Fluch über Rungholt

  • Gmeiner
  • Erschienen: Januar 2017
  • Gmeiner, 2017, Titel: 'Fluch über Rungholt', Originalausgabe
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Jörg Kijanski
65

Histo-Couch Rezension vonFeb 2017

Eine Insel vor dem Untergang

Rungholt gehörte zur nordfriesischen Küstenlandschaft Strand und versank vermutlich in der "Zweiten Marcellusflut", der "Grote Mandränke", am 16. Januar 1362. Dies sollte bekannt sein, da man erst auf den letzten Seiten des Romans erfährt, wann dieser spielt. Er endet mit dem Untergang der Insel, den selbst Pfarrer Asmus herbeisehnt, angesichts des gottlosen Lebens, welches seit längerer Zeit Einzug gehalten hat. Glücksspiel, Saufgelage und Schlägereien sind an der Tagesordnung, ohne dass es die Menschen zu stören scheint. Schlimmer kann es kaum kommen, doch - wie so oft - ist dies auch hier möglich.

 

"Herr, ich flehe dich an, schick eine große Flut und spüle all diese Menschen von Rungholt in die Tiefe des Meeres. Besser noch: Versenke die ganze Insel! Reiß sie in den Tod. Sie haben nur noch das Verderben verdient! Erst Aug in Aug mit dem Tod werden sie möglicherweise eine Läuterung erfahren, ihren Irrweg erkennen und zum wahren Glauben zurückkehren!"

 

Zunächst wird die junge Tilda im Moor gefunden. Nackt mit einem kleinen Einstich in Herznähe. Wenige Tage später wird die Leiche von Enken aufgefunden. Ebenfalls unbekleidet im Moor und einem Einstich am Herzen. Für ein Messer sind die Einstichstellen zu klein, sie deuten eher auf Nadeln hin, wie sie die Engelsmacherin Silja verwendet, die prompt in den Verdacht eines aufgewiegelten Mobs gerät. Allein das Eingreifen von Shahid, einem Gelehrten aus dem Zweistromland, kann verhindern, dass Silja gelyncht wird.

 

"Ja, versammelt euch nur! Es ist viel leichter, der alten Silja die Morde anhängen zu wollen, als den Mörder in den eigenen Reihen zu suchen, nicht wahr? Sicher. Die Kräuterkundige ist freundlich zu jedermann. Doch sie ist fremd, sie gehört nicht nach Rungholt. Sie muss die Frauen getötet haben! Ihr Schwachköpfe!"

 

Es vergehen nur wenige Tage bis ein weiterer Mord geschieht. Arnft, ein Torfsieder der weitgehend verhasst war, weil er sämtlichen Frauen nachstellte - nicht selten mit Erfolg - wird tot in einem Siedetrog gefunden. Ein grässlicher Anblick angesichts seines gesichtslosen Schädels. Nur mühsam greift die Erkenntnis um sich, dass ein Mörder mitten unter den Bewohnern sein muss. Shahid will den Täter überführen, doch die Zeit drängt, schließlich ist er als Fremder selbst nicht unverdächtig&

Ein Zeitreisender, der Raum und Zeit mühelos überwindet, irritiert

Wer sich für das Leben im Mittelalter interessiert, findet in Fluch über Rungholt einen durchaus lesenswerten Roman, denn dieser zeigt detailliert auf, wie die Menschen damals lebten, dachten und handelten. Gottgefällig lebten sie nicht gerade, dennoch verbreitet sich großes Unwohlsein als eines Tages der Pfarrer verschwindet. Schließlich hatte er ja den nächsten Draht zum Herrn und wer weiß, ob man diesen nicht eines Tages wird gebrauchen können? Nicht alle sind davon überzeugt, dass der Deich größeren Wassermassen für immer standhalten wird.

 

"Die Hexe mag es schlicht für notwendig gehalten haben, dass der Tod diese beiden geschenkt bekommt. Zur Rettung der eigenen Seele! Eine Art Tauschhandel. Gut möglich. Sehr gut möglich sogar!"

 

Die Menschen sind einfältig, ihr Arbeitsalltag hart und monoton und so sind sie dem Glücksspiel teils ebenso verfallen wie dem Alkohol. Zu Frauen haben die Männer ein ambivalentes Verhältnis, wobei keineswegs immer klar ist, ob der Ehemann auch der Vater des "eigenen" Kindes ist. Man vertraut Salben und Tinkturen, wendet sich notfalls an die Heilerin Silja um Schadensbegrenzung zu betreiben und lässt sich doch vorschnell aufwiegeln, um der vermeintlichen Mörderin habhaft zu werden. So weit, so gut und interessant, was übrigens auch für die ausführlichen und informativen Anmerkungen am Ende des Buches gilt, die sich mit der Geschichte und dem Untergang Rungholts beschäftigen.

Allein man fragt sich, was die Autorin dazu gebracht hat, die Figur des Shahid einzubauen? Shahid ist ein Gelehrter aus dem Fernen Osten, der sich einst nach dem Tod von Frau und Kind selber töten wollte, jedoch in eine Zeitlücke fiel und seitdem als Zeitreisender unterwegs ist, um dort, wo er gebraucht wird, knifflige Todesfälle zu lösen. Wäre hier der Büttel der Stadt aktiv, wäre es ein durchweg stimmiger Historischer Roman; durch die Zeitreisekomponente kommt jedoch etwas Übernatürliches ins Spiel. Ohne Not und vor allem ohne erkennbaren Grund, denn abgesehen davon, dass Shahid "seine" Geschichte zwischendurch erzählt, ist er ein Mensch wie alle anderen Figuren auch. Allerdings ist Shahid, da er aus einer anderen Zeit stammt, den übrigen Rungholtern natürlich intellektuell weit überlegen und kommt mitunter altklug daher. Schade, für einen "Historischen Roman" gänzlich unnötig.

Fluch über Rungholt

, Gmeiner

Fluch über Rungholt

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