Die Musik der verlorenen Kinder

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Aufbau, 2015, Titel: 'The Jazz Palace', Originalausgabe

Couch-Wertung:

75
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Nicole Goersch
Anschauliche Reise in die Anfänge des Jazz

Buch-Rezension von Nicole Goersch Dez 2016

Chicago zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Benny Lehrman arbeitet als Laufjunge für seinen Vater, der eine Mützenfabrik betreibt. Insgeheim hegt er jedoch den Wunsch, Pianist zu werden, fühlt sich aber nicht zu den klassischen Komponisten hingezogen, sondern zu der "Negermusik", wie seine Mutter es nennt, zum Jazz. Auf seinen nächtlichen Streifzügen lernt er den Trompeter Napoleon kennen und freundet sich mit ihm an. Gemeinsam spielen sie in dem Nachtclub, der von Pearl und ihren Geschwistern betrieben wird. Doch schon bald muss Benny erkennen, dass Musik nicht nur Freiheit, sondern auch hartes Geschäft bedeutet.

Umfangreiches Figurenaufgebot

Schon zu Beginn wird deutlich, dass die Autorin trotz des überschaubaren Umfangs - ein historisches Epos im Sinn hatte. Zahlreiche Biografien laufen zusammen und ineinander. Das erste Treffen von Benny und Pearl, als beide noch Kinder sind, bildet den Grundstein für diesen Roman. Unwissentlich, dass sich ihre Leben später erneut kreuzen werden, sind sie Zeugen eines großen Unglücks, das wegweisend für beider Zukunft ist.

Selbst die Randfiguren bekommen ein Gesicht wie z. B. der Metzger, der in seiner blutbesudelten Schürze am Tresen der Bar sitzt. Leider behält Mary Morris diese Ausführlichkeit nicht bei, so dass die Nebenfiguren mit zunehmender Geschichte zu einer grauen Hintergrundmasse verschwimmen. Gerade hier hätte man einen guten Ansatz für den Anspruch eines Generationenromans haben können.

Zu viele Beschreibungen, zu wenig direkte Rede

Die Beschreibung Chicagos zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist anschaulich, allerdings stellenweise etwas kurz geraten. So kann man sich zum Beispiel die Problematik zwischen der weißen und schwarzen Bevölkerung gut vorstellen, aber ein paar beispielhafte Szenen hätten dem ganzen Roman mehr Würze und Tiefgang verliehen.

Drastisch hingegen sind die Darstellungen der einzelnen Viertel der Stadt, die von ausgeprägtem Wohlstand bis bitterster Armut reichen, so dass man meint, den stinkenden Abfall riechen zu können oder von den weißen Säulen einer Villa geblendet zu sein. Meistens jedoch ist es rau und dreckig, so auch in den Bars, in denen Jazz gespielt wird. Das ist so einnehmend und bezaubernd in reizvolle Bilder gefasst, dass man förmlich die dunklen Töne des Klaviers säuselnd in einer lauen Sommernacht hören kann.

Die Art der Autorin, vergangene Szenen als Erinnerungsfetzen kurz berichtend zu umreißen, und aktuelles Geschehen in indirekter Rede wiederzugeben, nimmt dem Erzählverlauf entscheidend an Dynamik und liest sich hölzern. Auch bleibt der Leser bei manchen Szenen allein mit der Frage, warum die Autorin gerade dies erzählen wollte, da es nicht zum Fortgang der Geschichte beiträgt, z. B. wenn Benny fortwährend in Stofffetzen, die er seiner Mutter aus dem Nähzimmer stiehlt, masturbiert, oder dass Al Capone einem spontanen Einfall nachgibt und nach Kalifornien reist. Hier wäre Raum für interessantere Anekdoten gewesen.

Jazz in Worte gefasst

Die große Stärke des Romans sind die Bilder, mit denen die Musik, die Emotionen, die sie weckt, und die Gefühle, die sie freisetzt, in Worte gefasst werden. Als Beispiel sei ein Zitat angeführt (S. 177f.):

 

"Benny ließ seine Schritte anklingen, das Klopfen an die Tür, einen Schlag mit der Hand, einen Schrei. Er hätte nicht sagen können, woher seine Einfälle kamen, es war, als entstünden sie aus dem Nichts. Er fühlt sich wie in einer Schneekugel, in der die Musik um ihn wirbelte, bis sie in ihn drang und ihn erfüllte."

 

Um als großes Generationenepos benannt zu werden, fehlt es allerdings an ausgeprägten Figuren und lebendigen Anekdoten, wozu ohne weiteres berühmte Namen wie Al Capone oder Louis Armstrong beigetragen hätten.

Die Musik der verlorenen Kinder

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