Wolfsschwestern

  • Rowohlt
  • Erschienen: Januar 2017
  • 1
  • Rowohlt, 2016, Titel: 'Three Sisters, Three Queens', Originalausgabe
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Annette Gloser
881001

Histo-Couch Rezension vonSep 2017

Die ewige Verliererin

Im Januar 1503 ist Margaret Tudor zwölf Jahre alt. Lange hatte ihr Vater Heinrich VII. mit James, dem König der Schotten, über eine Ehe zwischen Margaret und James verhandelt. Nun findet endlich die Trauung statt. Aber James kommt nicht selbst nach London, ein Stellvertreter führt die junge Prinzessin zum Altar. Erst ein halbes Jahr später zieht König Heinrichs älteste Tochter mit großem Gefolge nach Schottland. Sie ist das Unterpfand für den Frieden zwischen England und seinem nördlichen Nachbarn. Hinter sich lässt sie London und ihre beiden Schwestern, die angeheiratete und schon verwitwete Katharina von Aragon und die jüngere leibliche Schwester Mary. Nicht nur die Verwandtschaft miteinander führt die jungen Frauen zusammen. Sie fühlen auch eine tiefe Bindung, geprägt von gegenseitiger Zuneigung, aber auch von Konkurrenz. Vor allem Margaret ist es wichtig, ihre Stellung zu betonen, nicht zu kurz zu kommen, geliebt, geachtet und akzeptiert zu werden. Nun muss sie ihre Schwestern verlassen, aber sie ist sicher, dass eine goldene Zukunft auf sie wartet, als Königin der Schotten wird sie immer die erste Dame im Land sein und muss niemandem den Vortritt lassen. Und tatsächlich wird Margaret von einem gebildeten und verständnisvollen Ehemann erwartet, der sein Land klug regiert und seine Gattin von Herzen liebt, seine zahlreichen nichtehelichen Kinder und deren Mütter allerdings ebenso. Dennoch kann Margaret sich einfinden in das fremde Land, dessen Königin sie ist. Sie bekommt fünf Kinder, aber nur ihr Sohn Jakob überlebt. Und immer sieht sie sich als Friedensbotschafterin. Als König James gegen England in den Krieg zieht, ist Margaret erneut schwanger. Sie ist verzweifelt, denn es ist ihr nicht gelungen, ihre wichtigste Aufgabe zu erfüllen, den Erhalt des Friedens. James fällt in der Schlacht und Margarets Schwester Katharina lässt seinen Leichnam nach London bringen. Ihrem Gemahl Heinrich  VIII. schickt sie James Mantel um ihm zu beweisen, wie gut sie ihre Aufgaben als Regentin erfüllt. Und in Schottland bleibt Margaret zurück, eine junge Frau ohne Erfahrung mit der Regierung eines Landes, einsam, gedemütigt und völlig überfordert.

Eine Frau zwischen allen Stühlen

Margaret Tudor ist eine hochinteressante Dame, allerdings geht es ihr im Tod wie im Leben: Angesichts der ganzen Tudor-Katastrophen und -Dramen am englischen Königshof verblasst ihre Geschichte und wird zum Nebenschauplatz. Dabei ist Margarets Leben nicht weniger dramatisch und von Katastrophen geprägt. Viele ihrer Entscheidungen sind nicht gerade klug zu nennen und man fragt sich beim Lesen ihrer Wikipedia- Biographie oft, wie sie denn nur so leichtsinnig sein, wie sie so überhastet Macht, Stellung, Gesundheit und auch die Wertschätzung ihrer Untergebenen aufs Spiel setzen konnte. Wolfsschwestern sucht und findet auch mögliche Antworten auf diese Fragen. Philippa Gregory hat sich, wie gewohnt, ihrer Protagonistin mit sehr viel Fingerspitzengefühl und Sensibilität genähert. So entsteht das Portrait einer Frau, die Zeit ihres Lebens mit viel Naivität an die guten Seiten ihrer Mitmenschen glaubte. Sie wollte geliebt werden und konnte sich nicht vorstellen, dass man sie verraten könnte. Immer wieder schätzt sie Charaktere falsch ein und trifft Entscheidungen, die letztendlich fatale Folgen für sie haben. Und nicht nur für sie, auch für das Land, welches sie für ihren Sohn Jakob regieren soll. Ihre Familie lebt in England, der englische König ist ihr Bruder. Dagegen stehen die Interessen Schottlands. Philippa Gregory schildert Margaret Tudor als eine Frau in einem immerwährenden Loyalitätskonflikt, eine junge Frau voller Sehnsucht nach Liebe und auch nach einer starken Schulter, an die sie sich anlehnen kann. Als Leser bekommt man einen guten Einblick in die politischen Zusammenhänge. Zugleich gelingt es der Autorin, uns die menschliche Seite dieser Tudor-Prinzessin nahe zu bringen.

Die Welt einer Prinzessin

Dies gelingt auch durch die Ich-Perspektive, die von der Autorin auch in diesem Roman gewählt wurde. Dabei ist Margaret Tudor nicht unbedingt eine sympathische Frau. Ein ausgeprägtes Standesbewusstsein und dazu permanente Hilflosigkeit, die Unfähigkeit, vorausschauend zu denken, der ständige Wunsch nach einem starken Mann, der ihr sagt, was sie tun soll, dies alles verhindert oft, dass man sich als moderne Leserin mit ihr identifizieren kann, dass man sich mit ihr solidarisiert. Dabei erlebt man Margaret jedoch ganz und gar als Frau ihrer Zeit und als Produkt der Erziehung durch ihre Großmutter Margaret Beaufort. Und dennoch kann man sich ihr in vielen Situationen sehr nahe fühlen, möchte sie manchmal bei den Schultern nehmen und kräftig durchschütteln, damit sie endlich zu Verstand kommt.

Philippa Gregory alias Margaret erzählt ihre Geschichte sehr geradlinig, ohne große Abschweifungen. Dennoch gibt es im Roman immer wieder Längen, in denen die Spannung deutlich abflacht. Vielleicht ist dies einfach der Situation geschuldet: Wenn eine Frau monatelang keine Entscheidung trifft, dann passiert auch nicht viel, das sich im Roman erzählen lässt. Spannend sind jedoch auch viele andere Protagonisten, die im Roman auftauchen und die von der Autorin sehr nuanciert und mit Sinn für das Wesentliche gestaltet wurden. Auch die Atmosphäre in sehr unterschiedlichen Lebenssituationen der Tudor-Prinzessin wird für den Leser spürbar. Besonders beklemmend sind jene Szenen, in denen Margaret gezwungen wird, in ihrer Ehe auszuharren, eine für Frauen der heutigen Zeit kaum nachvollziehbare Situation. Und so liefert auch dieser Roman eine detaillierte Darstellung der politischen Geschehnisse, verbunden mit einem psychologisch stimmigen Charakterbild der Hauptprotagonistin.                                                     

In gewohnter Qualität

Apropos "psychologisch stimmig": Der Autorin Philippa Gregory muss man bescheinigen, dass sie wie kaum eine zweite in der Lage ist, sich in historische Persönlichkeiten hinein zu versetzen und diese praktisch für sich selbst sprechen zu lassen. Eine enorme schriftstellerische und eben auch psychologische Leistung. Und so bietet Wolfsschwestern tatsächlich gewohnte Gregory-Qualität: Gut recherchiert und sensibel geschrieben entsteht das Lebensbild einer weiteren Tudor-Dame. Für Gregory-Fans ist dieses Buch sowieso ein Must-have. Wer die Tudors einmal aus einer ganz anderen Perspektive als gewohnt sehen möchte, auch der ist hier gut beraten. Insofern also eine uneingeschränkte Lesempfehlung!

Wolfsschwestern

Philippa Gregory, Rowohlt

Wolfsschwestern

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