausgestattet, geht er zu einem Treffen der Sicherheitschefs aller Studios, wo natürlich der Gerichtsprozeß um Fatty Arbuckle Thema Nummer eins ist.

Wer am Ende wen deckt, wer tatsächlich Schuld ist am Tod von Virginia Rappe, das erfordert einen langen Atem, sowohl beim Ermittler als auch beim Leser. Es gibt immer wieder Momente, da könnte eigentlich der Roman zu Ende sein, aber der Autor findet noch einen Aspekt, ohne dessen Aufklärung sein Protagonist nicht aufhören darf, den der Leser aber inzwischen vergessen hat. Hardy Engel muss einiges durchmachen, von Prügeleien bis Mordverdacht, wo ihm mehrere Todesfälle in die Schuhe geschoben werden sollen, und er kann sich nie sicher sein, wer Freund ist und wer Feind. Das schafft für viel Unruhe im Roman, der Leser hat nur wenige Momente, an denen er durchatmen kann.

Die Abgründe der frühen Filmindustrie

Dem Autor gelingt trotzdem ein Einblick in die Anfänge von Hollywoods Traumfabrik, als Moral noch ein Fremdwort war und sich erst aufgrund des Falls von Fatty Arbuckle gewisse Standarts und Umgangsformen untereinander, zudem einem gewissen Erscheinungsbild nach Aussen, entwickelten und später etablierten. Interessant sind die Einblicke in Dreharbeiten und Geschacher untereinander, und man bekommt tatsächlich Lust, sich auf die Suche nach den Filmen aus dieser Zeit zu machen und sich ein eigenes Bild zu machen.

Fazit:

Christof Weigolds Debütroman „Der Mann, der nicht mitspielt“ ist ein gelungener Beitrag zur frühen Filmgeschichte Hollywoods, als der Stummfilm noch die Leinwände beherrschte und die heute bekannten Filmstudios noch in den Kinderschuhen steckten. Der Fall um Fatty Arbuckle beruht auf wahren Begebenheiten und dient dem Autor als spannende Geschichte, für die er eine nachvollziehbare Lösung anbietet. Der Roman ist mit viel Tempo geschrieben und fordert dem Leser einiges an Konzentration ab, dann aber wird er sich über dein Einblick in den frühen Sündenpfuhl der Filmgeschichte freuen. Und das Auftauchen des einen oder anderen auch heute noch Prominenten sorgt für schöne Effekte. Bleibt zu hoffen, dass Weigold in weiteren Fällen für Hardy Engel dieses spannende Niveau halten kann. Vorlagen gibt das reale Leben in Hollywood genug.

Der Mann, der nicht mitspielt. Hollywood 1921

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