Der Herr der Bogenschützen

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • Droemer-Knaur, 2017, Titel: 'Der Herr der Bogenschützen', Originalausgabe

Couch-Wertung:

93
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Yvonne Schulze
Ein genialer Bogenschütze und eine verblendete Jungfrau

Buch-Rezension von Yvonne Schulze Aug 2017

1399 wird der englische König Richard II. von seinem Vetter Henry Bolingbroke, der als Henry IV. den englischen Thron besteigt, entmachtet und wenig später in dessen Auftrag ermordet. Diesem Mordkomplott fallen auch Richards treue Anhänger zum Opfer, unter anderem John Holland Herzog von Exeter, der zugleich ein enger Verwandter der beiden Könige ist. John Holland wird enteignet und ihm werden sämtliche Titel aberkannt, seine Witwe wird unter ihrem Stand verheiratet und seine drei minderjährigen Söhne werden von der Mutter getrennt und zu Pflegeeltern gegeben. Der älteste Sohn Richard, der die Ermordung seines Vaters miterleben musste und selbst grausam misshandelt wurde, ist tief traumatisiert und nimmt sich das Leben. Auf dem Sterbebett lässt er seinen jüngeren Bruder John schwören, alles daran zu setzen, die Familienehre wiederherzustellen, die aberkannten Titel zurückzugewinnen und Rache an den Schuldigen zu nehmen. Dieser Eid wird Johns weiteres Leben entscheidend beeinflussen. Da ihm eine Laufbahn als Ritter verwehrt bleibt, lässt er sich zum Bogenschützen ausbilden und zieht als Anführer der gefürchteten Bogenschützen auf die Schlachtfelder des Hundertjährigen Krieges. Nachdem er König Henry V. bei der Schlacht von Azincourt das Leben rettet, beginnt sein Aufstieg zum erfolgreichen Heerführer.

Ein unerschrockener Kämpfer und geradliniger Charakter

Unzählige historische Romane haben bereits den Hundertjährigen Krieg thematisiert. Die politischen Verhältnisse, die berühmt-berüchtigten Schlachten und all die darin verwickelten Beteiligten sind geschichtsinteressierten Lesern weitestgehend bekannt. Mac P. Lorne holt mit seinem Protagonisten John Holland einen Mann aus der Versenkung, der zu Lebzeiten offensichtlich eine gewisse Berühmtheit hatte, dann aber zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. Er lässt vor den Augen des Lesers diesen charismatischen Mann wieder auferstehen, bleibt dabei aber nah an den bekannten biografischen Daten und historischen Fakten und lässt nur dort seine Fantasie spielen, wo die Geschichtsschreibung Lücken aufweist oder widersprüchlich ist. Geschickt verwebt der Autor Historie und Fiktion, sodass die Grenzen fließend werden und am Ende ein Gesamtbild entsteht, bei dem der Leser das Gefühl hat, dass sich alles genauso zugetragen haben könnte. Auf spannende und unterhaltsame Art zeichnet er ein opulentes Gemälde einer Zeit, die von Gewalt und Krieg, Unrecht und Intrigen geprägt war. Da sich John Hollands Leben zum Großteil auf den Schlachtfeldern des Hundertjährigen Krieges abgespielt hat, liegt es natürlich in der Natur der Sache, dass diese einen nicht unwesentlichen Teil der Handlung bestimmen. Der Autor nimmt hierbei kein Blatt vor den Mund und nennt die Dinge beim Namen, doch ist es bei ihm keine Zurschaustellung von Brutalität der bloßen Effekthascherei willen, sondern die Veranschaulichung einer gewalttätigen Zeit, in der ein Menschenleben nicht viel galt.

Das Who-is-Who jener Zeit

Eine Vielzahl von Personen tritt in diesem Roman auf und bei einem Großteil von ihnen handelt es sich nicht um fiktive Figuren, sondern um Menschen, die historisch belegt sind. Da fällt es manchmal schwer, den Überblick zu behalten oder die verwandtschaftlichen Verbindungen zu durchschauen. Wer hier nicht über Vorkenntnisse verfügt, muss aufmerksam lesen, zumal auch so manche wichtige Person nur eine kurze Gastrolle hat. Den immensen Rechercheaufwand des Autors kann man nur erahnen und deshalb verzeiht man ihm gerne, dass aufgrund der Fülle an Personen und der dichtgedrängten Ereignisse die Figurenzeichnung oftmals auf der Strecke bleibt. 

Die Entzauberung eines Mythos

In einem zweiten Handlungsstrang widmet sich der Autor dem Leben von Jeanne d´Arc, die als "Jungfrau von Orléans" in die Geschichte eingegangen ist. Das Bild, das Mac P. Lorne von dieser Frau zeichnet, hat allerdings nichts mit der legendenverklärten Märtyrerin und dem sie noch heute umgebenden Mythos zu tun. Mutig holt er die Dame von ihrem Sockel, kappt ihren Heiligenschein und stellt sie als das dar, was sie offensichtlich war - eine religiöse Fanatikerin, die einen fast beendeten Krieg wieder neu entfacht und um 25 Jahre verlängert hat, die in ihrem Gotteswahn ohne mit der Wimper zu zucken über Tausende von Leichen ihrer eigenen Landsleute gegangen ist und unnötiges Leid und Elend über die Zivilbevölkerung gebracht hat. Keine der englischen Armeen hat in Frankreich so gewütet, wie das Heer der Jeanne d´Arc. Die Begegnung zwischen ihr und John Holland ist eine der Schlüsselszenen in diesem Roman.       

Der Herr der Bogenschützen ist ein rundum gelungener Histo-Schmöker im besten Wortsinn. Mac P. Lorne präsentiert Geschichtsunterricht auf spannende und unterhaltsame Art und führt damit die landläufige Meinung ad absurdum, dass ein historischer Roman, der tatsächlichen geschichtlichen Ereignissen viel Raum gibt und dabei nah an den Fakten bleibt, zwangsläufig langweilig sein muss.

Der Knaur Verlag hat diesen lesenswerten Roman wieder mit einem gelungenen Cover versehen und mit einem umfangreichen Anhang ausgestattet, der das Herz jedes geschichtsbegeisterten Lesers höher schlagen lässt. Neben einer Landkarte, einem Personenverzeichnis mit den wichtigsten Figuren, einer Zeittafel und einem Glossar gibt es auch ein interessantes Nachwort des Autors und eine Auswahl weiterführender Literatur.   

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