Das Mädchen im schwarzen Nebel

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • Gmeiner, 2017, Titel: 'Das Mädchen im schwarzen Nebel', Originalausgabe

Couch-Wertung:

65
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Yvonne Schulze
Die Leiche im Kohlenmeiler

Buch-Rezension von Yvonne Schulze Sep 2017

Dr. Waldeck ist zurück, aber leider ohne Jakub und Mathilde, die neben Dr. Waldeck die wichtigsten Figuren im ersten Teil der in der Oberlausitz angesiedelten historischen Krimireihe von Ivonne Hübner waren. Der Cliffhanger aus dem ersten Teil Lausitzer Musen wird nicht aufgelöst, dafür kommen am Ende dieses Romans noch weitere offene Fäden dazu. Fans des Dreiergespanns Waldeck-Jakub-Mathilde, die sich auf ein Wiedersehen mit diesen Figuren gefreut haben, werden enttäuscht und der Verbleib von Jakub und Mathilde bleibt ungewiss. So begibt sich Dr. Waldeck nun allein auf Mörderjagd, nachdem der Köhler Lorenz in seinem Meiler eine verkohlte Leiche gefunden hat, deren Identität alle vor ein Rätsel stellt. Zur gleichen Zeit taucht eine Zigeunergruppe in der Gegend auf. Das Zigeunermädchen Rosana und ihre Familie haben vor drei Jahren just in dieser Gegend auf dem Hof des Bierbrauers Oswald überwintert, bis Rosanas Vater zu Unrecht des Bierpanschens beschuldigt wurde und unter mysteriösen Umständen im Gefängnis ums Leben kam. Es stellt sich recht schnell heraus, dass die unbekannte Leiche im Meiler etwas mit den Geschehnissen vor drei Jahren zu tun haben muss und Dr. Waldecks Spürsinn ist wieder gefragt. Akribisch sammelt er Puzzlesteinchen um Puzzlesteinchen, die allerdings lange kein richtiges Bild ergeben wollen.

Sympathischer Hobbydetektiv und stereotype Figuren

Ivonne Hübners neuer Roman ist zwar der zweite Teil einer Reihe, er kann aber ohne weiteres für sich allein gelesen werden und man muss den Vorgänger nicht kennen. Wer Lausitzer Musen jedoch gelesen hat, wird bekannte Personen vermissen, die im ersten Teil eine Rolle gespielt haben. Dr. Waldeck ermittelt wieder in gewohnt souveräner Art und geht auch diesmal gerne ungewöhnliche Wege. Sein einziger Fehler ist nur, dass er sich wieder in die falsche Frau verliebt, ansonsten hat er kaum Ecken und Kanten. Eine interessante Figur ist dagegen der Köhler Lorenz, der in seiner Charakterzeichnung ansatzweise etwas Tiefe bekommt. Alle anderen Charaktere werden von der Autorin in die Schubladen brave Helden, schöne kluge Frauen, hässliche und hinterhältige Bösewichte etc. eingeordnet. Wie ein Kohlemeiler aufgebaut ist und funktioniert, das weiß der Leser nach der Lektüre dieses Buches allerdings dann ganz genau.

Eine nicht unwesentliche Rolle spielen in diesem Roman die Zigeuner, vor allem das Mädchen Rosana. Dass das Leben der Zigeuner kein Zuckerschlecken war, ist hinlänglich bekannt, sowie auch die strengen Regeln und Hierarchien innerhalb eines Clans. Das Bild, das die Autorin in ihrem Roman vom Leben der Zigeuner entwirft, ist dagegen ein recht weichgezeichnetes, das wenig Ähnlichkeit mit dem durch Vorurteile, Entbehrungen und Ablehnung geprägten realen Leben des fahrenden Volkes jener Zeit hat, auch kommt die Kultur der Zigeuner hier kaum zum Tragen und reduziert sich auf die üblichen Klischees.     

Wenig Historisches und Null Lokalkolorit

Die Erzählung wechselt ständig zwischen den Ereignissen im Jahr 1813 und denen drei Jahre später im Jahr 1816, die Jahreszahlen zu Beginn eines jeden Kapitels helfen bei der Orientierung. Diese Jahreszahlen und die Kapitelüberschriften sind auch die einzigen Hinweise auf die Epoche, in der wir uns befinden. Eine zeitliche Einordnung der Handlung wäre ansonsten schwierig geworden, denn historische Ereignisse oder bekannte Zeitgenossen jener Zeit werden nur sehr rudimentär in Nebensätzen erwähnt. Eigentlich hätte die Handlung zu jeder x-beliebigen Zeit spielen können, es wäre kaum aufgefallen.

Ein Manko dieses Romans ist - und dieses Problem tauchte auch schon in Lausitzer Musen auf -, dass die Autorin zwar die Oberlausitz zum Ort ihrer Handlung wählt, auf regionale Besonderheiten dann aber so gut wie gar nicht eingeht. Tiefe Wälder, Köhlerei, Bierbrauer und eigensinnige Menschen gab es in vielen Teilen Deutschlands. Irgendwie drängt sich einem der Eindruck auf, dass sich die Autorin in der Geschichte ihrer Oberlausitzer Heimat kaum auskennt.

Mangelhaftes Lektorat

Der größte Kritikpunkt ist allerdings und das muss man hauptsächlich dem Gmeiner Verlag vorwerfen das gehäufte Auftreten von Rechtschreib-, Grammatik-, Interpunktions- und stilistischen Fehlern. Außerdem bedient sich die Autorin einer leicht antiquierten Sprache, wogegen grundsätzlich nichts einzuwenden ist, nur leider gelingt ihr dies nur bedingt und wirkt oft recht holprig. Und sie liebt das Wort "betreffend", das sie gerne und oft verwendet.

Massentaugliches Histotainment

Alles in allem ist Das Mädchen im schwarzen Nebel ein solide erzählter historischer Krimi für das Mainstreampublikum, der den genretypischen unkomplizierten Handlungsmustern folgt und primär unterhalten will. Er lässt sich entspannt lesen und stellt keine großen Anforderungen an den Leser. Der Spannungsbogen ist nicht allzu hoch und der erfahrene Krimileser wird sehr schnell herausfinden, in welcher Richtung die Auflösung zu suchen ist. Historische Fakten tauchen nur als sporadisch eingestreute Randnotizen auf, was den historischen Hintergrund austauschbar macht, auf der anderen Seite aber die Leser freuen wird, die gern einen verklärten Blick in die Vergangenheit werfen und mit möglichst wenig Geschichtswissen konfrontiert werden wollen.     

Das Mädchen im schwarzen Nebel

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