Marlenes Geheimnis

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • Diana, 2017, Titel: 'Marlenes Geheimnis', Originalausgabe

Couch-Wertung:

83
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Rita Dell'Agnese
Drei Frauen und ihr Schicksal

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Okt 2017

Eva, Marlene und Christiane (genannt Nane): Die drei Frauen verschiedener Generationen tragen schwer an ihrem Schicksal. Eva, die nach dem Krieg als Sudetendeutsche aus ihrer Heimat in Tschechien vertrieben wird, findet am Bodensee ein neues Zuhause. Der Tod ihres Geliebten hat in der jungen Frau tiefe Narben hinterlassen. Mit ihrer kleinen Tochter versucht sie, wieder auf die Füße zu kommen und legt dafür Zielstrebigkeit und eine gewisse Härte an den Tag. Etwas, das die Tochter Marlene teilweise übernommen hat. Das kommt auch dem großen Gut, auf dem Obstanbau und eine Schnapsbrennerei betrieben wird, zugute. Als Eva stirbt, fährt Enkelin Nane auf das Gut ihrer Tante Marlene in Salem. Der Moment ist ideal: Nane fühlt sich ausgebrannt, kann ihrem Job als Pharmavertreterin nicht mehr gerecht werden. Zudem scheint ihr, dass sie mit Marlene noch etwas klären sollte. Ihre Kindheit hatte Nane einst auf dem Gut verbracht, seit sie jedoch ihren eigenen Weg eingeschlagen hat, ist das Verhältnis zwischen ihr und ihrer Tante Marlene eher gespannt. Zur Verbesserung trägt auch nicht bei, dass Nanes Mutter Vicky ein sehr schwieriges Verhältnis zu ihrer wesentlich älteren Schwester Marlene hat. Während Nane darüber nachdenkt, wie ihre Zukunft sein soll, vertieft sie sich in ein Tagebuch, das ihr die Großmutter Eva überlassen hat. So erfährt Nane mehr darüber, wie Eva aufgewachsen ist, wie sie die Kriegsjahre erlebte, was mit Evas Eltern geschah und wie es dazu kam, dass die Sudetendeutsche schließlich am Bodensee landete. Nach und nach offenbart sich auch, dass Marlene selbst ein Geheimnis in sich trägt.

Nette Unterhaltung

Brigitte Riebe setzt in ihrem Roman auf den Wechsel zwischen den Zeitebenen. Den historischen Teil siedelt sie in den Jahren des Zweiten Weltkriegs an, wo sie sich vor allem den Ereignissen in Tschechien zuwendet. Mit großer Wortgewandtheit erzählt Riebe vom Schicksal eines tschechischen Dorfes, das nach einem Anschlag auf den Präsidenten vernichtet wurde, von den Schwierigkeiten, mit denen die Sudetendeutschen konfrontiert waren, und schließlich von deren Vertreibung. Hier spricht die Autorin ein düsteres Kapitel in der Weltgeschichte an, das auch eine Facette des Weltkriegs ausmacht und von dem allgemein nur wenig bekannt ist. Hier sind viele unerwartete Wendungen zu finden, ist viel Unbekanntes zu entdecken. Die Schilderungen sind so lebendig und farbenfroh gehalten, dass man sich in die damalige Zeit versetzt fühlt und gut nachvollziehen kann, wie es den Betroffenen einst ging.

Etliche Ungenauigkeiten

Anders als der historische Teil präsentiert sich der Erzählstrang der Gegenwart oberflächlich und in einigen Bereichen unstimmig. Weder Nane noch ihre Tante Marlene werden wirkliche Sympathieträger, es fällt oft schwer, sich auf die Figuren ganz einzulassen oder sich ihnen nahe zu fühlen. Die Geschichte dümpelt vor sich hin, die Entwicklungen sind weder überraschend noch bieten sie eine Grundlage, um vertieft darüber nachzudenken. Dass der Gegenwartsteil - dem eindeutig mehr Gewicht zukommt, als der Vergangenheit dennoch nicht ganz abflacht, ist eher dem Thema Schnapsbrennerei und Obstanbau zu verdanken, das hier sehr anschaulich erklärt wird, ohne dass sich das Gefühl von Schulmeisterei einschleichen könnte. Die vielen angesprochenen Geheimnisse entpuppen sich schnell als Klischees und laden nicht dazu ein, sich in die Geschichte hinein zu versetzen.

Ärgerlich wird es, wenn man mit den entsprechenden Örtlichkeiten vertraut ist. So fährt etwa die am Bodensee aufgewachsene Nane von Lindau, wo sie ihre Mutter von der Bahn abholte, am Bodensee entlang nach Salem. Das mit einem sterbenskranken Hund, der dringend zum Tierarzt sollte, auf der Rückbank. Dass die gewählte Route um etliches länger dauert, als die direkte Verbindung zwischen Lindau und Salem, lässt irritiert den Kopf schütteln. Auch dass der sterbende Hund überlebt, darf unter den geschilderten Verhältnissen als absoluter Glücksfall gewertet werden. Zumindest Stirnrunzeln verursachen dürfte unter anderem auch die Szene, wonach sich Nane und Marlene in eine Autoschlange vor der Fähre einreihen, um nach Konstanz zu gelangen - das nicht etwa in Meersburg, sondern in Überlingen, von wo aus gar keine Fähre fährt. Eine Recherche vor Ort hätte solche Patzer eigentlich ausschließen müssen.

Marlenes Geheimnis ist die ideale Lektüre für lange Winterabende auf dem Sofa oder als Unterhaltung während der Fahrt zur Arbeit. So richtig tiefgründig ist aber höchstens der Erzählstrang, der die Leser in die Vergangenheit führt. Es gibt bei diesem Roman also noch etwas Spielraum nach oben.

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