Die Stadt des Zaren

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  • Erschienen: August 2017
  • List, 2017, Titel: 'Die Stadt des Zaren', Originalausgabe
Die Stadt des Zaren
Die Stadt des Zaren
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Eva Schuster
80

Histo-Couch Rezension vonMär 2019

Sankt Petersburgs Anfänge, bildgewaltig in Szene gesetzt

Im Jahr 1703 setzt Zar Peter der Große zu einem monumentalen Vorhaben an: An der Newa beginnt der Bau der zukünftigen Stadt Sankt Petersburg. Geplant ist eine eindrucksvolle Metropole nach westlichem Vorbild, die vom ersten Spatenstich an hoffnungsvolle Siedler und Wagemutige aus ganz Europa anzieht.

Zu den Neuansiedlern gehört auch der deutsche Arzt Dr. Albrecht mit seiner Frau und ihren drei Kindern, dem kleinen Gustav, der vierzehnjährigen Paula und der achtzehnjährigen Helena. Während die burschikose Paula mit dem jungen Niederländer Willem die Wälder durchstreift, lässt sich die hübsche Helena auf eine heimliche Beziehung mit einem schwedischen Sträfling ein, die sie beide in Gefahr bringt.

Aus Florenz kommen unterdessen die ungleichen Brüder Matteo und Francesco und suchen ihr Glück als Architekten in der neuen Stadt. All diese Menschen und noch viele mehr stehen vor den größten Herausforderungen ihres Lebens, während allen Rückschlägen zum Trotz eine gewaltige Stadt heranwächst …

Die dramatische Geburt einer Stadt

Nach ihrer Wolga-Siedler-Trilogie widmet sich Martina Sahler mit „Die Stadt des Zaren“ erneut einem Kapitel der russischen Geschichte. Der Auftakt der Sankt-Petersburg-Reihe erzählt anschaulich von den ersten Entstehungsjahren der legendären Stadt, die heute das kulturelle Zentrum des Landes bildet. Kaum vorstellbar, dass die Metropole mit ihren unzähligen Prachtbauten einst aus einer öden Sumpflandschaft geschaffen wurde - daraus ergibt sich ein wunderbarer Stoff für einen historischen Roman, den die Autorin gekonnt mit reizvollen Einzelschicksalen verknüpft.

Liebe, Intrige und Gefahren

In den ersten Entstehungsjahren warten auf die hoffnungsvollen neuen Siedler allerdings zunächst allerhand Probleme. Auf Luxus müssen sie verzichten, die Naturgewalten drohen das ganze Unternehmen zum Scheitern zu verurteilen, und jeder kämpft für sich mit emotionalen Verwicklungen. Im Mittelpunkt der Handlung stehen die Arzttöchter Paula und Helena. Helenas Liebe zu dem schwedischen Zwangsarbeiter Eric muss vor allen Außenstehenden verborgen bleiben, erst recht, als Helena nach einem Unglücksfall um sein Leben fürchten muss. Zudem belastet die junge Frau, dass Eric eine Verlobte in der Heimat hat - wird er bei ihr im unwirtlichen Sankt Petersburg bleiben oder doch bei der ersten Gelegenheit nach Schweden zurückkehren? Ihre jüngere Schwester geht zunächst sorgenfreier durchs Leben, aber der Kummer der ersten Liebe holt auch sie bald ein. Beide Schwestern sind gelungene Figuren, die das Herz des Lesers berühren und an deren Leben man gerne Anteil nimmt.

Ein weiterer Strang dreht sich um die ungleichen italienischen Brüder Matteo und Francesco. Matteo ist der charmante Draufgänger, der reihenweise Frauenherzen bricht und sich immer im besten Licht darzustellen weiß. Francesco ist der stille kluge Kopf, der sich in seiner Arbeit vergräbt. Niemand weiß, dass seine Liebe ausgerechnet Matteos Verlobter Chiara gehört, am wenigsten sie selbst. Auch hier darf man gespannt sein, was das Leben in Sankt Petersburg für die beiden jungen Männer bereithält. Eine besonders interessante Nebenfigur ist der kleinwüchsige Kostja, ein mit dem zweiten Gesicht ausgestatteter “Gottesnarr”. Der clevere und gewitzte kleine Mann beobachtet heimlich aus seinen Verstecken so manches Drama unter den Siedlern und ist für den Zaren eine wichtige Informationsquelle.

Gute Balance

Sehr gut gelingt die Balance zwischen historischen Fakten und Unterhaltung. Zwar liegt der Fokus auf den (fiktiven) Schicksalen der Hauptcharaktere. Aber auch von Zar Peter und seinem Wirken erhält der Leser ein detailliertes Bild. Er erscheint als faszinierende, aber auch zwiespältige Herrschergestalt; einerseits ein Mann des Fortschritts und der Moderne, der charismatisch auftritt, Sinn für Humor hat und Intelligenz ausstrahlt. Andererseits kann er auch gnadenlos gegenüber jenen sein, die seinen Zielen im Weg stehen. Er wird gleichermaßen verehrt und gefürchtet, und manch ein Leser wird sicher durch den Roman dazu inspiriert, sich näher mit dieser facettenreichen Persönlichkeit auseinanderzusetzen.

Kleine Schwächen im Gesamtbild

Bei aller gelungenen Unterhaltung ist der Roman insgesamt ein wenig überfrachtet mit der Fülle an Figuren und somit Handlungssträngen. Die Geschichte von Matteo und Franceso etwa ist kaum weniger interessant als die der Arzttöchter Paula und Helena; allerdings wird ihnen weniger Raum gewidmet, sodass ihre Geschichte mehr an der Oberfläche bleibt. Das gilt erst recht für den Strang um Graf Fjodor, seine intrigante Frau Viktoria und deren Tochter Arina. Viktoria hat es sich in den Kopf gesetzt, dass ihre Tochter Zar Peter bezirzen soll, sehr zum Unwillen der schüchternen Arina. Verbunden mit diesem Strang ist das Schicksal der Leibeigenen Zoja, einer schönen und stolzen Frau, die von ihrer Herrin Viktoria schlimmste Erniedrigung erfährt. Vor allem Zoja ist ein interessanter Charakter, bei dem man es bedauert, dass ihr nicht mehr Platz in der Gesamthandlung zugewiesen wird.

Fazit:

Der flüssige Erzählstil sorgt dafür, dass sich während der Lektüre keine Längen einstellen. Eine ausgiebige Zeittafel gibt einen guten Überblick zu den historischen Ereignissen, das Nachwort hält ergänzende Informationen und weitergehende Literaturtipps bereit. Insgesamt handelt es sich bei „Die Stadt des Zaren“ um einen kurzweiligen Roman zur Gründungsgeschichte von Sankt Petersburg, der durch bewegende Einzelschicksale und fundierte Recherche überzeugt.

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