Das Café unter den Linden

  • Aufbau
  • Erschienen: Januar 2017
  • Aufbau, 2017, Titel: 'Das Café unter den Linden', Originalausgabe
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Yvonne Schulze
56

Histo-Couch Rezension vonJul 2017

Berliner Roaring Twenties auf Sparflamme

Im Frühjahr 1925 kommt die junge und recht naive Elfride Lack, genannt Fritzi, gemeinsam mit ihrer Schreibmaschine in Berlin an. Sie hat ihrer heimatlichen süddeutschen Provinz den Rücken gekehrt, um in Berlin beim Grafen von Keller, dem ihr Vater einst gedient hatte, als Tippfräulein in den Dienst zu treten. Graf Hans von Keller ist nicht der ältere Herr, den sie erwartet, sondern ein zwar kriegsversehrter, aber ansonsten recht ansehnlicher Mann in den besten Jahren und sein Herrenhaus samt Anwesen entpuppt sich recht schnell als Künstlerkolonie. Nach einem rüden Empfang findet Fritzi erst einmal Unterschlupf bei Rosa und Wlad, einem schwulen Paar, bis sie letztendlich als Sekretärin in den Dienst des Grafen tritt. Ihr großer Traum ist es, eine erfolgreiche Drehbuchautorin zu werden und das ist auch einer der Gründe, warum sie nach Berlin gekommen ist, nachdem ihr erster Versuch eines avantgardistischen Krippenspiels in der heimischen Provinz kläglich scheiterte. Es dauert nicht lange und Fritzi steckt mitten drin in der Berliner Boheme der Zwanziger Jahre.

Missglückte Umsetzung eines interessanten Themas

Seit Volker Kutschers herausragender Krimireihe um Gereon Rath und Susanne Gogas nicht minder erfolgreicher Leo-Wechsler-Serie sind Romane, die im Berlin der Goldenen Zwanziger spielen, en vogue geworden. Nur wenige Autoren schaffen es, das besondere Flair Berlins mit all seinen Licht und Schattenseiten einzufangen, Frau Weng gehört leider nicht dazu. Die Autorin Ulrike Renk attestiert dem Roman auf dem Rückcover zwar "viel Flair des Berlin der 20er Jahre", jedoch hat Frau Renk offensichtlich ein anderes Buch gelesen, denn besagtes Flair muss man hier mit der Lupe suchen. Auch der besondere Ruf der Stadt als Kunst- und Kulturmetropole einerseits und Sündenbabel der Republik anderseits geht hier vollständig unter. In den Zwanziger Jahren steppte in Berlin der Bär, bei Frau Weng liegt er im tiefsten Winterschlaf. Ein Grund dafür mag sein, dass sich die Handlung hauptsächlich im Mikrokosmos des gräflichen Grundstücks bewegt, mit gelegentlichen Abstechern ins titelgebende Café unter den Linden, das hier allerdings keine große Rolle spielt. Summa summarum: Der Roman hätte sonstwo spielen können, es wäre nicht aufgefallen.

Die Handlung ist ziemlich überschaubar gestrickt und bedient sich althergebrachter Klischees. Die Berliner Kunstszene und die Rolle der Stadt als Filmmetropole werden nur oberflächlich anskizziert und die Autorin beschränkt sich auf gelegentliches Namedropping, ohne ein wirklich aussagekräftiges Bild zu zeichnen. Oberflächlich ist auch die Figurenzeichnung. Lediglich Fritzi ist nicht ganz so eingleisig geraten wie der Rest des Personals und bei Fritzi findet auch so etwas wie eine Entwicklung statt, auch wenn das Potenzial, das diese Figur bietet, nicht vollends ausgeschöpft wird. Auffällig ist, dass die Hälfte der Protagonisten homosexuell ist, was diese dann auch relativ offen und freizügig zur Schau stellen. In Anbetracht des damals gültigen Unzuchtparagraphen, der Homosexualität mit langen Haftstrafen ahndete, ist dieser offene Umgang damit kaum glaubwürdig. 

Man kann diesem Roman einen gewissen Unterhaltungswert sicher nicht absprechen und es gibt einige durchaus gelungene Szenen, die den Leser bei Laune halten. Unterm Strich gesehen bleibt die Handlung jedoch weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Man sollte als Leser also nicht mit der Erwartung an dieses Buch herangehen, hier einen historischen Roman in der Hand zu haben, der ein Stück Zeitgeschichte porträtiert. Vielmehr ist es ein historisch verbrämter Unterhaltungsroman, der einen klischeehaften Blick in die Vergangenheit wirft und einer Liebesgeschichte viel Raum gibt. Das besondere Flair Berlins, seine Pracht und Dekadenz jener Zeit kommen leider kaum zum Tragen.

Orthographische und sprachliche Defizite

Das größte Manko aber ist die Sprache. Die Autorin steht nicht nur mit dem Genitiv auf Kriegsfuß, sondern mit der Virtuosität der deutschen Sprache an sich, von der Rechtschreibung mal ganz zu schweigen. Anders lassen sich solche vermehrt auftretenden, verunglückten Satzgebilde nicht erklären:

 

"Das war im Herbst 23, und ihm (!) Juni 24 ist Walter abends wie jeden Tag nach Hause gekommen, er hatte gerade Arbeit in einer Jazzkapelle, er ist also heimgekommen, und seine Frau, die hat ihn schon erwartet. Mit der geladenen Pistole."

 

Diese infantilen Dialoge legt die Autorin oft und gerne ihren Protagonisten in den Mund, auch den angeblich intellektuellen und gebildeten Charakteren. Die "tannenhonigfarbenen Augen" von Hans tauchen in schöner Regelmäßigkeit auf, gefolgt von ständigen Wiederholungen der immer gleichen Charaktereigenschaften oder Gedankengänge der Protagonisten mit nahezu identischer Wortwahl. Das Ganze ist gepaart mit einer enervierenden Unart, Adjektive zu doppeln. Dann ist nicht mehr von einer "herrlichen Glocke" die Rede, sondern von einer "herrlichen, herrlichen Glocke". Und wenn auf Seite 186 nahezu 14 x das Wort "hatte/n" auftaucht, würde jede Grundschullehrerin zum Rotstift greifen und eine Sechs unter den Aufsatz ihres Viertklässlers setzen. Falls dieser Erzählstil als Stilmittel gedacht war, ist das gründlich danebengegangen.

Das Café unter den Linden ist eine uninspiriert erzählte Geschichte, die man lesen kann, wenn man simple Liebesgeschichten vor kaum vorhandener historischer Kulisse mag. Wer das besondere Flair des Berlin der Zwanziger Jahre sucht, sollte lieber zu anderen Romanen greifen, denn es gibt Autoren, die diese pulsierende Zeit mit all ihren Facetten einzufangen verstehen und vor den Augen des Lesers ein pralles Gemälde dieser Metropole entstehen lassen.

Das Café unter den Linden

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