Stolpersteine

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • , 2015, Titel: 'Stolpersteine', Originalausgabe

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Annette Gloser
Aus dem Leben eines Taugenichts

Buch-Rezension von Annette Gloser Jan 2018

Im Jahr 2007 fragt Autorin Anja Hellfritzsch wieder einmal vergeblich nach ihrem Urgroßvater. Nur mit Mühe kann sie ihrem Vater ein paar lückenhafte Auskünfte entlocken. Aber der Vater weiß einfach nicht mehr. Sein Großvater ist das schwarze Schaf der Familie, der Mann, über den man nicht spricht. Ein Hallodri war er, ist im Krieg sogar verhaftet worden, hat die Großmutter nie geheiratet und keinen Unterhalt gezahlt, so einer war das! Neugierig geworden, beschließt die Autorin, sich auf Spurensuche zu machen und über ihren Urgroßvater zu recherchieren. Dabei stößt sie auf viele Überraschungen, findet neue Verwandte und eine Lebensgeschichte, die keineswegs auf einen Taugenichts hindeutet. Bis weit zurück an den Anfang des 20. Jahrhunderts führen die Familienrecherchen, nach München, nach Wien und in die thüringische Industriestadt Gera. Anja Hellfritzsch gelingt es, das Leben ihres Urgroßvaters bis zu seinem Tod 1945 zu verfolgen. Und sie stellt fest, dass dies ein Leben ist, von dem man berichten und über das man sprechen sollte.

Schwierige Recherche

Stolpersteine ist ein Roman mit dokumentarischen Zügen. Die Autorin lässt ihre Leser teilhaben an der schwierigen Recherche, an der Freude, wenn scheinbare Sackgassen plötzlich doch neue Wege eröffnen, und auch an der Enttäuschung, wenn Vielversprechendes sich plötzlich doch als Endstation erweist. So hat man als Leser Teil an der Erforschung eines Lebens, und das ist eine wirklich spannende Angelegenheit. Interessant ist auch, wie der anfängliche Widerwille der Familie sich dann doch zu Anteilnahme und regem Interesse wandelt. Die Geschichte eines Mannes, von dem der Enkel nur so ungefähr den Namen weiß, entsteht vor den Augen des Lesers und ein schwacher Schemen bekommt langsam Konturen, bekommt Farbe und schließlich sogar ein Gesicht, das man auf dem Cover des Romans und am Ende, nach dem Epilog, bewundern kann.

Letztendlich wird der Roman auch zur Auseinandersetzung mit eigenen Vorurteilen, denn was Anja Hellfritzsch da über ihren Urgroßvater herausfindet, ist so ganz anders als die bösen Geschichten, die hinter vorgehaltener Hand in der Familie erzählt werden. Dabei wird man als Leser auch mit einer Lebensgeschichte konfrontiert, die direkt betroffen ist von all den Katastrophen und politischen Problemen, die die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts den Menschen in Deutschland zumutete. Und viele der Details, die Anja Hellfritzsch herausfand, lösen Empörung aus und rufen den Gerechtigkeitssinn des Lesers auf den Plan. Interessant allerdings auch, wie tiefe Spuren die Nazi-Ideologie in diesem Land hinterlassen hat, denn selbst so offene Menschen wie Anja Hellfritzsch und ihr Vater rechnen ihr "Jüdischsein" nach den Regeln der Nürnberger Gesetze aus.

Fakten und Phantasie

Natürlich handelt es sich um einen Roman und allein die gefundenen Daten und Fakten reichen hier nicht aus. Die Autorin war über weite Strecken auch auf ihre Phantasie angewiesen, um die Geschichte mit Leben zu füllen. Nirgends wird sie einen Bericht darüber gefunden haben, wie die Familie Rubin ihre Ausreise diskutierte oder wie Anna auf die Ablehnung des Ehetauglichkeitszeugnisses  reagierte. Anja Hellfritzsch hat die Lücken zwischen den Dokumenten sensibel und mit viel Fingerspitzengefühl gefüllt, hat den Menschen, um die es hier geht, ihre Gedanken und ihren Charakter gegeben. So bekommt man als Leser einen sehr tiefen Einblick in das Leben der Familie, erhält eine Vorstellung davon, wie es damals gewesen sein könnte. Dabei entsteht sehr viel Nähe zum Leser, verbunden mit einer starken Authentizität. Die Autorin berichtet von ihren eigenen Gefühlen und sorgt dafür, dass der Leser diese bei der Lektüre des folgenden Kapitels nachvollziehen und selbst spüren kann.

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen, eigentlich sogar auf drei. Natürlich die moderne Zeit, in der die Recherchen stattfinden. Und dann eben zwei historische Ebenen, die beide praktisch parallel verlaufen, einmal in München und Gera, und einmal in Wien. Für den Leser ist das problemlos zu überschauen, da jedes Kapitel mit einer Orts- und Zeitangabe gekennzeichnet ist.

Mehr als eine Familiengeschichte

Stolpersteine ist ein Roman, der ein Schlaglicht auf das Leben ganz normaler und sehr armer Menschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland wirft. Die hier aufgeschriebene Familiengeschichte steht vielleicht stellvertretend für viele andere in diesem Land. Die Botschaft ist eindeutig: Nachfragen, nicht als gegeben hinnehmen. Hier wird die Geschichte eines Mannes erzählt, der selbst von der eigenen Familie fast vergessen worden wäre. Dabei ist er durchaus nicht das schwarze Schaf, als das ihn Sohn und Enkel jahrelang gesehen haben. Seine Geschichte zu hinterfragen, sie zu erzählen, das ist ein großartige Sache und ein lesenswerter Roman.

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