Lumpenball

  • Emons
  • Erschienen: Januar 2017
  • 1
  • Emons, 2017, Titel: 'Lumpenball', Originalausgabe
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Annette Gloser
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Histo-Couch Rezension vonJul 2017

Een echte köllsche Meeche

Fanny Meyer ist wahrhaftig ein echtes Kölner Mädchen und als Schauspielerin am Städtischen Puppentheater auch in der Mundart ihrer Heimatstadt zu Hause. Im Januar 1933 hat sie nichts anderes im Sinn, als Karneval zu feiern und gemeinsam mit ein paar Kolleginnen beim Lumpenball im "Decke Tommes" aufzutreten. Kunst und Literatur sind ihre Welt, Politik interessiert Fanny nicht. Sie fühlt sich sicher in ihrer Heimatstadt und vor allem fühlt sie sich überhaupt nicht als Jüdin. Ihr Vater ist Jude, die Mutter jedoch Christin. Und niemand in der Familie interessiert sich für Religion, weder für die eine noch für die andere. Aber dann ernennt Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler, der Reichstag brennt und schon wenige Wochen später ist nichts mehr, wie es war. Am 1. April 1933 stehen SA- Männer vor dem Geschäft des Vaters und rufen zum Judenboykott auf, die Leitung des Puppentheaters meldet "nach oben" dass die Schauspielerin Fanny Meyer Jüdin sei und früher freundliche Nachbarn reden nicht mehr mit der Familie. Aber noch glaubt Fanny nicht daran, dass ihr in ihrem geliebten Köln eine Gefahr droht. Auch als sie im Puppentheater entlassen wird, als es für die Familie immer schwieriger wird, den Lebensunterhalt zu bestreiten: Fanny will nicht gehen. Und irgendwann kann sie es auch gar nicht mehr.

Eine berührende Geschichte

Autorin Marina Barth hat hier ein fiktives Portrait einer jungen Frau geschrieben, die tatsächlich in Köln gelebt hat. Sie geht in ihrem ausführlichen Nachwort darauf ein, das ausnahmsweise bereits an dieser Stelle allen Lesern ans Herz gelegt sei. Über die reale Fanny Meyer sind einige Fakten bekannt, an vielen Stellen war die Autorin jedoch auf Vermutungen angewiesen. So ist ein Roman entstanden, der auf den bekannten Tatsachen basiert und dennoch Fiktion bleiben muss. Die vielen Lücken zwischen den wenigen Fakten hat Marina Barth mit sehr viel Fingerspitzengefühl geschlossen. Und auch wenn hier die Phantasie ein wichtiges Hilfsmittel war, so ist doch das zutiefst berührende Bild einer jungen, lebenslustigen Frau entstanden, so nah wie nur möglich an der Realität, so glaubhaft, dass man keinen einzigen Moment an der Wahrheit dieser Geschichte zweifelt. Dabei hat die Autorin nicht nur das Leben ihrer Protagonistin, sondern auch die Geschichte der Judenverfolgung ab 1933 in Köln sehr genau recherchiert. Auch dies hat großen Anteil daran, dass der Roman so real wirkt. Viele Persönlichkeiten aus der Kölner Geschichte tauchen hier auf und es entsteht vor den Augen des Lesers ein sehr lebendiges Bild der Stadt in den dreißiger Jahren. Kein sehr schmeichelhaftes übrigens, aber dafür sehr braun. Ein Stück Geschichte, das so mancher Kölner Lokalpatriot vielleicht gerne ignorieren würde. Was man hier liest, das ist teilweise so einfach und banal, dabei so gemein, das geht unter die Haut.

Jüdin über Nacht

Der Roman wird in der Ich-Form erzählt, man erlebt die Geschichte also aus der Sicht Fanny Meyers. Marina Barth hat hier sehr sensibel die Gedanken und Gefühle der jungen Frau nachempfunden, ihre Freude am Leben, ihre Sehnsucht nach Spaß und auch ihr Desinteresse an der Politik. Und so wird begreifbar, warum so viele Menschen darauf vertrauten, in ihrer deutschen Heimat sicher zu sein. Ganz langsam verläuft der Erkenntnisprozess bei Fanny, illustriert durch viele, viele Details des alltäglichen Lebens. Und noch ein ganz wichtiger Aspekt wird hier von der Autorin beleuchtet: Es dauert lange, bis der Familie klar wird, dass es hier gar nicht um Religion geht. Fanny ist gar keine Jüdin, aber durch die abstruse Rassenkunde der Nazis wird sie plötzlich zu einer. Nach jüdischem Gesetz sind nur die Kinder einer jüdischen Frau selbst auch Juden. Fanny dagegen hatte einen jüdischen Vater. So wie ihr ging es tausenden Menschen in Deutschland, die sich über Nacht plötzlich in Juden verwandelten und vorher nie auf die Idee gekommen wären, es zu sein. Und die sich plötzlich einer Gefahr gegenüber sahen, die sie niemals einkalkuliert hatten.

Der Roman zeigt nicht nur das mit vielen Feinheiten gezeichnete Portrait der Kölner Schauspielerin Fanny Meyer, er beleuchtet gnadenlos Mitläufertum und fanatischen Irrglauben an eine menschenverachtende Diktatur. Es entsteht eine beklemmende Atmosphäre, die man als Leser sehr genau spürt und in der man dieser jungen Frau, die da so frei von sich erzählt, einfach nur zurufen möchte: "Lauf weg! Lauf um dein Leben!"

Ein Stein auf dem Grab

Lumpenball ist hervorragend recherchiert, aber das alleine macht noch keinen guten Roman aus. Genauso wichtig ist das schriftstellerische Geschick, mit dem die recherchierten Fakten mit Leben erfüllt werden. Beides hat sich in diesem Roman vereint, macht ihn intensiv und zum Zeugnis einer großen, menschgemachten Katastrophe. Das Nachwort stellt noch einmal das Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit dar, dort findet man auch ein Foto Fannys. Zusätzlich gibt es ein Personenverzeichnis, in dem das Schicksal vieler Menschen, die in diesem Roman eine Rolle spielen, kurz geschildert wird.

Marina Barth wünscht sich, dass dieses Buch ein Steinchen sein soll, so wie auf einem jüdischen Friedhof Steine auf das Grab gelegt werden. Vielleicht ist ihr mit diesem Roman etwas ganz Seltenes gelungen, etwas, was nur wenige Romane auszeichnet: Wahrhaftigkeit. Fanny Meyer hat kein Grab, aber sie hat einen Stein. Einen ganz besonderen.

Lumpenball

Marina Barth, Emons

Lumpenball

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