Sein blutiges Projekt

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • Europa, 2015, Titel: 'His Bloody Project', Originalausgabe

Couch-Wertung:

75
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Jörg Kijanski
Einblick in die (schottische) Kriminalgeschichte des 19. Jahrhunderts

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Feb 2017

Am 10. August 1869 wird das schottische Culduie in Ross-shire von einem Dreifachmord erschüttert. Der gerade einmal siebzehnjährige Roderick Macrae hat den Constable des Dorfes, Lachlan MacKenzie, sowie zwei seiner Kinder brutal erschlagen. Culduie ist ein winziges Dorf, bestehend aus neun Häusern oder besser gesagt Hütten und fünfundfünfzig Einwohnern. Die Menschen arbeiten als sogenannte Crofter, Kleinbauern. So bewirtet die Familie Macrae ein kleines, gepachtetes Feldstück und besitzt zudem zwei Milchkühe und sechs Schafe. Jeder kennt jeden, Kontakte zu anderen Dörfern sind selten, das Leben ist geprägt von harter Arbeit und zudem entbehrungsreich. Doch wie konnte es zu einem derart grausamen Vorfall kommen?

 

"Ich will damit einfach nur sagen, Mr. Macrae, dass ihm verschiedene Möglichkeiten offenstünden."

"Sie meinen, er könnte etwas Besseres werden als ein Crofter?"

"Ich würde nicht sagen, etwas Besseres, Mr. Macrae, aber etwas anderes. Ich bin lediglich hierhergekommen, um sicherzugehen, dass Sie wissen, welche Chancen sich Ihrem Sohn bieten."

"Wir brauchen keine Chancen. Der Junge soll auf dem Feld arbeiten und damit Geld für seine Familie verdienen."

 

Sein blutiges Projekt besteht wesentlich aus drei Teilen. Zunächst folgen die Aufzeichnungen des Roderick Macrae, welche dieser während seines Gefängnisaufenthaltes im Castle Inverness auf Anraten seines Rechtsbeistandes anfertigte. Danach folgt ein Bericht des Gefängnisarztes und Kriminalanthropologen James Bruce Thomson mit dem bezeichnenden Titel "Auszug aus Reisen in das Grenzland des Wahnsinns" und zuletzt ein ausführlicher Bericht über den Gerichtsprozess, in dem die Verteidigung versucht, auf "geistige Verwirrung" zu plädieren, um den Tod durch den Strang zu entgehen.

Lobeshymnen für "Thriller" unverständlich

Von Beginn an ist klar, dass Roderick die Morde begangen hat und so bleibt in puncto Spannung lediglich die Frage, ob es der Verteidigung gelingt, mit ihrem Antrag auf geistige Verwirrung durchzukommen. Wie man vor diesem Hintergrund von einem "raffinierten Thriller" (Daily Express) oder einem gar "meisterhaften psychologischen Thriller" (Shortlist Man Brooker Prize 2016) sprechen kann, bleibt ein Rätsel.

Gleichwohl ist das Buch als historischer Roman durchaus empfehlenswert. Zunächst zeigt sich anhand der Aufzeichnungen des Roderick Macrae, dass Armut nicht unbedingt Dummheit bedeuten muss. Zumindest für die damalige Zeit eine mitunter neue Erkenntnis, wie sich aus den späteren, von Arroganz gespickten Aufzeichnungen des Arztes Thompson ergibt. Roderick ist ein ruhiges Kind, lebt zurückgezogen in seiner Familie. Dennoch ist er in der Schule außergewöhnlich begabt, vor allem die Sprachen haben es ihm angetan und so sind seine Aufzeichnungen auch "literarisch" deutlich anspruchsvoller als man es bei einem siebzehnjährigen (Bauern) erwarten darf - so er diese denn geschrieben hat.

Packender Ausflug in die damalige Zeit

Roderick berichtet vom Tod seiner Mutter auf dem Kindbett, mit dem wohl alles abwärts ging. Seine Schwester Jetta ergriff die Schwermut, der Vater ließ sich und sein Grundstück zunehmend gehen und fiel in eine Art Lethargie. Das Leben für den jungen Roderick ist nicht einfach, zudem ist der neu gewählte Constable Lachlan MacKenzie alles andere als beliebt. Vor allem scheint er es jedoch auf das Grundstück der Macraes und auch auf Jetta abgesehen zu haben, denn die Familie wird zunehmend von ihm schikaniert und droht gar ihr Land zu verlieren.

 

"Die Untersuchung der Verbrecherrasse sollte sich nicht ausschließlich auf die Vererbung konzentrieren, sondern auch auf die Bedingungen achten, unten denen das degenerierte Individuum lebte. Die Vererbung kann nicht die alleinige Ursache für das Begehen eines Verbrechens sein. Der Gestank der Armenviertel, Hunger und ein allgemeines Milieu von Unmoral müssen als Faktoren miteinbezogen werden. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass  Kinder degenerierten Ursprungs, die aus den elenden Behausungen ihrer Eltern entfernt wurden, im Rahmen ihrer intellektuellen Möglichkeiten ein durchaus nutzbringendes Leben geführt haben."

 

Thompson berichtet anschließend von seinen Untersuchungen und Erkenntnissen über die "Verbrecherrassen" seiner Zeit. Hochmütig und selbstverliebt zeigt er die Überlegenheit des studierten Stadtmenschen gegenüber dem armen, ungebildeten Landvolk. Sein Sprachgebrauch ist verstörend, jedoch zumindest teilweise der damaligen Zeit geschuldet. Jedoch erhält man hierdurch einen sehr interessanten Einblick in die Anfänge der Kriminalpsychologie, denn die Frage nach der geistigen Zurechnungsfähigkeit war bis dato neu. Dementsprechend ist auch der abschließende Prozess von Interesse, wenngleich das Urteil kaum überraschen dürfte.

Wer sich für das Alltagsleben der Menschen im 19. Jahrhundert, hier in einem schottischen Dorf, sowie für Kriminalgeschichte interessiert, wird an dem Roman Sein blutiges Projekt durchaus seine Freude haben. Auch wenn es an Spannung im Sinne eines Thrillers fehlt, lässt sich das Buch gut in einem Rutsch durchlesen.

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