Lieber tot als Sklave

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • Wellhöfer, 2017, Titel: 'Lieber tot als Sklave: Die letzte Fahrt des Amrumer Kapitäns Hark Nickelsen', Originalausgabe

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Birgit Stöckel
Von Seefahrern, Intrigen, Sklavenhandel und fremden Welten

Buch-Rezension von Birgit Stöckel Okt 2017

Kapitän Hark Nickelsen ist eine schillernde und faszinierende Persönlichkeit. Der Amrumer Seefahrer hat am eigenen Leib erlebt, wie sich Sklaverei anfühlt, als er in algerische Gefangenschaft geriet. Trotzdem führt er ein Sklavenschiff, dessen Fahrt einer Katastrophe gleicht. Obwohl ihm die Erinnerungen zusetzen, sieht er sich gezwungen, 1746 erneut das Kommando über ein Sklavenschiff zu übernehmen. Die "Vesuvius" gehört der dänischen Westindien-Guinea-Kompanie und Nickelsen hofft, auf dieser Fahrt an den offiziellen Büchern vorbei Geschäfte auf eigene Rechnung machen zu können, so dass er sich danach zur Ruhe setzen kann.

Doch das gestaltet sich als schwieriges Unterfangen. Nicht nur muss er sich von Bevollmächtigten der Westindien-Kompanie gängeln lassen, er hat auch mit seiner Mannschaft zu kämpfen, in deren Reihen es einige Aufrührer gibt, die den Offiziersrängen entstammen und ihm und seinen Getreuen das Leben an Bord so schwer wie möglich machen. Zudem werfen ihm die Einwohner Afrikas, die Bewohner der dänischen Kolonien und nicht zuletzt auch das Wetter mehr als nur einen Stein zwischen die Beine bzw. vor den Bug.

Am Anfang des Buchs ist Hark Nickelsen bereits ein alter Mann, von Krankheit gezeichnet, dessen Gewissen ihn plagt. Er vertraut seine Geschichte einem Freund, dem Pastor und seinem Neffen Lorenz an. Letzterer beschließt, die Ausführungen seines Onkels aufzuschreiben und sie so für die Nachwelt zu erhalten. Leser von Weinbörners vorherigem Roman Der General des Bey werden in ihm einen alten Bekannten erkennen, schließlich ist Lorenz Harken der Sohn des dortigen Protagonisten und beschäftigt sich auch dort mit Lebensaufzeichnungen.

Beschreibungen über Nickelsens eigene Sklavenzeit lässt Weinbörner aus, wer etwas darüber erfahren möchte, dem sei das oben genannte Buch Der General des Bey empfohlen. In Lieber tot als Sklave liegt das Hauptaugenmerk auf der letzten Fahrt von Hark Nickelsen, den Vorbereitungen und den allgegenwärtigen Schwierigkeiten auf See und an Land.

Fremde, exotische Welten und allzu bekannte Grausamkeiten

Wie schon in seinen vorherigen Romanen beweist Weinbörner seine Erzählkraft. Er lässt die Umgebung detailgenau vor den Augen seiner Leser auferstehen. Das Leben an Bord ist komplex, anstrengend, spannend und teilweise gefährlich. Die lange Flaute, die die "Vesuvius" heimsucht, zeigt eindringlich, wie eng Tod und Überleben beieinander liegen können, wenn die Überfahrt länger dauert als geplant und die Vorräte knapp werden.

Die bunte Welt der afrikanischen Westküste ist eine sehr faszinierende und farbenprächtige, die mit Weinbörners Worten klare Konturen gewinnt. Zusätzlich erlangt man Erkenntnisse über ein eher unbekanntes Thema: Die Rolle Dänemarks im Sklavenhandel. Die meisten der beteiligten Figuren sind selbstverständlich von der Überlegenheit der weißen Rasse überzeugt, eingeschlossen Nickelsen selbst - trotz oder gerade aufgrund seiner eigenen Erfahrungen mit der Sklaverei. Das führt in einigen gelungen und vor allem spannenden Szenen dazu, dass alle Beteiligten auf schmerzhafte Weise einen Spiegel vorgehalten bekommen.

Für Spannung sorgen zudem diverse Intrigen, die schon vor dem ersten Ablegen beginnen und sich durch das ganze Buch ziehen. Hier bekommt man auch einen guten Einblick in die teilweise martialischen Strafen, die Ungehorsam an Bord nach sich zieht, und zeitgleich in die Schwierigkeiten des Kapitäns, der auf erfahrene Seeleute angewiesen ist und daher Aufrührer nicht immer einfach im nächsten Hafen aussetzen kann.

Viel Außen-, wenig Inneneinsicht

Es dauert allerdings etwas, bis das Buch an Fahrt aufnimmt. Die Vorbereitungen, die Schwierigkeiten mit der Kompanie sowie die ersten intriganten Anwandlungen sind zwar durchaus interessant, doch es schleichen sich einige Längen ein, manches ist mühsam zu lesen, es werden viele Personen vorgestellt, da ist es nicht immer leicht, den Überblick zu behalten.

Zudem kommt der Gewissenskonflikt Nickelsens, den dieser sicherlich empfinden muss, etwas zu kurz. Zwar wird am Anfang des Romans deutlich, was der Kapitän von der Sklaverei hält, doch als später wirklich Sklaven an Bord genommen werden, erfährt man wenig darüber, was das mit Nickelsen macht, welche Erinnerungen es wach ruft und wie er damit umgeht. Innenansicht war schon in Der General des Bey nicht Weinbörners Stärke, auch hier erfahren wir wenig über die Gedanken und Gefühle des Protagonisten. Durch die Taten des Kapitäns gewinnt man zwar eine Ahnung davon, doch bleibt das Ganze eher oberflächlich.

Lieber tot als Sklave ist ein spannender, informativer und interessanter Roman, der sich mit Schauplätzen, Personen und Themen abseits des historischen Mainstreams beschäftigt und trotz einiger Schwächen kurzweilige Lesestunden bietet.

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