Im ersten Licht des Morgens

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Diana, 2015, Titel: 'Early One Morning', Originalausgabe

Couch-Wertung:

87
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Rita Dell'Agnese
Auf der Suche nach der Wahrheit

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Dez 2016

An einem frühen Morgen im Jahr 1943 erreicht Chiara Ravello der verschlüsselte Hilferuf eines Freundes. Die junge Frau aus Rom weiß, was das bedeutet: Die Deutschen sind den Freunden, die im Untergrund agieren, auf den Fersen. Ohne zu zögern macht sie sich auf den Weg ins jüdische Ghetto, um mitzuhelfen, Spuren zu beseitigen. Fassungslos erlebt Chiara, wie im Ghetto vorwiegend jüdische Frauen und Kinder zusammengetrieben und für die Deportation auf Lastwagen geladen werden. Eine junge Mutter bemerkt Chiara und schiebt ihr mit flehendem Blick ihren Sohn Daniele zu. Chiara versteht. Sie gibt Daniele als ihren Neffen aus und schafft es, ihn vor der Deportation zu bewahren. Sie nimmt ihn bei sich auf. Doch das verstörte Kind dankt es seiner Retterin nicht. Der Junge, der miterlebte, wie seine Familie verschwand, lehnt sich immer mehr gegen Chiara und sein Leben bei ihr auf. Nach und nach gerät Daniele auf die schiefe Bahn. 30 Jahre später, Chiara hat ihr Leben im Griff, lebt noch immer in Rom und arbeitet als Übersetzerin. Von Daniele hat sie seit Jahren nichts mehr gehört. Da meldet sich bei ihr eine unbekannte Engländerin. Sie bittet Chiara, der 15-jährigen Maria Obhut zu gewähren, die auf der Suche nach ihrem Vater ist: dem verschollenen Daniele. Unvermittelt steigt die Vergangenheit auf und Chiara muss sich den einstigen und längst verdrängten Lügen stellen.

Interessante Konstellation

Autorin Virginia Baily wählt eine interessante Konstellation für ihren Roman: Zum einen spielt die Geschichte während der deutschen Besetzung in Rom und in den Nachkriegsjahren, zum anderen in den frühen 70er Jahren. Beides für die heutige Leserschaft eindeutig in der Vergangenheit angesiedelt. Das muss man sich immer wieder vor Augen führen, wenn man sich gerade in den Kapiteln befindet, die im Jahr 1973 angesiedelt sind. Die Konstellation der Geschichte lässt die Leser gerne vergessen, dass sich der "neuere" Teil nicht in der aktuellen Gegenwart abspielt, was hin und wieder zu leichten Irritationen führen kann. Doch die Autorin geht sehr umsichtig mit ihrer Zeitsetzung um: Die 70er Jahre werden authentisch geschildert, es tauchen keine zu modernen Gerätschaften oder Lebensweisen darin auf. Die Kombination der beiden vergangenen Zeitebenen gibt Raum für eine intensive Geschichte. Zwar gibt es in beiden Erzählsträngen mehrere Szenen, die beim Leser Fragezeichen aufwerfen, doch mag man diese Stolpersteine vergessen angesichts der Geschichte, die durchaus gefangen nimmt.

Zwei verletzte Seelen

Sehr schön aufgefangen hat Virginia Baily die Situation des kleinen Daniele. Er reagiert so, wie es von einem Kind in seinem Alter zu erwarten ist: Dankbarkeit über seine Rettung kann er nicht empfinden, da er noch zu klein ist, um die Tragweite der Situation zu erkennen. Die unvermittelte Trennung von seiner Mutter löst in Daniele ein Trauma aus, das er alleine nicht bewältigen kann. Sein Abweichen vom rechten Weg, seine Auflehnung gegen Chiara, von der er sehr genau weiß, dass sie nicht seine Mutter ist, ist nachvollziehbar und sehr glaubwürdig dargestellt. Das gilt auch für Maria. Sie wächst zwar in einem behüteten Elternhaus auf, erfährt aber just in der Pubertät, dass der vermeintliche Vater nicht ihr leiblicher Vater ist. Nach einer anfänglichen Auflehnungsphase will Maria ihre Wurzeln kennen lernen und überredet die Eltern, sie zu Chiara nach Rom fahren zu lassen. Allerdings stellt genau das einen der Stolpersteine dar: Wie glaubwürdig ist es, dass 1973 eine Familie die 15-jährige alleine nach Rom zu einer unbekannten Frau reisen lässt, um den seit über 10 Jahren spurlos verschwundenen Vater der zudem bekanntermaßen in undurchsichtigen Kreisen verkehrt - zu suchen. Hier strapaziert Virginia Baily die Geschichte etwas gar fest.

Lockere Schreibweise

Sehr angenehm ist der Schreibstil der Autorin. Zwar bedient sie sich immer wieder heftig in der Klischee-Kiste, doch sie lädt ihr Publikum in die Geschichte ein und hält sie bis zuletzt quasi gefangen. Man mag sich kaum entziehen, will wissen, wie Chiara und Maria klar kommen. Sie sind die klaren Protagonistinnen des Romans.  Dass Daniele eher ein Schatten denn eine handelnde Figur ist, ist bedauerlich - es hätte der Geschichte gut angestanden, auch ihn als aktive Person einzubinden.  Alles in allem vermag Virginia Baily jedoch ein spannendes Zeitdokument vorzulegen, das noch lange in den Leserinnen und Lesern nachhallt. Sowohl der gewählte Schauplatz, als auch die Kombination der Charaktere entfalten sich zu einem wunderbaren, unterhaltsamen Roman.

Im ersten Licht des Morgens

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